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Paketboten Liefern im Akkord

Viele Paketboten mögen ihren Job. Doch gerade vor Weihnachten ist das Pensum kaum zu schaffen – und der Lohn oft miserabel.

Paketzustellerin bei DHL
DHL hat noch den besten Ruf in einer Branche, die für schlechte Arbeitsbedingungen berüchtigt ist. Foto: rtr

Ein kleines grünes Päckchen mit Tannenmuster liegt halb vergraben unter wuchtigen braunen Paketen; es ist das einzige „echte“ Weihnachtspäckchen, handbeschriftet und ohne Firmenaufdruck, das Martin Bott an diesem Dezemberdonnerstag austragen wird. Bott, ein schlaksiger Mittdreißiger mit blondem Dreitagebart, steht am unteren Ende seiner „Paketrutsche“ in der DHL-Zustellbasis in Frankfurt-Rödelheim. Er greift sich Paket um Paket aus dem verkanteten Haufen heraus, zieht seinen Scanner über den Strichcode. Motorradteile: gescannt. Zalando-Zara-H&M-Tüten: gescannt. Bürostuhl: gescannt. Das 57. Amazon-Paket: gescannt.

Danach hievt er die Pakete ein paar Meter weiter zum Beladetor, hinter dem schon sein Transporter wartet. So geht das eine halbe Stunde lang, links und rechts von ihm tun es ihm Dutzende Kollegen gleich – die meisten von ihnen Männer mittleren Alters. Genau 173-mal läuft Bott zwischen Rampe und Transporter hin und her. Er hat es gut getroffen heute. 173 Pakete sind an einem Achtstunden-Arbeitstag zu schaffen, außerdem passen sie in die Regale seines Transporters. Das lässt ihm Zeit für einen Automatenkaffee und ein paar Scherze mit dem Anlagenbetreuer Guiseppe.

Bei einigen seiner Kollegen sind die Rampen an diesem Tag so überfüllt, dass die Pakete fast zurück aufs Förderband quellen, das hoch oben über den Köpfen der Mitarbeiter durch die Halle läuft und automatisiert Pakete verteilt. „320 Stück hab ich heute“, stöhnt ein Mann mit Bart und Käppi. 

Das Paketaufkommen wächst ständig und ganz besonders in der Weihnachtszeit. Bis zu 19 Millionen Pakete liefern Deutschlands größte Lieferdienste DHL, Hermes, DPD und GLS im Weihnachtsgeschäft an Privatkunden aus – pro Tag. Um dieser Masse an Paketen irgendwie beizukommen und die Boten zu entlasten, verkleinert DHL im Winter die Zustellbezirke. Außerdem werden bundesweit Tausende Saisonarbeiter angeheuert. 120 Boten arbeiten normalerweise im Rödelheimer Paketzentrum, im Winter sind es 40 mehr. 

DHL rühmt sich, im Gegensatz zu den Mitbewerbern ein verantwortungsbewusster Arbeitgeber zu sein. Stundenlöhne deutlich über dem Mindestlohn. 98 Prozent der Pakete würden von Festangestellten verteilt – anders als etwa bei GLS, DPD und Amazon Logistics, die fast ausschließlich mit Subunternehmern arbeiten. Allerdings: Auch bei DHL hat sich mit der Gründung der Tochtergesellschaft DHL Delivery 2015 ein Zweiklassensystem herausgebildet. Über die Hälfte der Boten fällt seitdem nicht mehr unter den Haustarifvertrag, arbeitet zu deutlich schlechteren Bedingungen und für weniger Gehalt. Und: DHL arbeitet durchaus mit Subunternehmern – wenn auch in geringerem Ausmaß als die Konkurrenz. 

Im Paketzentrum in Rödelheim sind die Unterschiede auf den ersten Blick nicht zu erkennen: Ob Deutsche Post, DHL Delivery oder Subunternehmen: Alle arbeiten Seite an Seite, machen die gleiche Arbeit. Unter der Hand klagen einige Mitarbeiter, das tägliche Pensum sei kaum mehr zu schaffen, sie stünden unter Druck.

Martin Bott hat das Glück, zur seltener werdenden Spezies der Postangestellten zu gehören. Vor sieben Jahren kam der heute 34-Jährige aus Niedersachsen zum Arbeiten nach Frankfurt, mittlerweile ist er zum Teamleiter aufgestiegen. Vorher hatte er in einem Schlachthof geackert. Harte Arbeit? Er zuckt mit den schmalen Schultern. „Ich habe noch nicht davon gehört, dass in Deutschland jemand ohne harte Arbeit reich geworden ist.“ Martin Bott ist nicht reich, aber für seine Branche verdient er außergewöhnlich gut, rund 2000 Euro netto.

Das ändert nichts daran, dass auch er heute raus in die schneidende Kälte muss, immer wieder aufs Neue. Bei den ersten Lieferungen entlang einer Geschäftsstraße im Stadtteil Bockenheim hat Bott Glück: Mehrere kleine Firmen sind darunter, Arztpraxen, Kanzleien. Immer jemand da. Schnell wird er zehn Pakete los. Meist parkt er in zweiter Reihe, so dass gerade noch die Autos vorbeikommen – wenn nicht zufällig die Straßenbahn vorbeirauscht. Oder die Müllabfuhr. „Das ist total verboten hier“, ruft einer der Männer in orange. Bott bleibt gelassen: „Ja, aber ich kann nun mal nirgends anders parken. 

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