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Plastik „Es muss sich was ändern“

Einzelhandelsvertreter Stefan Genth spricht im Interview über die Plastikflut in den Läden.

Lebensmittel in Plastik
Brokkoli in Plastik: Zwei Drittel des Angebots in den Obst- und Gemüseabteilungen wird in Kunststoff verpackt verkauft. Foto: Imago

Herr Genth, mittlerweile werden fast zwei Drittel des Obst- und Gemüseangebots im deutschen Einzelhandel in industriell hergestellten Plastikverpackungen verkauft. 2016 fielen dabei nach einer Studie des Naturschutzbunds 93.000 Tonnen Kunststoffmüll an. Muss das sein?
Gute Frage. Einerseits werden bei uns 97 Prozent der Verpackungen aus Kunststoff verwertet. Sie werden recycelt oder erzeugen in Müllverbrennungsanlagen Strom. Das ist eine sehr hohe Verwertungsquote, die kein anderes europäisches Land erreicht. Unsere Plastikverpackungen landen also nicht im Meer.

Und andererseits?
Gibt es Produkte wie etwa Fleisch, Wurst und Fisch, die aus hygienischen Gründen verpackt werden müssen. Sie können zwar, um Verpackungsmüll zu vermeiden, an der Fleischtheke ihre Tupperdose mitbringen. Aber die darf wegen der Hygienevorschriften nicht hinter den Tresen gelangen. Ist also nicht so einfach. Außerdem bieten Plastikverpackungen Schutz vor Beschädigungen, zum Beispiel bei Tomaten oder Gurken. Und sie sorgen für längere Haltbarkeit. Aber dass sich im Verpackungsbereich etwas verändern muss, das sehen wir auch.

Was meinen Sie konkret?
Es gibt bereits viele unterschiedliche Ansätze, um entweder Kunststoffe ganz zu vermeiden oder den Anteil an recycelfähigem Material deutlich zu erhöhen. Es gibt Händler, die verzichten bei Bio-Avocados und Bio-Süßkartoffeln auf Verpackungen und kennzeichnen diese Lebensmittel stattdessen mit einer Gravur, die per Laser auf die Schale aufgebracht wird. Das geht auch mit Bananen und anderen hartschaligen Obst- und Gemüsesorten. Aber eben nicht bei Himbeeren oder Tomaten. Die können sie auch nicht einfach lose in den Jutebeutel füllen, die brauchen Schutz, schon bei der Anlieferung. Sonst haben sie keine Frucht, sondern Mus.

Tatsache ist, dass früher viel weniger Lebensmittel in Kunststoff verpackt wurden. Laut Naturschutzbund stieg im Zeitraum 2000 bis 2016 die Gesamtmenge an Plastikverpackungen für Obst um 94 Prozent, für Gemüse sogar um 186 Prozent. Das ist wohl kaum der Himbeere geschuldet.
Nein, sicher nicht. Einen Teil haben geänderte Konsumgewohnheiten zu diesem Anstieg beigetragen: Wenn ganzjährig Erdbeeren im Sortiment sind, dann fallen auch ganzjährig Verpackungen dafür an. Wenn die Zahl der Einpersonenhaushalte steigt, dann wächst die Nachfrage nach kleineren Portionsgrößen, folglich gibt es mehr Verpackungen.

Der Verbraucher ist also schuld.
Nein, das habe ich nicht gesagt, und das meine ich auch nicht. Im Gegenteil registrieren wir, dass immer mehr Kunden nach unverpackten Lebensmitteln fragen. Und der Handel reagiert ja darauf. Die großen Einzelhandelsketten können auf die Hersteller ihrer Eigenmarken Druck ausüben und das tun sie. Auch die Hersteller von Markenprodukten und die Kunststoffindustrie stehen in der Pflicht, Plastikverpackungen zu vermeiden, wo es geht, und vor allem mehr recycelfähige Materialien einzusetzen: Also keine gefärbten Plastikschalen oder Verbundstoffe mehr, weil man die nicht wiederverwerten kann. Stattdessen muss die Industrie mehr in die Entwicklung innovativer Materialien zum Beispiel auf Pflanzenbasis investieren.

Sie sprachen von der tollen Verwertungsquote des Plastikabfalls in Deutschland. Tatsächlich wird doch nur ein Bruchteil der Verpackungsabfälle, die die Deutschen brav in gelbe Säcke und Tonnen füllen, wiederverwertet, der Rest wird verbrannt.
Das stimmt so nicht. Der Recyclinganteil für Kunststoffabfälle liegt derzeit bei 42 Prozent. Nach dem neuen Verpackungsgesetz, das Anfang nächsten Jahres in Kraft tritt, soll die Quote 2019 auf 58,5 Prozent und bis 2022 auf 63 Prozent steigen. Das Gesetz schließt außerdem die vielen Schlupflöcher, die Hersteller dazu genutzt haben, sich um die Lizenzzahlungen an das Duale System zu drücken. Künftig werden alle Verpackungshersteller und Händler in einem zentralen Register erfasst. Die Höhe der Lizenzen wird sich auch danach richten, ob und zu welchen Anteilen die Verpackungen recycelbar sind. Für nicht verwertbare Materialien wird es spürbar teurer. Darin liegt nach unserer Überzeugung der Schlüssel für mehr Umweltschutz.

Umweltschützer halten eher eine Verpackungssteuer für den Schlüssel. Wenn die Tomaten in der Plastikschale 50 Cent mehr kosten als die unverpackten, könnte das Lenkungswirkung entfalten.
Daran glauben wir nicht, eine Steuer wäre nicht effektiv. Es war ja auch schon eine Steuer auf Plastiktüten im Gespräch. Stattdessen hat der Handel reagiert, Plastiktüten verteuert oder ganz aus dem Angebot genommen, durch Papier- und Stofftaschen ersetzt. So haben wir das Gesamtvolumen der Tragetaschen aus Kunststoff binnen kurzer Zeit um 60 Prozent verringern können. Das schafft eine Steuer nicht in drei Jahren.

Interview: Stefan Sauer

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