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Ölgewinnung Schmutziges Öl aus Teersand

In Kanada wird "schmutziges Öl" gefördert, die EU und die USA erwägen ein Importverbot. Für diesen Fall droht Kanada mit einem Handelskrieg.

83 Prozent Sand, zehn Prozent Bitumen, vier Prozent Wasser, drei Prozent Ton: Teersandabbau in der Provinz Alberta, Kanada. Foto: Greenpeace/Jiri Rezac

Eigentlich könnten die Ölmanager in den Wolkenkratzern von Calgary zufrieden sein. Die Ölpreise steigen, das Geschäft brummt. Im hohen Norden Kanadas wühlen rund um die Uhr gigantische Schaufelradbagger die sandigen Teer-Böden auf, um Öl zu gewinnen. Die Gemeinden in den Fördergebieten platzen aus allen Nähten, Jobs gibt es in Hülle und Fülle.

Und doch sind die Öl-Produzenten in dieser Tage in Sorge denn aus dem Ausland droht Ungemach. Umweltgruppen wettern rund um dem Globus gegen das „schmutzige Öl“ aus Kanada und das hat Folgen: Unlängst haben die USA den Bau einer Mega-Pipeline für das Öl erstmal gestoppt und auch in Europa denkt man darüber nach, die Einfuhr des Rohstoffs zu erschweren.

Emissionen aus Teersand um 22 Prozent erhöht

Heute entscheidet die EU, ob Öl aus Teersand wegen seiner schlechten Umweltbilanz aus Europa ferngehalten wird. Kanada, neben Venezuela der weltgrößte Produzent, will das unbedingt verhindern. In einem jetzt bekannt gewordenen Brief droht das Land der EU offen mit einem Handelskrieg: „Kanada wird seine Interessen mit allen Mitteln verteidigen, notfalls auch vor der Welthandelsorganisation“, heißt es in einem Brief des kanadischen EU-Botschafters an die Kommission. Der Rohstoffminister des Landes, Joe Oliver, betonte im kanadischen Fernsehen, man werde eine Diskriminierung des kanadischen Öls nicht zulassen. In Kanada lagern nach Saudi-Arabien die zweitgrößten abbaubaren Ölreserven der Welt.

Bei dem kanadisch-europäischen Konflikt geht es um die Treibstoff-Qualitätsrichtlinie der EU. Diese hat zum Ziel, die Klimabilanz von Kraftstoffen in Europa zu verbessern. Dazu wird in dem Gesetz die Klimabilanz jedes einzelnen Treibstoffs aufgelistet – von der Förderung über die Herstellung bis hin zum Verbrauch.

Die Bilanz für Kraftstoffe aus Teersand-Öl fällt wenig schmeichelhaft aus. Laut Kommission liegen die Emissionen um bis zu 22 Prozent höher als bei Benzin, das aus herkömmlichem Öl hergestellt wird. Betrachtet man nur die Förderung, ist die Bilanz womöglich noch schlechter: Laut Umweltgruppen entstehen beim Teersand-Abbau drei- bis viermal mehr Klimagase wie bei der normalen Ölförderung.

Der Grund: Die Förderung ist technisch sehr aufwändig und es sind enorme Mengen an Energie nötig, um den Rohstoff aus den Böden zu waschen. Letzte Woche haben sich acht Nobelpreisgewinner für ein Stopp des Ölsand-Abbaus ausgesprochen, darunter der südafrikanische Bischof Desmond Tutu.

Zerstörerische Auswirkungen auf die Natur

Die Regierung in Ottawa bestreitet die Zahlen und befürchtet einen weltweiten Imageschaden für ihr Öl. Die Richtlinie der EU würde außerdem Exporte nach Europa deutlich teurer, womöglich sogar gänzlich unrentabel machen. Noch gehen 99 Prozent aller Öl-Exporte aus kanadischem Teersand in die USA. Doch das Land will den Abbau in den nächsten 20 Jahren annähernd verdreifachen und das Öl künftig auch nach Asien und Europa liefern.

Daher hat die kanadische Regierung ihre Botschafter in EU-Ländern in die Spur geschickt, um für den Rohstoff zu lobbyieren. Die Ölsande seien eine wichtige strategische Ressource, die zum Wachstum und zur Energiesicherheit beitragen, heißt es in einem Brief der Emissäre an europäische Parlamentsabgeordnete.

Die kanadische Regierung hat mächtige Verbündete: In Europa ansässige Ölkonzerne wie BP, RoyalDutchShell oder Total haben sich bereits an den kanadischen Ölsand-Firmen beteiligt oder denken darüber nach. Ihrem Druck in Brüssel, Berlin, London oder Paris ist es zu verdanken, dass die entscheidende Abstimmung bei der EU immer wieder verschoben wurde.

Ureinwohner klagen über Gesundheitsprobleme

Auch diesmal ist noch unsicher, ob es im zuständigen Fachausschuss in Brüssel eine qualifizierte Mehrheit für das Gesetz gibt. In kanadischen Regierungskreisen hieß es, man habe entscheidende Verbündete gewinnen können, darunter Großbritannien, Frankreich und womöglich auch Spanien, Polen und Estland. In Deutschland streiten derzeit Umwelt- und Wirtschaftsressort um den Kurs. Ein Antrag der Grünen für eine harte Linie gegenüber Kanada fand im Bundestag keine Mehrheit.

Umweltschützer kritisieren die Förderung nicht nur wegen der Klimabilanz, sondern auch wegen ihrer Auswirkungen auf die Natur. Die Abbaugebiete in Kanada, die etwa der Größe Englands entsprechen, werden beim Abbau großflächig zerstört. Bei Auswaschen der Böden entstehen große Abraumhalden, zum Beispiel mit Schwefel, verseuchte Absatzteiche und Wolken mit allerlei Umweltgiften.

Die Ureinwohner, die im Umfeld der Ölfelder wohnen, klagen über Gesundheitsprobleme wie Asthma, Schwindel und Ausschläge, die sie auf die Verschmutzung der Gewässer, der Luft und der Wälder zurückführen. Ärzte berichten von erhöhten Krebsraten. Regierung und Industrie halten die Probleme für überbewertet und streiten ein Zusammenhang mit der Ölförderung ab.

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