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Opfer von Kik Pakistanerin klagt gegen KiK

Die Pakistanerin Saeeda Khatoon prozessiert mit drei Mitstreitern gegen den Textildiscounter KiK. 2012 stirbt ihr Sohn bei dem Brand in der Textilfabrik in Karachi.

Todesfalle für 260 Menschen: die ausgebrannte Textilfabrik Ali Enterprises in Karatschi am Tag nach dem Unglück. Foto: reuters

Saeeda Khatoon wird den 11. September 2012 ihr Leben lang nicht vergessen. Das Datum hat sich schmerzvoll eingebrannt in ihr Herz. Im pakistanischen Karachi fängt die Textilfabrik Ali Enterprises an diesem Tag Feuer. 260 Menschen kommen in den Flammen qualvoll ums Leben. Darunter der 17 Jahre alte Sohn von Saeeda. Ihr einziger.

„Ich bin zur Fabrik gerannt, als ich hörte, dass es brennt“, erzählt Saeeda bei einem Gespräch im Frankfurter DGB-Gewerkschaftshaus. „Wir Mütter und Väter schrien vor Verzweiflung, doch Feuerwehr und Polizei hatten keine Chance, Leben zu retten. Das Feuer war einfach zu groß“.

Am nächsten Morgen wurde ihr verbrannter Sohn aus der Ruine getragen. „Ich habe fast den Verstand verloren“, sagt Saeeda mit feuchten Augen. Die Stimme stockt. Doch wie sie da so auf dem Podium sitzt, strahlt die zierliche Frau auch Entschlossenheit und Mut aus. Mit fast allen betroffenen Familien hat sich Saeeda Khatoon zu einer Opfervereinigung zusammengeschlossen.

Stellvertretend mit drei anderen klagt sie nun gegen den deutschen Textildiscounter KiK. Denn Ali Enterprises produzierte vor allem für die Tengelmann-Tochter – die nach Ansicht der Opferfamilien damit Verantwortung für die katastrophalen Brandschutzvorkehrungen trägt.

Da die KiK-Zentrale im westfälischen Bönen sitzt, hat der Berliner Anwalt Remo Klinger im Namen von Saeeda Kathoon und ihrer Mitstreiter vor gut einem Jahr beim Landgericht Dortmund eine Zivilklage gegen den Discounter eingereicht.

Das Zivilverfahren ist ein Novum und könnte Signalwirkung für andere Fälle haben. Die Pakistaner fordern jeweils 30 000 Euro Schmerzensgeld von KiK. Die Billigkette hatte nach der Brandkatastrophe zwar eine Soforthilfe von rund 800 000 Euro gewährt – wovon Saeeda nach eigenen Abgaben etwa 3000 Euro erhielt. Das aber reiche längst nicht für eine langfristige Unterstützung aus, sagt sie. Viele betroffenen Familien könnten sich ohne den Lohn der ums Leben gekommenen Angehörigen kaum noch über Wasser halten.

Es gehe bei den Forderungen der Kläger auch um die Finanzierung von medizinischen Behandlungen und Renten sowie die Anerkennung erlittenen Leids, sagt Thomas Seibert von der Menschenrechtsorganisation Medico International, die die Hinterbliebenen bei ihrem Kampf unterstützt.

Noch steckt der Prozess im Anfangsstadium. Bis Ende Juni erwartet Rechtsanwalt Klinger nun eine erste richtungsweisende Entscheidung. Es geht um die Prozesskostenhilfe. „Wird die gewährt, heißt das, dass das Gericht der Klage Chancen einräumt“, sagt Klinger im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

Klinger und die Kläger betreten dabei juristisches Neuland. Denn ob KiK seine menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten verletzt hat, muss das Landgericht Dortmund aufgrund der EU-Verordnung Rom II nach pakistanischen Gesetzen klären. Diese basieren auf britischem Recht und ermöglichen grundsätzlich wesentlich höhere Schadensersatzforderungen als im deutschen Zivilrecht. Die spannende Frage ist nun, ob ein hiesiges Gericht bereit ist, das auf ein deutsches Unternehmen zu übertragen.

Unabhängig vom Verfahren in Dortmund laufen bei der Internationalen Arbeitsagentur (ILO) in Genf Verhandlungen über eine weitere Entschädigung aller Opfer. Vergangenen Mittwoch gab es dazu Gespräche mit Vertretern der pakistanischen Regierung, von Gewerkschaften, KiK und des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Vor allem auf Druck des BMZ habe sich der Textildiscounter auf neue Gespräche eingelassen, heißt es.

Alle Parteien stimmten überein, den Prozess zugunsten der Opfer zu beschleunigen, teilte die ILO nach dem jüngsten Treffen mit. Eine Kommission solle jetzt zunächst in Karachi die Situation der Opfer und Hinterbliebenen untersuchen.

Mindestens genauso wichtig wie eine finanzielle Entschädigung ist den Opfern aber auch eine förmliche Entschuldigung von KiK und die Übernahme der Verantwortung für das Unglück. Es gehe aber auch darum, dass KiK die Arbeitsbedingungen in den anderen Zulieferbetrieben verbessere, sagt Saeeda Khatoon.

Denn in Pakistans Textilfabriken habe sich seit der Brandkatastrophe nicht wirklich etwas verändert. In 95 Prozent der Betriebe gebe es keine gewerkschaftliche Vertretung, sagt Nasir Mansoor, Vize-Generalsekretär der National Trade Union Federation in Pakistan. Nur etwa fünf Prozent der Beschäftigten hätte einen schriftlichen Arbeitsvertrag. Und 12 bis 18 Stunden Arbeit seien an der Tagesordnung.

Saeeda Khatoons Sohn fing mit 14 Jahren an, bei Ali Enterprises zu schuften. „Manchmal war er 72 Stunden lang in der Fabrik“, erzählt die Pakistanerin. Für ein Monatsgehalt von umgerechnet rund 70 Euro.

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