Lade Inhalte...

Pflege „Billig wird auf Dauer nicht mehr funktionieren“

Zu wenig Pflegekräte, dazu schlecht bezahlt und überarbeitet. Wie ist die Lage bei der Krankenpflege in Deutschland? Peter Pick, Chef des Medizinischen Diensts der Krankenkassen, spricht im Interview mit der FR über Herausforderungen und neue Leistungen in der Pflege.

Pflege
„Leider stand eine ausreichende Personal-Ausstattung der Einrichtungen lange nicht im Fokus“, sagt Peter Pick. Foto: rtr

Was halten Sie von dem Vorschlag der Bertelsmann-Stiftung, auch Informationen zur Personalausstattung und ähnlich wie bei Hotelportalen persönliche Erlebnisberichte zu veröffentlichen?
Ich würde das sehr begrüßen. Das wird auch in den Gremien diskutiert. Aber es gibt dazu noch keine Festlegungen.

Und wie sollen die Ergebnisse zusammengefasst werden?
Anders als bisher wird es voraussichtlich keine Gesamtbewertung, in welcher Form auch immer, geben. Denn das wird der Komplexität nicht gerecht. Es läuft eher darauf hinaus, in dem offiziellen Portal die Informationen übersichtlich darzustellen und zu erläutern. Möglich wäre, dass andere Portale wie zum Beispiel die Weiße Liste eigene Prioritäten setzen, die zur Verfügung gestellten Daten gewichten und zur Einordnung mit leicht verständlichen Piktogrammen versehen, also zum Beispiel bei bedenklichen Werten mit Warndreiecken.

Wann wird das neue System endlich nutzbar sein?
Der gesetzlich vorgegebene Zeitplan war nicht zu halten, da die Erarbeitung des neuen Systems länger als vorgesehen dauert. Der neue Pflege-TÜV für die Pflegeheime kommt voraussichtlich 2019, für die ambulanten Dienste 2020 – also jeweils ein Jahr später als geplant.

Zum 1. Januar ist eine umfangreiche Reform in Kraft getreten, um auch Demenzkranke angemessen zu unterstützen. Wie läuft die Umsetzung?
Seit Anfang des Jahres gilt die neue Begutachtung. Es hat einige Jahre gedauert, bis die Politik die Reform auf den Weg gebracht hat. Aber jetzt zeigt sich, dass sich die lange Vorbereitung auszahlt. Immer wieder sagen uns Angehörige und Betroffene, dass ihre Bedürfnisse durch das neue Begutachtungssystem endlich richtig berücksichtigt werden. Diesen Eindruck haben auch unsere Gutachter. Der erste Praxistest ist also bestanden.

Wie zeigt sich das in den Zahlen?
Es gibt deutlich mehr Menschen, denen ein höherer Pflegebedarf bescheinigt wird. In die obersten Pflegegrade vier und fünf werden doppelt so viele Menschen eingestuft wie in die bisherige höchste Stufe drei. Das war so gewollt. Nach dem bisherigen Stand erhalten 200 000 Menschen, die früher leer ausgegangen wären, nun Leistungen aus der Pflegeversicherung.

Gibt es Nachbesserungsbedarf?
Das sehe ich nicht. Wir sind noch mitten in der Umsetzung. Der Ball liegt jetzt bei den Pflegeeinrichtungen, die neuen gesetzlichen Möglichkeiten auch zu nutzen und die Pflegebedürftigen zielgenauer zu unterstützen. Pflege ist ja nicht nur Unterstützung beim Waschen oder Anziehen. Pflege heißt auch, die Betroffenen in ihrer Selbstständigkeit zu stärken. Wer nicht mehr so beweglich ist, der kann beispielsweise durch Kraft- oder Balance-Training unterstützt werden.

Pflegebedürftige haben neuerdings ein Wahlrecht zwischen Pflege, Betreuung oder einer Entlastung im Haushalt. Viele der neuen Leistungen werden von den Pflegediensten aber noch gar nicht angeboten.
Das Gesetz ist ja erst seit acht Monaten in Kraft. Das wird sich jetzt Schritt für Schritt entwickeln. Ich gehe davon aus, dass hier schon bald ein völlig neuer Markt entsteht. Dann können sich die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen mit dem Geld der Pflegeversicherung gezielt die Leistungen einkaufen, die am besten zu ihren Bedürfnissen passen.

Interview: Timot Szent-Ivanyi

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum