Lade Inhalte...

Pflege „Billig wird auf Dauer nicht mehr funktionieren“

Zu wenig Pflegekräte, dazu schlecht bezahlt und überarbeitet. Wie ist die Lage bei der Krankenpflege in Deutschland? Peter Pick, Chef des Medizinischen Diensts der Krankenkassen, spricht im Interview mit der FR über Herausforderungen und neue Leistungen in der Pflege.

Pflege
„Leider stand eine ausreichende Personal-Ausstattung der Einrichtungen lange nicht im Fokus“, sagt Peter Pick. Foto: rtr

Fast alle Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenversicherung sitzen mittlerweile in Berlin, um der Politik nahe zu sein. Der 1989 gegründete Medizinische Dienst der Krankenversicherung ist dagegen seinem Standort Essen treu geblieben. Dessen Geschäftsführer Peter Pick ist gleichwohl regelmäßig in der Hauptstadt anzutreffen. Ein Gespräch über die Arbeitsbelastung von Pflegern, den modernisierten Pflege-TÜV und die neuen Leistungen für Pflegebedürftige.

Herr Pick, im Wahlkampf sorgte ein angehender Krankenpfleger für Schlagzeilen, der Kanzlerin Angela Merkel vorwarf, in Kranken- und Pflegeheimen werde die Würde des Menschen tagtäglich „tausendfach verletzt“. Die Pfleger seien überlastet und für zu viele Patienten zuständig. Sie sind auch für die Kontrollen der Pflegeeinrichtungen zuständig. Hat der junge Mann übertrieben?
Ich halte seine Zuspitzung für überzogen, weil sie den Eindruck erweckt, die Pflege in Deutschland sei generell schlecht. Aber das stimmt nicht. Die Mitarbeiter geben ihr Bestes. Doch es ist richtig, dass es oft genug zu wenig Pfleger gibt. Das hat zu extrem belastenden Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter geführt und zu Situationen, durch die die Würde der Pflegebedürftigen verletzt wird. Es kann nicht sein, dass ein pflegebedürftiger Mensch austrocknet, weil er nicht genug zu trinken bekommt. Und es kann nicht sein, dass ein Mitarbeiter nachts alleine für zwei Stationen mit 50 Bewohnern zuständig ist. Leider stand eine ausreichende Personal-Ausstattung der Einrichtungen lange nicht im Fokus.

Wie konnte es zu so einer Situation kommen?
Es gibt in Deutschland insbesondere in der Altenpflege schlicht zu wenige Pflegefachkräfte, weil der Beruf bisher nicht attraktiv genug ist. Das hat mit den ungünstigen Arbeitsbedingungen zu tun, aber natürlich auch mit der Bezahlung.

Tatsächlich scheint das Einkommen der Schwere des Berufs nicht angemessen.
Es wäre falsch, generell von einer zu geringen Vergütung der Pflegefachkräfte zu sprechen. In der Krankenpflege kommt eine Fachkraft nach Tarif auf über 3000 Euro brutto, was kein schlechtes Einkommen ist. Die Altenpfleger verdienen jedoch deutlich weniger. Zudem sind hier die Gehaltsunterschiede zwischen den Ländern enorm, was durch nichts zu rechtfertigen ist.

Auf die Bezahlung hat die Politik allerdings kaum Einflussmöglichkeiten.
Richtig, sie hat aber wichtige Grundlagen geschaffen. Per Gesetz ist festgelegt, dass die höheren Kosten, die entstehen, wenn Pflegeeinrichtungen Tariflöhne zahlen, von den Pflegekassen und der Sozialhilfe bezahlt werden müssen.

Das Problem ist nur, dass es kaum Tarifverträge gibt, schon gar keine flächendeckenden Verträge.
Tatsächlich ist die Pflege, insbesondere die Altenpflege nicht gut organisiert. Die Pflege muss endlich lernen, ihre Interessen wahr zu nehmen. Und Arbeitgeber müssen sich entscheiden, ob sie einem Arbeitgeberverband beitreten. Unabhängig davon sehe ich allerdings die Arbeitgeber in der zentralen Verantwortung. Auch ohne Tarifverträge müssen sie ihre Mitarbeiter vernünftig bezahlen. Wer weiterhin das niedrige Lohnniveau ausnutzt und sich nicht darum kümmert, attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen, sägt an dem Ast, auf dem er sitzt. Billig wird auf Dauer nicht mehr funktionieren.

Sie sagten eingangs, problematisch sei nicht nur die Vergütung.
Pflege ist eine 24-Stunden-Aufgabe. Aber die Einrichtungen bieten zu wenig intelligente Arbeitszeitmodelle, die den Wünschen der Mitarbeiter etwa nach individuellen Arbeitszeiten oder nach Teilzeit entsprechen. Die Heime, die dies leisten, haben übrigens keine Schwierigkeiten, Fachkräfte zu finden. Ich weiß von Häusern, die Wartelisten für Stellenbewerber führen, weil sie als Arbeitgeber so begehrt sind. Da müssen sich die Einrichtungen, die Personal suchen, schon fragen, was sie anders machen müssen.

In der Politik wird diskutiert, Personalschlüssel für die Pflegeeinrichtungen festzulegen. Macht das aus Ihrer Sicht denn Sinn?
Unbedingt. In den bereits beschlossenen Pflegegesetzen ist das schon angelegt. Gegenwärtig wird mit wissenschaftlichen Verfahren ermittelt, welches Verhältnis zwischen Pflegekräften und Pflegebedürftigen tatsächlich notwendig ist. Daraus kann der konkrete Personalbedarf für jedes Heim berechnet werden. Leider können diese neuen einheitlichen Personalvorgaben erst 2020 wirksam werden, weil die Berechnungen ihre Zeit brauchen. Damit hätten die Pflegeselbstverwaltung und die Politik früher starten müssen.

