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Nokia Siemens Networks Proteste gegen Stellenabbau bei NSN

Der kriselnde Netzwerk-Ausrüster Nokia Siemens Networks schließt den Standort München - knapp 3000 Stellen sollen bundesweit wegfallen.

31.01.2012 12:38
Das Büro von Nokia Siemens Networks (NSN) in München. Foto: Lukas Barth

Das Damoklesschwert über der deutschen Belegschaft des Münchner Netzwerkausrüsters Nokia Siemens Networks (NSN) ist gefallen. Die gemeinsame Tochter des finnischen Handy-Riesen und des Münchner Technologiekonzerns will bis Ende 2012 hier zu Lande 2.900 von 9.100 Stellen streichen, dabei den größten Standort München schließen und weitere Arbeitsplätze durch den Verkauf von Unternehmensteilen von der Lohnliste bekommen. "Wir müssen in Deutschland diesen schwierigen Schritt machen, um sicherzustellen, dass NSN ein wirtschaftlich nachhaltiges Unternehmen ist", begründete Deutschland-Chef Hermann Rodler den in dieser Radikalität nicht erwarteten Kahlschlag.

"Wir sind geschockt", sagte NSN-Gesamtbetriebsratschef Georg Nassauer. "Das Aus für München mit 3.600 Stellen wäre eine Katastophe." Er und die IG Metall kündigten Proteste an. Ziel sei es, den Hauptstandort München zu erhalten und den Stellenabbau zu reduzieren. Ein Großteil des jetzigen Fiaskos sei einem schlechten Management unter Nokia-Führung geschuldet, kritisieren Betriebsrat und Gewerkschaft.

Beschäftigte demonstrieren gegen Management

"Unsere Manager sind die Wurzel allen Übels", klagt Nassauer. Statt Tausender Beschäftigter müsse die Riege um NSN-Chef Rajeev Suri gehen. Sonst habe NSN keine Zukunft mehr. Mehrere Hundert Beschäftigte haben in München gegen den geplanten drastischen Stellenabbau protestiert. Vor dem Hauptsitz des deutsch-finnischen Gemeinschaftsunternehmens machten sie mit einem Pfeifkonzert ihrem Unmut über die geplante Schließung des Standorts München Luft. Der Münchner NSN-Betriebsratsvorsitzende Horst Schön forderte vom Siemens-Konzern, Verantwortung für die Mitarbeiter zu übernehmen „und uns nicht auf die Straße zu werfen und zu entsorgen“.

Unter dem Beifall der Demonstranten rief Schön: „Wenn jemand gehen muss, dann ist es unser Management.“ Betriebsratsmitglied Carsten Riedl attackierte die Unternehmensleitung scharf: „NSN fährt seit Jahren einen Kurs, den keiner nachvollziehen kann.“

Umbau des Unternehmens

"Unser Fokus liegt in Zukunft auf dem mobilen Breitbandnetz", erklärte NSN-Finanzchef Dr. Marco Schröter in einer Pressekonferenz. Konkret bedeute dies, dass sich das Unternehmen auf die Geschäftsbereiche konzentriere, in denen es stark sei. "Diese liegen in: Breitband-Mobilfunknetzen, die Intelligenz und Fähigkeit sie zu betreiben und den Service, sie effizient zu unterhalten und zu steuern. Wir adressieren hiermit einen 70 Milliarden Euro Markt, in dem wir bereits heute laut Analysten die Nummer zwei sind."

NSN-Chef Suri will den Konzern in Deutschland auf die fünf Standorte Berlin (Produktion, Forschung und Entwicklung), Bonn und Düsseldorf (Kundengeschäft), Bruchsal (Produktion) sowie Ulm (Forschung und Entwicklung) konzentrieren. Dorthin sollen rund 1.600 Münchner Arbeitsplätze verlagert werden, sodass die anderen deutschen Standorte rechnerisch Gewinner des Kahlschlags werden. Bis Ende 2012 soll der Standort München ganz geschlossen werden. Dort arbeiten derzeit 3600 Menschen, von denen 1600 an andere Standorte umziehen sollen. 2000 der Stellen aus dem Streichplan sind in München.

Nicht in den offiziellen NSN-Zahlen eingerechnet ist Stellenabbau per Verkauf. Teile des deutschen Breitbandgeschäfts mit knapp 300 Arbeitsplätzen sind schon veräußert worden. Wie viele weitere Einheiten und Stellen es noch trifft, weiß die Belegschaft nicht. Weltweit will NSN 17.000 der global 74.000 Arbeitsplätze streichen, um eine Milliarde Euro zu sparen und die Gewinnzone zu erreichen. "Wir werden NSN fit für die Zukunft machen. Es ist nicht so schwierig dieses Unternehmen profitabel zu machen", so Schröter.

Kreditlinie 1,3 Milliarden

Seit die deutsch-finnische Gemeinschaftsfirma 2007 an den Start ging, jagt eine Abbaurunde die nächste. NSN habe seit Gründung jedes Quartal mit Verlust abgeschlossen, so Finanzchef Marco Schröter. "Das ist um so trauriger als das Unternehmen im Kern gesund ist".

Hier zu Lande wurden bereits rund 5.000 Stellen gestrichen. Mit dem jetzigen Aderlass halbiert sich die urspüngliche Belegschaft. In dieser verzweifelten Lage appellieren Gewerkschaft und Betriebsrat an Siemens als einstigem Alleineigner des Netzwerkgeschäfts.

"Wir wollen, dass Siemens hier nicht mehr wegsieht, sondern handelt", fordert Nassauer Siemens-Chef Peter Löscher auf, sich nochmal unternehmerisch zu engagieren. Aber der frühere Mutterkonzern verweigert sich hartnäckig. Siemens hat sich für immer aus der Telekommunikation als einstigem Herzstück des Traditionsunternehmens verabschiedet und finanziert nur noch anteilig die jetzige Abbaurunde mit.

Binnen vier Jahren haben Siemens und Nokia rund 2,5 Milliarden Euro in ihre bis heute defizitiäre und Marktanteile verlierende Tochter gepumpt. Mit diesem Rückzug auf die Position eines Finanziers riskiert Löscher nun allerdings ähnlichen Imageschaden wie beim Debakel um Benq und das von Siemens aufgegebene Handy-Geschäft. Dort sind weniger Arbeitsplätze verloren gegangen als bei NSN in Deutschland. Derzeit verfügt das Unternehmen über eine Kreditlinie von 1,3 Milliarden Euro. Finanzchef Schröter sieht daher "momentan keinen Anlass" für die Ausgabe von Anleihen.

„Der Standort Berlin ist für uns aber von sehr großer Bedeutung, auch weil viele unserer Kunden hier sind“, heißt es bei NSN. Des einen Leid, des anderen Freud: Der Jobkahlschlag beim Netzwerkausrüster Nokia Siemens Networks (NSN) hat positive Auswirkungen auf den Standort Berlin. Hier wird künftig die Geschäftsführung ihren Sitz haben. (tmh/kho)

Redaktion FR-online.de: Auf Twitter wurden wir darauf hingewiesen, dass NSN in Polen nach neuen Mitarbeitern suche.

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