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Paradigmenwechsel Alles neu bei Siemens

Der Industriekonzern baut seine Struktur radikal um. Die Börsianer sind skeptisch.

Joe Kaeser
Siemens-Chef Joe Kaeser präsentierte am Donnerstag die neue Strategie vor Journalisten und Analysten in München. Foto: afp

Joe Kaeser versucht es erst gar nicht mit Bescheidenheit. „Es ist ein fundamentaler Wandel“, stellt der Siemens-Chef bei der Verkündung seiner neuen Konzernstrategie namens 2020+ klar. Es ist ein großer Wurf, den der 61-Jährige plant und der weit über seine eigene, bis Anfang 2021 laufende Amtszeit an der Spitze des Konzerns hinausreichen dürfte. Kern des Vorhabens ist die Verschmelzung von fünf Geschäftsdivisionen zu drei autonom operierenden Teilkonzernen, was neue Umsatz- und Gewinnimpulse freisetzen soll. Ab Oktober wird das Mammutvorhaben umgesetzt. Ein halbes Jahr später soll die neue Struktur vollendet sein, die nahe an einer Holding liegt. Die für das global 376 000 Leute starke Personal gute Nachricht ist, dass der Umbau keine Stellen kosten soll.

Das erfährt man zumindest aus dem Aufsichtsrat der Münchner. „Kaeser hat gelernt, der Umbau geht diesmal einen anderen Weg und er ist nicht mit Stellenstreichung verknüpft“, erklärt ein Aufseher. Kaeser dagegen geht der Frage nach den Stelleneffekten seiner Pläne hartnäckig aus dem Weg. Kritisch Stellung nehmen IG Metall und Betriebsrat. Man könnte ihre Haltung auch vorsichtig zustimmend nennen. Richtig sei die Ausrichtung auf das operative Geschäft, sagt der für die IG Metall im Siemens-Aufsichtsrat sitzende Jürgen Kerner. „Den Weg in eine Holding-Struktur werden wir nicht akzeptieren“, schränkt er im nächsten Atemzug ein. Das lässt Spannungen erwarten.

Denn Siemens verdichtet seine Struktur mit dem Energiegeschäft, dem mit intelligenter Infrastruktur und digitaler Industrie nicht nur auf drei operative Teilkonzerne, die je gut 70 000 Beschäftigte und zwischen 14 und 21 Milliarden Euro Jahresumsatz haben. Das Trio steuert sich künftig auch weitgehend selbst, was einen Kulturwandel weg vom heutigen Machtzentrum München bedeutet. Mit der Verlagerung der operativen Verantwortung auf drei Teilkonzerne wird auch die Münchner Konzernzentrale ausgedünnt. Auch wenn dabei unter dem Strich keine Stellen verloren gehen sollen, müssen einige Siemensianer ihren Arbeitsplatz wechseln.

Kaeser hält sich auch ausdrücklich die Möglichkeit offen, die drei Teilkonzerne rechtlich zu verselbständigen, womit die von Gewerkschaft und Betriebsrat angefeindete Holding perfekt wäre. Wohin die Reise geht, zeigt der Umstand, dass mehr als die Hälfte aller Siemens-Geschäfte in künftiger Struktur nicht mehr von Deutschland aus gesteuert werden, wie auch Kaeser betont.

Das von US-Managerin Lisa Davis verantwortete Kraftwerksgeschäft sitzt im texanischen Houston, das mit intelligenter Infrastruktur in Zug in der Schweiz. Von den drei neuformierten Teilkonzernen hat nur noch das Digitalgeschäft seine Zentrale mit Nürnberg in Deutschland, auch wenn dieses das bedeutendste, weil profitabelste und wachstumsstärkste ist.

Die Siemens-Geschäfte abseits der drei Teilkonzerne sind ausgegliedert oder auf dem Weg dorthin. Das ist die in Erlangen residierende Medizintechnik, die als börsennotierte Healthineers firmiert. Das Geschäft mit Windkraft namens Siemens-Gamesa sitzt in Spanien und die vor ihrer Fusion mit Alstom stehende Bahntechnik in Frankreich. Dieses Trio von Siemens-Mehrheitsbeteiligungen hat intern den Status strategischer Gesellschaften.

Teil der Neuaufstellung ist ferner ein Zusammenschieben konzerninterner Dienstleistungen von Finanzen bis Immobilien zu einer einzigen Einheit. Zudem nimmt Kaeser einen neuen Anlauf, in einer Art Resterampe zusammengefasste Geschäfte, die sonst nirgendwo im Haus mehr Platz haben, zu sanieren. Hier geht es um immerhin 21 000 Beschäftigte, die zuletzt jährlich fünf Milliarden Euro Umsatz aber auch 300 Millionen Euro Verlust erwirtschaftet haben. Kaeser will dort bis 2020 die Gewinnschwelle erreichen und bis 2023 fünf Prozent operative Gewinnmarge. Spätere Verkäufe sind möglich.

Bedeutenderes aber muss der Umbau für das neu aufgestellte Kerngeschäft bringen. Statt um zwei bis drei Prozent sollen die Konzernumsätze künftig um vier bis fünf Prozent jährlich wachsen. Ebenfalls zwei Prozentpunkte mehr sind für die operative Gewinnmarge nach Steuern und Zinsen angepeilt. 13 bis 14 Prozent sind damit das neue Margenziel.

Kaeser sieht seine Vision 2020+ als Strategie für die nächsten zehn Jahre. Diese Reichweite ist ambitioniert für einen Konzern, der im Zentrum der schnelllebigen Digitalisierung steht. Die Börsianer reagierten skeptisch, die Siemens-Aktie verlor am Donnerstag bis zu fünf Prozent. Kaeser glaubt aber, das Richtige zu tun und will nicht warten, bis Siemens zum Getriebenen wird wie etwa Erzrivale General Electric.„Nicht die größten Unternehmen werden überleben, sondern die anpassungsfähigsten“, sagt er.

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