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Panzerfriedhof Rockensußra Panzerparade in Reih und Glied

In einem Thüringer Dorf liegt Europas größter Panzerfriedhof. Dort werden die stählernen Kolosse filetiert – von einem Rüstungskonzern.

29.04.2016 13:49
Steffen Höhne
Peter Koch und sein Schrottplatz: Die Firma Battle Tank Dismantling verschrottet im Thüringischen Rockensußra Panzer der die Bundeswehr. Foto: Andreas Stedtler

Mit all seiner Kraft stemmt sich Ingolf Dyllus auf den großen Schraubenschlüssel. Der 90-Kilo-Mann geht in die Knie, ein kurzer Fluch, dann macht es knack und die Schraubenmutter löst sich doch noch. Dem gelernten Waggonbau-Schlosser stehen die Schweißperlen auf der Stirn. Was ihn ins Schwitzen bringt, ist der Motor des Schützenpanzers M 113. In mühevoller Handarbeit ist Dyllus dabei, diesen zu zerlegen. „Am Ende bekommt man das Gerät doch immer klein“, sagt der Monteur und lächelt. Seit 13 Jahren arbeitet er nun schon für das Unternehmen Battle Tank Dismantling GmbH Koch in Rockensußra.

Der 180-Seelen-Ort im Thüringer Becken ist umgeben von Feldern. Den Dorfkern bilden Fachwerkgehöfte, das auffälligste ist die steinerne Sankt-Petri-Kirche aus dem Jahr 1720. Auf der Straße trifft man an einem Freitagnachmittag nur einige Katzen an. Am Ortsausgang geht von der Straße ein holpriger Betonweg ab und führt zu einem speziellen Firmengelände. Ein großes stählernes Tor öffnet sich hier nur dem angemeldeten Gast und gibt den Blick frei: Eine Panzer-Parade steht dort in Reih und Glied. Es ist nur schwer zu glauben, aber in diesem verschlafenen Nest rüstet Deutschland ab – und zwar schon seit 1991.

Der Technische Leiter, Ronald Kirschner, breitet beim Rundgang über das 125 000 Quadratmeter große Areal die Arme aus: „Derzeit warten bei uns rund 500 Panzer auf die Verschrottung.“ Schützenpanzer Marder neben Schützenpanzer M 113, Kampfpanzer Leopard neben Flugabwehrkanonenpanzer Gepard. Waffennarren hätten hier ihre helle Freude.

Doch in Rockensußra geht es nicht um Angriff oder Verteidigung, sondern um Abrüstung und diese verläuft recht unspektakulär. Ist der stählerne Koloss mit dem lauten Triebwerk erst einmal in die Demontage-Halle gefahren, dann kehrt zunächst Ruhe ein. Mehrere Männer im ölverschmierten Blaumann machen sich ans Werk. „Als erstes werden die Ketten gelöst und dann die Flüssigkeiten entsorgt“, sagt Kirschner. Bis zu 200 Liter Öle und Fette müssen abgelassen werden. Dann wird der Panzer Stück für Stück ausgeweidet. An schweren Eisenketten werden Motor und Getriebe aus dem Panzer gehoben, Achsen und natürlich das Kanonenrohr abmontiert. Im Inneren des Panzers zwängen sich zwei Mann mit Pressluftschraubern. Denn auch Lampen, Stecker und Muffen müssen raus – bis nur noch das nackte Stahlskelett steht. Dem rücken dann Schweißer mit dem Schneidbrenner zu Leibe.

Drei bis fünf Tage dauert je nach Typ die Verschrottung. „Am Ende bleiben 50 bis 100 Zentimeter große Stücke übrig“, erläutert Kirschner. Dies müsse so geschehen, damit sie später nicht mehr zusammensetzbar sind. Nach seinen Worten muss die Zerlegung und der Verbleib der Einzelteile genau dokumentiert werden. „Die Bundeswehr prüft die Demontage jedes Panzers“, so Kirschner. „Seit 1991 haben wir bereits 17 700 gepanzerte Fahrzeuge zerstört“, fügt Geschäftsführer Peter Koch hinzu. Er sagt bewusst „zerstört“. Denn in seinen Augen liefert sein Unternehmen einen Beitrag für den Frieden in Europa.

Kochs Büro befindet sich in einem Verwaltungsflachbau mit Blick auf das Firmengelände. Dem Besucher werden Kaffee, Mett-Brötchen und Zigarette angeboten. „Ich bin hier wohl der einzige, der keinen Panzer fahren kann“, sagt Koch lachend. Dabei hat er das Unternehmen von Anfang an mit aufgebaut. In der DDR arbeitete der heute 61-Jährige in der Instandhaltung des Kali-Kombinats in der Region. Nach der Wende mussten viele stillgelegte Anlagen des Bergbaus verschrottet werden. Das war Kochs neue Aufgabe und Eintrittskarte in die Panzerverschrottung. Denn auch die Bundeswehr suchte damals einen Verwerter für die riesigen DDR-Panzerverbände und wurde in Thüringen fündig. „Im September 1996 haben wir den letzten Panzer T 72 der ehemaligen Nationalen Volksarmee verschrottet“, erinnert sich Koch.

Das Geschäft lohnt sich. Anfangs bekam das Unternehmen sogar noch eine Abwrackprämie. Dies sei aber schon länger vorbei, so Koch. Der 20-Mann-Betrieb finanziert sich je zur Hälfte aus dem Schrott- und dem Ersatzteilverkauf. Mit den Wehrtechnik-Konzernen Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann (KMW) hat das Unternehmen seit Jahren exklusive Abnahmeverträge für gebrauchte Ersatzteile.

Anfang dieses Jahres verkaufte der Schrottkonzern Scholz, Mutter des Panzer-Verschrotters, dann seine Thüringer Tochter an den Leopard-Hersteller KMW. Dass der Waffen-Konzern künftig sein Geld mit Abrüstung verdienen will, kann wohl ausgeschlossen werden. Vielmehr geht es ihm um die Ersatzteile. „Wir wollen dies ausbauen“, sagt Koch. Denn das einträgliche Geschäft der Verschrottung sei rückläufig. Es kommen weniger Panzer per Sattelschlepper nach Rockensußra. Die Bundeswehr hat ihre Bestände bereits deutlich reduziert. So besitzt sie nur noch 250 einsatzbereite Kampfpanzer vom Typ Leopard. „Ein Panzer, der sich nicht im Kriegseinsatz befindet, ist sehr langlebig“, erklärt Koch. Ausgemustert würden sie aus zwei Gründen: Entweder es gebe ein Nachfolgemodell oder für die Waffengattung fehle der Bedarf, um den Unterhalt zu rechtfertigen.

Da sich Deutschland seit Jahren stärker militärisch etwa in Afghanistan engagiert, steigt, so Koch, der Bedarf an Ersatzteilen. Davon wollen die Thüringer profitieren. Dabei sind sie nicht nur für die Bundeswehr aktiv. Auch in Österreich, in der Schweiz und in Frankreich ist ihre Expertise gefragt. Denn es geht nicht nur darum, Panzer auseinander zu bauen. „Die verschiedenen Metalle müssen sauber voneinander getrennt werden“, so Technik-Leiter Kirschner. Da sei Erfahrung wichtig.

Battle Tank Dismantling profitiert zudem davon, dass es 2008 zum sogenannten KSE-Verifikationsstandort ernannt wurde. Der KSE-Vertrag von 1992 regelt die Abrüstung in Europa. Als einziger ziviler Betrieb in Deutschland dürfen die Thüringer in größerem Umfang militärisches Gerät auf ihrem Gelände abstellen. Dass die Panzer wie mit dem Lineal gezogen geparkt sind, liegt nicht am Ordnungssinn von Koch und Co. „Das Gelände wird von Satelliten überwacht“, sagt Koch. Steht ein Gerät nicht an seinem Platz, schrillen bei der Bundeswehr die Alarmglocken. „Es ist bisher einmal passiert, dass ein Feldjäger bei mir mit Gewehr im Anschlag stand“, berichtet Koch. Es habe sich herausgestellt, dass ein Panzer falsch geparkt worden war.

Die Anfragen von Privatpersonen, die einen Panzer kaufen wollen, sind zahlreich. Koch weist diese, so sagt er, stets freundlich zurück. Einmal sei jedoch ein Interessent bis in sein Büro vorgedrungen und habe eine stattliche Summe in bar auf den Tisch gelegt. „Da hatte ich den Hörer für den Anruf bei der Polizei schon in der Hand.“

Außergewöhnliche Anfragen werden aber nicht generell abgewiesen. So bestehen Panzerrohre aus hochwertigem Damaststahl. Dieser mehrfach geschmiedete Stahl ist extrem hart. Ein Messer- und Schwert-Hersteller fragte daher an, ob er davon etwas kaufen könnte. Nach Rücksprache mit der Bundeswehr stimmte Koch zu. Doch Schwerter sind die einzigen Waffen, die aus den Kanonen noch entstehen. Viel häufiger werden aus den Panzern Kochtöpfe gemacht.

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