Und was soll bis dahin gemacht werden?
Falsch wäre es, jetzt Geld mit der Gießkanne auszuschütten. Denn die Personalausstattung der Einrichtungen ist höchst unterschiedlich. Man muss also genau schauen, wo akut Pflegekräfte fehlen und dann gezielt eingreifen.

Aber woher das Personal nehmen, wenn es nicht auf dem Arbeitsmarkt vorhanden ist?
Wir müssen stärker als bisher in der Pflege auch andere Gesundheitsberufe einsetzen, also zum Beispiel Physiotherapeuten oder Ergotherapeuten. Sie können mit ihrer Arbeit die Pflegekräfte entlasten. Auch die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland kann helfen. Aber ich warne hier vor zu hohen Erwartungen. Denn bei der Pflege sind die Sprachkenntnisse extrem wichtig. Doch daran mangelt es oft.

Die sogenannten Pflegenoten zur Beurteilung der Qualität einer Pflegeeinrichtung werden abgeschafft, weil sie sich als untauglich erwiesen haben. Was kommt stattdessen?
Derzeit erarbeiten Wissenschaftler ein neues System der Qualitätsprüfung und Berichterstattung. Es wird drei Säulen geben: Künftig muss jedes Heim sogenannte Ergebnisindikatoren veröffentlichen. Das kann zum Beispiel der Anteil der Pflegebedürftigen mit Druckgeschwüren sein. Oder Gewichtsverläufe, denn diese können Hinweise auf Probleme bei der Ernährung oder beim Trinken geben. Die zweite Säule sind die Ergebnisse der MDK-Qualitätskontrollen vor Ort. Und die dritte Säule sind konkrete Informationen über die Heime mit Angaben zum Beispiel darüber, welche Freizeit-Angebote es gibt oder ob Haustiere mitgenommen werden können.

Was halten Sie von dem Vorschlag der Bertelsmann-Stiftung, auch Informationen zur Personalausstattung und ähnlich wie bei Hotelportalen persönliche Erlebnisberichte zu veröffentlichen?
Ich würde das sehr begrüßen. Das wird auch in den Gremien diskutiert. Aber es gibt dazu noch keine Festlegungen.

Und wie sollen die Ergebnisse zusammengefasst werden?
Anders als bisher wird es voraussichtlich keine Gesamtbewertung, in welcher Form auch immer, geben. Denn das wird der Komplexität nicht gerecht. Es läuft eher darauf hinaus, in dem offiziellen Portal die Informationen übersichtlich darzustellen und zu erläutern. Möglich wäre, dass andere Portale wie zum Beispiel die Weiße Liste eigene Prioritäten setzen, die zur Verfügung gestellten Daten gewichten und zur Einordnung mit leicht verständlichen Piktogrammen versehen, also zum Beispiel bei bedenklichen Werten mit Warndreiecken.

Wann wird das neue System endlich nutzbar sein?
Der gesetzlich vorgegebene Zeitplan war nicht zu halten, da die Erarbeitung des neuen Systems länger als vorgesehen dauert. Der neue Pflege-TÜV für die Pflegeheime kommt voraussichtlich 2019, für die ambulanten Dienste 2020 – also jeweils ein Jahr später als geplant.

Zum 1. Januar ist eine umfangreiche Reform in Kraft getreten, um auch Demenzkranke angemessen zu unterstützen. Wie läuft die Umsetzung?
Seit Anfang des Jahres gilt die neue Begutachtung. Es hat einige Jahre gedauert, bis die Politik die Reform auf den Weg gebracht hat. Aber jetzt zeigt sich, dass sich die lange Vorbereitung auszahlt. Immer wieder sagen uns Angehörige und Betroffene, dass ihre Bedürfnisse durch das neue Begutachtungssystem endlich richtig berücksichtigt werden. Diesen Eindruck haben auch unsere Gutachter. Der erste Praxistest ist also bestanden.

Wie zeigt sich das in den Zahlen?
Es gibt deutlich mehr Menschen, denen ein höherer Pflegebedarf bescheinigt wird. In die obersten Pflegegrade vier und fünf werden doppelt so viele Menschen eingestuft wie in die bisherige höchste Stufe drei. Das war so gewollt. Nach dem bisherigen Stand erhalten 200 000 Menschen, die früher leer ausgegangen wären, nun Leistungen aus der Pflegeversicherung.

Gibt es Nachbesserungsbedarf?
Das sehe ich nicht. Wir sind noch mitten in der Umsetzung. Der Ball liegt jetzt bei den Pflegeeinrichtungen, die neuen gesetzlichen Möglichkeiten auch zu nutzen und die Pflegebedürftigen zielgenauer zu unterstützen. Pflege ist ja nicht nur Unterstützung beim Waschen oder Anziehen. Pflege heißt auch, die Betroffenen in ihrer Selbstständigkeit zu stärken. Wer nicht mehr so beweglich ist, der kann beispielsweise durch Kraft- oder Balance-Training unterstützt werden.

Pflegebedürftige haben neuerdings ein Wahlrecht zwischen Pflege, Betreuung oder einer Entlastung im Haushalt. Viele der neuen Leistungen werden von den Pflegediensten aber noch gar nicht angeboten.
Das Gesetz ist ja erst seit acht Monaten in Kraft. Das wird sich jetzt Schritt für Schritt entwickeln. Ich gehe davon aus, dass hier schon bald ein völlig neuer Markt entsteht. Dann können sich die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen mit dem Geld der Pflegeversicherung gezielt die Leistungen einkaufen, die am besten zu ihren Bedürfnissen passen.

Interview: Timot Szent-Ivanyi

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum