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Ölpreis „Die Ölschwemme kann schnell enden“

Energieexperte Zittel spricht im Interview über die fallenden Ölpreise, maximale Fördermengen und Verschwörungstheorien.

09.12.2014 15:15
A statue honouring oil workers is seen in Cabimas
In Venezuela hat man den Öl-Arbeitern schon vor Jahren ein Denkmal gesetzt. Foto: REUTERS

Herr Zittel, der Erdölpreis ist im Keller, die Verbraucher freuen sich darüber, dass Sprit und Heizöl viel billiger geworden sind. Grund ist eine Ölschwemme auf dem Markt. Wie passt das zu Ihrer „Peak Oil“-Warnung, wonach die globale Förderung bereits in der Nähe des Maximums ist und in Zukunft Preissprünge nach oben drohen?
Es passt durchaus dazu. Die Schwemme ändert nichts daran, dass es immer schwieriger und teurer wird, neues Öl zu fördern und in den Markt zu bringen. Die Förderung der großen Ölkonzerne geht seit etwa zehn Jahren zurück. Bei Shell zum Beispiel liegt sie heute 40 Prozent niedriger. Man macht teure, gefährliche Tiefsee-Bohrungen und beutet Teersande aus, ein extrem aufwendiges und schmutziges Verfahren. Auch Fracking, mit dem man vorher ungenutzte Reserven anzapft, ist kostspielig.

Die USA sind durch das Fracking immerhin zum größten Erdöl-Förderer geworden...
Der Fracking-Erfolg ist unterschätzt worden, in der Tat. Zieht man das Fracking-Öl ab, ist die weltweite Erdölförderung seit 2006 sogar leicht gefallen.

Sie sagen: Fracking bringt nur einen kleinen Aufschub. Wie lange?
Peak Oil wird dadurch ein paar Jahre hinausgeschoben, nicht aber um Jahrzehnte. Zudem könnte der Fracking-Boom auch schnell wieder zu Ende sein, wenn das Erdöl noch länger so billig bleibt. Die Technologie ist aufwendig und teuer. Die Fracking-Firmen in den USA haben wegen der Talfahrt des Gaspreises und dem niedrigen Ölpreis seit fünf Jahren keine Gewinne mehr gemacht, sie sind hoch verschuldet. Für einige von ihnen wird es die Insolvenz bedeuten, wenn der Ölpreis unten bleibt.

Ist Fracking die einzige Ursache für die aktuelle Ölschwemme?
Nein. Das Fracking-Öl führte zu einem höheren Gesamtangebot. Ausschlaggebend ist aber, dass der Verbrauch nicht entsprechend mitwuchs. In den Industriestaaten sinkt er seit Jahren, nur in Asien steigt er noch. Ergebnis: ein Überangebot, das den Preis drückt.

Die Opec hat jüngst beschlossen, die Förderung nicht zu kürzen. Dadurch fiel der Preis weiter. Was steckt dahinter?
An der Preisschraube zu drehen, ist nicht so einfach. Fördersenkungen bergen für die Ölländer immer die Gefahr, dass der Ölpreis danach nicht genügend steigt, um den Einnahmeverlust durch die gekappten Mengen auszugleichen. Hier herrscht selten Einigkeit. Denkbar ist auch, dass die Opec den Preis bewusst niedrig hält, um Konkurrenten zu schaden, die das Öl viel teurer fördern als etwa Saudi Arabien, das in der Opec den Ton angibt – eben die Fracking-Firmen. Es gibt aber auch eine ganz andere Spekulation: Danach haben sich Saudi Arabien und die USA abgesprochen, das Öl billig zu halten, um damit missliebigen Ländern wie Russland oder Venezuela zu schaden, deren Staatshaushalte stark von den Öl-Einnahmen abhängen.

Fürchten Sie eine Destabilisierung dieser Länder?
Das Risiko besteht, dass sie in ihrer Wirtschaftskraft stark geschwächt werden. Über die gesellschaftlichen und politischen Folgen, die das haben würde, kann man nur spekulieren.

Russische Experten wittern eine regelrechte Verschwörung des Westens hinter dem Preisrutsch. Absurd – oder nicht?
Die Spekulation gibt es nicht nur in Russland. Dagegen spricht, dass der niedrige Preis, wie gesagt, auch eigenen Firmen große Probleme bringt.

Wagen Sie eine Prognose? Wie hoch wird der Ölpreis, der heute bei unter 70 Dollar pro Barrel liegt, in einem Jahr sein?
Ich beantworte das anders: Wenn der Ölpreis in einem Jahr noch so niedrig liegt, dann erleben wir eine Marktbereinigung, an deren Ende viele der Erdöl-Firmen nicht mehr existieren werden. Sogar die Multis wie Shell, BP oder Exxon Mobil, die alle hoch verschuldet sind, könnten in Schwierigkeiten kommen. Deren Kreditwürdigkeit hängt auch von der finanziellen Bewertung ihrer Ölreserven ab. Sie ist umso niedriger, je tiefer der Ölpreis fällt. Ich erinnere an den Dezember 1998, als der Ölpreis auf zwölf Dollar pro Barrel fiel. Viele Firmen verschwanden oder fusionierten, und kurz darauf begann die Preisrallye auf 140 Dollar.

Interview: Joachim Wille

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