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Pharmaindustrie Den Pharmakonzernen geht es gut

Die 21 größten Unternehmen der Branche konnten trotz staatlicher Preisregulierung erneut ihre Profitabilität steigern. Auch die kommenden Jahre sehen rosig aus, dank vieler neuer Präparate, die in der Entwicklung sind.

A llen Klagen über die stärkere Preisregulierung zum Trotz haben die großen Pharmakonzerne im vergangenen Jahr ihre Margen gesteigert. Das geht aus einer Auswertung der Unternehmensberatung EY hervor, die am Montag in Frankfurt vorgestellt wurde. Bei den 21 größten Pharmakonzernen der Welt blieben demnach 27 Prozent des Umsatzes als Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) übrig. Das waren 0,7 Prozentpunkte mehr als noch im Jahr 2015. Insgesamt stieg die Profitabilität damit das dritte Jahr in Folge.

Die Pharmabranche hat in den vergangenen Jahren häufig beklagt, dass ihr die Regierungen vieler Länder mit Gesetzen zur Preisdämpfung das Leben allzu schwer machten. Die Politik versucht seit einigen Jahren verstärkt, die steigenden Gesundheitsausgaben und teils absurd hohen Medikamentenpreise in den Griff zu bekommen. Dazu wurden Preisverhandlungen und Nutzenprüfungen eingeführt, mit denen evaluiert wird, ob neue Arzneimittel für medizinische Verbesserungen sorgen oder nur zusätzliche Kosten auslösen.

Angesichts der steigenden Profitabilität ist EY-Pharmaexperte Gerd Willi Stürz der Ansicht, dass die Unternehmen weiterhin „in der Lage sind, ihre Aufgaben zu erfüllen“. Die strengeren politischen Vorgaben bringen die Unternehmen in Bewegung. So reagieren sie auf den Preisdruck einerseits mit Maßnahmen wie Kostensenkungen, andererseits setzen sie verstärkt auf die Forschung. Denn mit Innovationen lassen sich höhere Preise erzielen. Wie sehr sich das lohnen kann, demonstrieren die Biotech-Firmen Gilead, Biogen und Amgen, die auf Ebit-Margen von 40 bis 60 Prozent des Umsatzes kommen.

Folglich sind die Ausgaben für Forschung und Entwicklung deutlich gestiegen. 2015 gab es im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 8,6 Prozent, im vergangenen Jahr eins um 3,9 Prozent, so dass total 80,7 Milliarden Euro in die Arzneimittelforschung gesteckt wurden. Am meisten Geld gab Roche mit fast 7,9 Milliarden Euro aus, die deutschen Konkurrenten Bayer und Boehringer Ingelheim kamen jeweils auf etwa drei, die Darmstädter Merck auf 1,5 Milliarden Euro.

Gemessen am Umsatz mit Arzneimitteln nehmen Boehringer und Merck eine führende Rolle ein. Sie geben 25,9 respektive 21,8 Prozent ihrer Einnahmen wieder in die Forschung und Entwicklung. Damit rangieren sie auf den Plätzen zwei und sechs. Merck hat seine Ausgaben zuletzt deutlich gesteigert. Denn das Unternehmen will ab dem kommenden Jahr jährlich eine Neuzulassung erreichen. Dazu trägt eine Forschungsallianz mit Pfizer bei, mit der das Unternehmen nach etlichen Rückschlägen in der Arzneimittelforschung wieder in die Spur kommen will.

Der Nachschub an neuen Wirkstoffen (die „Pipeline“) ist vielversprechend. Die Zahl der Medikamente, die sich in der Erforschung, Entwicklung, im Zulassungsprozess oder der Markteinführung befinden, ist von 2014 auf 2016 von 3592 auf 4606 gestiegen. Davon können zwar viele Projekte noch scheitern, doch auch bei der Zahl der Wirkstoffe in der dritten und letzten Erprobungsphase, wo ein Erfolg bereits sehr wahrscheinlich ist, hat es Verbesserungen gegeben. Die Zahl der Wirkstoffe in dieser klinischen Phase ist von 525 auf 650 gestiegen.

Der Fokus liegt dabei auf Krebsmedikamenten, die fast ein Viertel aller Projekte ausmachen. Dahinter folgen Infektionskrankheiten, die in der Forschung eine Renaissance erleben, sowie Präparate für Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Die Ratingagentur Moody’s sieht die Unternehmen insgesamt gut versorgt mit Arzneimittelnachschub. Mehr als 30 Medikamenten, die gerade in den Markt eingeführt werden oder deren Markteinführung absehbar ansteht, traut Moody’s einen Spitzenumsatz von mehr als einer Milliarde US-Dollar zu. Davon entfallen jeweils fünf Produkte auf die Konzerne Pfizer und Roche, wobei zwei Produkte der Schweizer einen Umsatz von mehr als drei Milliarden US-Dollar erreichen könnten. Dabei handelt es sich um das Krebsmittel Tecentriq und das Multiple-Sklerose-Präparat Ocrevus.

Doch die Konzerne setzen nicht nur auf die eigene Forschungskraft. Auch die Ausgaben für Firmenübernahmen sind erheblich gestiegen. Das Transaktionsvolumen lag seit 2014 jeweils deutlich über 200 Milliarden US-Dollar pro Jahr, das gab es vorher nicht. Von einer neuen Normalität spricht EY-Pharmaexperte Siegfried Bialojan. „In der Pharmabranche findet ein Aufräumen statt“, so Stürz, „eine Art Spezialisierung“. Das ist auch daran zu erkennen, dass Konzerne ganze Firmenteile miteinander tauschen. So gab zum Beispiel Boehringer Ingelheim sein Geschäft mit verschreibungsfreien Mitteln an den Konkurrenten Sanofi ab und übernahm im Gegenzug das Geschäft der Franzosen mit Tierarzneien. Diesen Bereich betrachtet Boehringer als Teil seiner Kernkompetenz.

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