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Platooning Autonome Lkw im Alltagsbetrieb

Auf der Bundesautobahn A9 startet die Zukunft des digitalen Konvoi-Fahrens.

MAN-Trucks
Die „Jungfernfahrt“ der MAN-Trucks am Montag auf der A9. Foto: man

Diesen Montag um genau 14.37 Uhr hat auf einem unscheinbaren Gelände der Deutsche Bahn-Tochter DB Schenker im Münchner Norden die Zukunft der Speditionsbranche begonnen. Davon sind zumindest  Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und Manager des Lkw-Bauers MAN sowie der Deutschen Bahn fest überzeugt. Was Scheuer ein Megaprojekt mit globaler Strahlkraft und DB-Vorstand Alexander Doll eine Weltpremiere nennt, ist der weltweit in der Tat erste Praxiseinsatz sogenannter Platooning-Lkw im Regelbetrieb. Auf der 145 Autobahnkilometer langen Strecke zwischen München und Nürnberg fahren ab sofort zwei mit der Technologie ausgerüstete MAN-Lastwagen, die mit Stückgut wie Maschinenteilen, Getränken oder Papier beladen sind hin und her.

Der Anblick könnte verstören. Das liegt vor allem an den Fahrern, die eine weiße mit 32 Elektroden zur Messung von Gehirnströmen bestückte Haube tragen. Zudem fahren die Laster im Abstand von nur 15 Metern, was eigentlich nicht erlaubt ist. Deutsche Gesetze sehen 50 Meter Mindestabstand zwischen zwei Lkw vor. Seitliche Aufschriften an den Lastern und ihren Anhängern liefern Verkehrsteilnehmern eine kurze Erklärung.

Platooning ist die digitale Variante des Konvoifahrens. Die Lkw werden dabei per Wlan und Computer vernetzt. Das Führungsfahrzeug gibt vor, wie schnell und in welche Richtung dahinter elektronisch angekoppelte Lastwagen fahren. Bremst der Führungs-Lkw, tut das automatisch so gut wie zeitgleich auch jeder Folge-Lkw. In der jetzigen Stufe der Technik müssen Fahrer dabei noch stets die Hände am Steuer haben. Für elektronisch angekoppelte Fahrer könnte sich das aber bald erübrigen. DB-Schenker erhofft sich durch das digitale Windschattenfahren bis zu zehn Prozent weniger Spritverbrauch für den Folge-Lkw. Weil ein Konvoi aus zwei Lkw statt heute 90 Metern Länge bei digitaler Koppelung auf 40 Meter schrumpft, werde auch mehr Platz auf Autobahnen geschaffen, verspricht Doll. Dazu fahre die Technik sicherer als jeder Mensch und der Verkehrsfluss werde harmonisiert, was weniger Staus bedeute.

Inwiefern diese Voraussagen auch im realen Fahrbetrieb und nicht nur in Laborsimulation eintreffen, wird nun im bis Ende des Jahres laufenden Projekt geklärt. Wissenschaftlich begleitet wird auch die Auswirkung auf den Fahrer, weshalb Hirnströme und Augenbewegungen überwacht werden. Für diesen Projektteil ist die private Hochschule Fresenius zuständig. Sie soll klären, ob Lkw-Fahrer entspannter am Steuer sitzen, wenn die Technik ihnen Arbeit abnimmt oder ob ihre Aufmerksamkeit dabei sinkt.

Etwas mulmig sei ihm schon, das Bremsen einer Software zu überlassen, räumt ein Fahrer von DB Schenker ein. Anderseits interessiere ihn die Technik. Vorerst bekomme er auch weiterhin volles Gehalt, auch wenn sein Lkw elektronisch an einen Vordermann angekoppelt ist und er selbst zeitweise gar nicht mehr lenke. Ob das auch so bleibt, ist nicht ausgemacht und eine der offenen Fragen der Platooning-Technik. Spediteure hoffen, durch sie die gesetzlichen Lenkzeiten verlängern und somit mehr als nur Spritkosten sparen zu können.

In Serie bauen könne MAN damit bestückte Lkw etwa ab 2020, erklärte der Vorstand von MAN Truck & Bus, Joachim Drees. Voraussetzung sei, dass die Politik bis dahin möglichst EU-weit die Gesetze entsprechend anpasst. Dazu gehört auch der Mindestabstand von Lkw auf Autobahnen. Die Politik werde nicht der Bremser sein, verspricht Scheuer. Er hofft auch darauf, dass der Mangelberuf Lkw-Fahrer per Digitaltechnik wieder attraktiver wird. "Mehr Bock auf den Bock machen", nennt er das. Zudem sieht er die Chance, dass Platooning-Technik made in Germany zu einem neuen Exportschlager wird.  

Im Rahmen des jetzigen Praxistests auf der A9 sind drei Fahren täglich und insgesamt 30.000 Kilometern Alltagsbetrieb vorgesehen. Zumindest auf einem Speditionsgelände von DB Schenker sollen bald auch Platooning-Lkw mit einer weiterführenden Autonomiestufe unterwegs sein, wo Fahrer von Folge-Lkw nicht mehr die Hand am Steuer haben müssen. In diesen lenkfreien Zeiten können sie dann Schreibkram erledigen. Im Kern gilt die Technologie als ausgereift. Eine Herausforderung sei es noch die digitale Kopplung verschiedener Hersteller aufeinander abzustimmen, um Lastwagen von MAN, Daimler & Co in einem Platoon fahren zu lassen, räumte Drees ein. Spediteure müssen auch noch ein Modell entwickeln, in dem die Sprit- und damit Kostenersparnis für Folge-Lkw auf einen gesamten Platooning-Konvoi verrechnet wird. Aber auch das wird sich digital regeln lassen.

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