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Personalmangel Notstand in der Pflege

Bis zu 100.000 Vollzeitkräfte fehlen Schätzungen zufolge derzeit in den Kliniken. Doch woher soll das Personal für Kliniken und Heime kommen?

Pflege
Besonders in der Pflege arbeiten - genau wie etwa in der Bau- oder Landwirtschaft auch - viele Menschen, die aus einem anderen EU-Land kommen. Die Entsenderichtlinie soll verhindern, dass sie unter Lohndumping leiden. Das Problem des organisierten innereuropäischen Lohndrucks aber kann sie nicht lösen. Foto: dpa

Der aktuelle Wahlkampf zeichnet sich nicht gerade durch eine besondere Inhaltstiefe aus. Insbesondere die Themen Gesundheit und Pflege spielten bisher keine Rolle, was aus Sicht vieler Wähler sogar verständlich ist: Die Krankenkassen verfügen über üppige Reserven, die Beiträge sind stabil, die Pflegeversicherung kann dank der jüngsten Reform Milliardensummen mehr ausgeben. Doch dann konfrontierten mehrere Betroffene Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei Wahlkampfterminen mit dem Personalmangel in der Kranken- und Altenpflege. Was ist dran an der Behauptung, es gebe in Deutschland einen regelrechten Pflegenotstand?

Es war der angehende Krankenpfleger Alexander Jorde, der vergangene Woche in der ARD-Wahlarena seinen Frust abließ. Die Würde des Menschen in Krankenhäusern und Altenheimen werde tagtäglich „tausendfach verletzt“, sagte der junge Mann zur Kanzlerin. „Es gibt Menschen, die liegen stundenlang in ihren Ausscheidungen.“ Die Pfleger seien überlastet und für zu viele Patienten zuständig.

Was der junge Mann beschrieben hat, ist tatsächlich kein Einzelfall. Das Problem wird schon seit Jahren in der Fachwelt und der Politik diskutiert, doch bisher hat sich in der Praxis nur wenig zum Besseren verändert. In der Kranken- und Altenpflege gibt es unterschiedliche Gründe für den Personalmangel. Unstrittig ist, dass die Kliniken jahrelang Pflegepersonal abgebaut haben. Dafür wurden mehr Ärzte eingestellt. Das Motto: Pflege kostet, Ärzte operieren und bringen damit Geld. Unabhängig davon steigt die Arbeitsbelastung der Pfleger auch deshalb, weil die Patienten immer kürzer im Krankenhaus bleiben und damit die Zahl der zu Betreuenden steigt. Im Jahresschnitt musste eine Vollzeitkraft in der Pflege 2003 statistisch etwa 57 „Behandlungsfälle“ betreuen, 2015 waren es schon 64.

Eine Pflegekraft für 26 Patienten

Bei ihrem „Nachtdienstreport“ stellte die Gewerkschaft Verdi zum Beispiel fest, dass eine Pflegefachkraft in der Nacht allein im Schnitt für die Versorgung von 26 Patienten zuständig ist. In einigen Fällen müssen von einem einzigen Pfleger allein bis zu 40 Patienten versorgt werden. Die Kliniken seien gefährlich unterbesetzt, so das Fazit der Gewerkschaft.

Zwar steigt seit 2007 die Zahl der Pflegekräfte in den Kliniken kontinuierlich. Das hat unter anderem damit zu tun, dass die Politik mehr Geld für die Pflege zur Verfügung stellte. Doch der Aufwuchs reicht nicht aus, um die Belastung der einzelnen Beschäftigten spürbar zu senken. Nach Schätzungen von Experten fehlen derzeit in den Kliniken bis zu 100.000 Vollzeitkräfte.

Um die Kliniken dazu zu zwingen, mehr Personal einzustellen, hat die große Koalition unlängst beschlossen, zumindest in sensiblen Klinikbereichen – zum Beispiel auf Intensivstationen und im Nachtdienst – Untergrenzen für die Zahl der beschäftigten Pfleger einzuführen. Die Details müssen Kassen und Krankenhäuser bis Juni 2018 aushandeln. Kommt hier keine Einigung zustande, will die Politik die Untergrenzen zum 1. Januar 2019 selbst festlegen.

Das Problem ist nur: Woher sollen die Mitarbeiter kommen? Schon heute gibt es etwa 10.000 Stellen, die nicht besetzt werden können. Alle Reformen nutzten nichts, wenn es kein Personal gebe, sagt der Pflegeexperte Andreas Westerfellhaus, der lange den Deutschen Pflegerat leitete. Konzepte der Politik? Bisher nicht in Sicht.

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