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Pflege Ein Tarifvertrag soll her

Verdi will für eine bessere Entlohnung von Pflegekräften verhandeln.

Als Kanzlerin Angela Merkel Mitte Juli ein Pflegeheim besuchte, ließ sie an den Absichten der Bundesregierung keinen Zweifel: „Die Menschen, die dort arbeiten, müssen gut bezahlt werden, damit die Menschen, die dort leben, auch gute Pflege bekommen“. Ziel der großen Koalition sind daher flächendeckende Tarifverträge in der Pflege. Gegen den Widerstand der privaten Arbeitgeber geht die Gewerkschaft Verdi jetzt in die Offensive, um den tariflosen Zustand zu beenden.

Verdi-Vorstandsmitglied Sylvia Bühler kündigte am Freitag in Berlin an, dass die Gewerkschaft mit den weltlichen Wohltätigkeitsorganisationen, die Altenheime und Pflegedienste betreiben, Tarifverhandlungen aufnehmen wird. Das sind zum Beispiel die Arbeiterwohlfahrt (AWO) oder das Deutsche Rote Kreuz (DRK).

Nach Bühlers Angaben laufen zudem mit den kirchlichen Organisationen Caritas und Diakonie Gespräche, um sie in diese Verhandlungen einzubeziehen. „Wir suchen einen gangbaren Weg einer adäquaten Beteiligung“, sagte Bühler. Das ist nötig, weil die kirchlichen Träger grundsätzlich keine Tarifverträge abschließen, sondern auf ihrem „dritten Weg“ beharren, der zum Beispiel kein Streikrecht vorsieht.

Wenn es gelingt, auf der Basis einen Tarifvertrag zu erreichen, soll dieser anschließend dem Bundesarbeitsministerium vorgelegt und auf Grundlage des Arbeitnehmerentsendegesetzes für allgemeinverbindlich erklärt werden. Bühler sagte, sie sei zuversichtlich, dass die große Koalition diesen Weg mitgehen werde. Die im Entsendegesetz genannte Bedingung, wonach ein flächendeckender Tarifvertrag im öffentlichen Interesse sein müsse, werde bei der Pflege klar erfüllt. Bühler betonte, es sei überfällig, dass es sowohl in der stationären als auch in der ambulanten Altenpflege endlich „Haltelinien nach unten“ gebe.

Wird ein Tarifvertrag vom Arbeitsministerium für allgemeinverbindlich erklärt, gilt er in der gesamten Branche. Das ist wichtig, da sich die privaten Pflege-Arbeitgeber, bei denen die Hälfte der Pflegebeschäftigten arbeitet, mehrheitlich strikt weigern, Tarifverträge abzuschließen. Auch diese Betreiber müssten sich dann an den Vertrag halten. „Die Pflege darf nicht Markt und Wettbewerb überlassen werden“, so Verdi-Vorstandsmitglied Bühler. Es dürfe nicht sein, dass Profitmaximierung und Renditestreben über der Versorgungsqualität in der Pflege stehe.

Wie schlecht die Arbeitsbedingungen in der Alten- und auch in der Krankenpflege derzeit sind, bestätigt nach Ansicht des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) eine aktuelle Umfrage der Gewerkschaften: Danach fühlen sich 80 Prozent der befragten Krankenpfleger und fast 70 Prozent der Altenpfleger in ihren Job gehetzt. Zum Vergleich: Quer durch alle Berufsgruppen sagen das 55 Prozent über ihre Arbeit. 46 Prozent der Beschäftigten im Pflegebereich können ihr Pensum laut der Umfrage nur bewältigen, indem sie Abstriche bei der Qualität ihrer Arbeit machen. Auch dies ist ein deutlich schlechterer Wert als im Schnitt aller Berufszweige – dort ist der Anteil derjenigen, die aufgrund von Stress und Überlastung Qualitätsabstriche machen müssen, mit 22 Prozent nur halb so groß wie in der Pflege.

Nur rund ein Fünftel der Beschäftigten in der Pflege kann sich aufgrund der schwierigen Arbeitsbedingungen vorstellen, bis zur Rente so weiter zu arbeiten. Dagegen geben im Durchschnitt aller Berufsgruppen 48 Prozent an, bis zur Rente in dem Job arbeiten zu wollen. 78 Prozent der Altenpfleger und 71 Prozent der Krankenpfleger sehen sich der repräsentativen Umfrage zufolge zudem nicht leistungsgerecht entlohnt. „Und das bei konkurrierenden Branchen um die Fachkräfte der Zukunft“, empörte sich DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Sie forderte, die Bedingungen in der Pflege schnell und umfassend zu verbessern. Die Belastung treibt sie in die Selbstausbeutung und schrecke Berufseinsteiger ab, warnte Buntenbach.

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