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Plastikmüll Meerestiere leiden unter Plastikmüll

Plastik macht den größten Teil an Müll in den Weltmeeren aus. Der Abfall verschmutzt die Ozeane massiv. Dabei ist das genaue Ausmaß der Verschmutzung noch gar nicht abzusehen. Denn der Großteil des Mülls treibt offenbar nicht an der Oberfläche.

4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastikabfall geraten jährlich in die Meere. Foto: REUTERS

Menschen lassen Flaschen, Verpackungen und Tüten achtlos am Strand liegen, werfen sie vom Schiff aus ins Meer, schmeißen sie in Flüsse, entsorgen Abfall auch in großem Umfang unsachgemäß: Plastik gelangt auf vielen Wegen in die Ozeane und macht unter den Müllmassen, die dort schwimmen, den größten Anteil aus. Stephan Lutter, Experte für Meeresschutz bei der Umweltorganisation WWF, schätzt, dass auf einen Quadratkilometer Meer bis zu 46 000 Teile Plastikmüll kommen. Die genaue Menge lässt sich allerdings kaum bestimmen, sagt Melanie Bergmann, Meeresbiologin am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung.

Laut einer 2015 veröffentlichten Studie unter Leitung der US-Umweltingenieurin Jenna Jambeck von der Universität von Georgia in Athens geraten jedes Jahr zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastikabfall in die Meere. Die Wissenschaftler hatten für ihre Erhebung die Müllströme in 192 Küstenländern untersucht, 20 von ihnen sind für 83 Prozent des unsachgemäß entsorgten Plastikmülls verantwortlich. An der Spitze steht China, gefolgt von Indonesien und den Philippinen.

Die Forscher nutzten für ihre Studie Daten aus dem Jahr 2010; „wahrscheinlich ist die Menge seither weiter gestiegen“, vermutet Melanie Bergmann. Ein Hauptproblem sei es, „dass wir nicht genau wissen, wo ein Großteil bleibt“. Bisher habe sich die Forschung vor allem mit jenen Abfällen befasst, die sichtbar auf der Meeresoberfläche treiben. Wie viel allerdings noch in der Tiefsee und auf dem Boden lagere, sei weitgehend unbekannt. Und das könnte ein beträchtlicher Batzen sein, befürchtet die Meeresbiologin, denn: „Hausmüll ist meist schwerer als Meerwasser. Plastikflaschen beispielsweise sinken in der Regel sofort.“

Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts machen mit ihrem Tiefseeobservatorium in der Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen regelmäßig Aufnahmen des Meeresbodens. Die Ergebnisse sind beunruhigend: Selbst in 2500 Metern Tiefe fanden sich Abfälle en masse: Plastiktüten, Flaschen und Teile von Netzen etwa, die Menge hatte sich zwischen 2002 und 2011 von 3600 auf 7000 Stück pro Quadratkilometer verdoppelt.

Die Folgen dieser Verschmutzung sind noch gar nicht abzuschätzen, sagt Melanie Bergmann: „Man weiß wenig darüber, was der Müll mit dem Meeresboden macht.“ Auf jeden Fall wirkten Plastiktüten „anoxisch“. Das bedeutet: An Stellen, wo sie sich niederlassen, schwindet der Sauerstoff – der damit auch Muscheln, Schwämmen und anderen kleinen Tieren, die im Sediment leben, entzogen wird.

27 Partikel pro Vogelmagen

Überhaupt sind Tiere die Hauptleidtragenden des Mülls in den Meeren, jedes Jahr koste Plastik Zehntausende das Leben, sagt Stephan Lutter: Fische, Wale, aber vor allem auch Seevögel verwechselten Plastikteile mit Nahrung und verhungerten so oftmals „mit vollem Magen“. Eine Untersuchung toter Eissturmvögel dokumentiert dieses qualvolle Sterben dramatisch: Bei 93 Prozent der Tiere fanden die Wissenschaftler Plastikteile im Magen, im Schnitt 27 Partikel. Auch bei der Untersuchung der kürzlich gestrandeten Pottwale im Wattenmeer seien Autoteile aus Kunststoff, Plastikeimer und Reste von Fischernetzen entdeckt worden, sagt der Meeresexperte: „Auch wenn dies nicht die Todesursache war, illustriert dies das Ausmaß des Problems.“

Neben der akuten Gefahr durch das Verschlucken von großen Teilen spielt aber auch die langfristige Belastung durch Mikropartikel eine Rolle. Sie entstehen unter anderem, wenn große Plastikobjekte durch die Einwirkung von Licht, veränderten Temperaturen oder mechanischen Kräften zerbröseln. Weil sie so winzig sind, gelangen die Partikel leicht in den Körper von Meeresbewohnern, die sie zum Teil mit Plankton verwechseln – und über den Verzehr dieser Tiere kommen sie letztlich auch in den menschlichen Organismus, sagt Stephan Lutter.

Neben der Bedrohung für Mensch und Tier und das gesamte Ökosystem der Ozeane hat der Müll auch ökonomische Folgen – für Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus. Und selbst wenn irgendwann weniger Abfall in die Meere gelangen sollte, wird es mit der Gefährdung so schnell nicht vorbei sein: Bis zur völligen Zersetzung von Plastik können 300 bis 400 Jahre vergehen.

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