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Neuer WWF-Report Menschheit braucht bald zwei Planeten

Der Raubbau an der Natur setzt sich laut einer neuen Untersuchung des WWF unvermindert fort. Derzeit verbraucht der Mensch pro Jahr rund 1,5 mal soviel Ressourcen, wie sich jährlich erneuern.

Die Erderwärmung schreitet nach Erkenntnissen der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) voran. Foto: dpa

„Macht die Menschheit so weiter, benötigten wir im Jahr 2030 zwei Planeten, um unseren Bedarf an Nahrung, Wasser und Energie zu decken“, sagte WWF-Vorstand Eberhard Brandes am Montag in Berlin.

Bis zur Mitte des Jahrhunderts wären es laut der Studie „Living Planet Report 2012“ sogar knapp drei.

Die Umweltstiftung misst in dem alle zwei Jahre erstellten Report die Veränderungen im Rohstoffverbrauch und beim weltweiten Artenreichtum. Zusammengefasst ergibt das den „ökologische Fußabdruck“. Er zeigt, wie stark die Ökosysteme durch den Menschen beansprucht werden. Seit Mitte der 60er Jahre hat sich die Belastung auf die Naturressourcen laut der Untersuchung verdoppelt.

Der Fußabdruck beträgt heute laut WWF insgesamt 18 Milliarden Hektar respektive 2,7 Hektar für jeden der rund sieben Milliarden Menschen auf der Erde. Die Kapazität der Erde beträgt allerdings nur zwölf Milliarden Hektar oder 1,8 Hektar pro Person. Derzeit verbraucht die Menschheit also rund 50 Prozent mehr Ressourcen als sich wieder erneuern.

Das hat direkte Folgen für die Biodiversität. Der WWF-Index belegt eine Rückgang der weltweiten Artenvielfalt um 28 Prozent seit 1970. In tropischen Regionen liegt er mit durchschnittlich 60 Prozent sogar noch höher – besonders dramatisch ist der Verlust in den tropischen Flüssen und Seen, hier hat sich der Index um 70 Prozent verschlechtert.

Artensterben kann verhindert werden

Als Hauptursachen für den Artenverlust nennt die Studie die Zerstörung der Lebensräume vieler Tiere und Pflanzen, die Umweltverschmutzung und den beschleunigten Klimawandel. Den Druck erhöhten aber auch fremden Tier- und Pflanzenarten, die durch den weltweiten Flug- und Schiffsverkehr in neue Regionen gelangen und andere heimische Arten verdrängen.

Die dominante Spezies Mensch verdränge also Tiere und Pflanzen immer stärker. Brandes verwies allerdings darauf, dass das Fortschreiten des Artenschwunds nicht zwangsläufig sei: „Dass Umkehr möglich ist, zeigt der weitgehend stabile Index für die gemäßigten Zonen.“ Die in den letzten Jahren und Jahrzehnten ergriffenen Naturschutzbemühungen zeigten hier Wirkung – etwa in Europa.

Die Hauptverantwortung für die Übernutzung der Erde trägt laut der Umweltstiftung weiterhin der reiche Norden. „Das Wirtschaftswachstum wohlhabender Staaten findet auf Kosten der ärmsten Länder statt, die am meisten natürliche Ressourcen beisteuern und selbst am wenigsten verbrauchen“, sagte Brandes.

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Für das deutsche Wohlstandsniveau bräuchte es 2,5 Planeten.

Wären alle Menschen US-Amerikaner, bräuchte man derzeit - nach dem Fußabruck-Modell gerechnet - vier Planeten, beim deutschen Wohlstandniveau etwa 2,5, beim indonesischen aber nur 0,7. Die wohlhabendsten Länder konsumieren im Schnitt also dreimal so viel wie Länder mit mittlerem Wohlstandsniveau und fünfmal so viel wie Länder mit niedrigem Wohlstandsniveau.

Allerdings tragen die Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien inzwischen stärker zur Umweltzerstörung bei. Ihr ökologische Fußabdruck hat sich seit 1961 pro Kopf um 65 Prozent vergrößert. Grund dafür ist neben dem anhaltende Bevölkerungswachstum die Orientierung der wachsenden Ober- und Mittelschichten am westlichen Konsummodell.

Auch die zunehmende Verstädterung trage zum Ressourcen-Raubbau zu, so der WWF. Derzeit leben gut 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, 2050 werden es laut den Prognosen zwei Drittel sein. Damit steige in der Regel der Konsum an - der durchschnittliche Fußabdruck eines Bewohners von Peking zum Beispiel sei fast dreimal höher als der des Durchschnittschinesen.

Jahrhundert der Umweltkatastrophen droht

Brandes warnte im Vorfeld der UN-Konferenz Rio plus 20, auf der im Juni die Bilanz der zwei Jahrzehnte internationaler Umwelt- und Entwicklungspolitik gezogen wird: „Wenn wir jetzt nicht handeln, wird das 21. Jahrhundert zu einem Jahrhundert der Umweltkatastrophen.“ Um den Raubbau zu bremsen, müsse die Natur „endlich einen Preis bekommen“.

Brandes forderte, die natürlichen Ressourcen müssten im internationalen Finanzsystem berücksichtigt werden. Weiter fordert der WWF, den Anteil nachhaltiger erneuerbarer Energien im globalen Energiemix auf mindestens 40 Prozent bis 2030 zu steigern. Die Investitionen in Öko-Energiequellen wie Wind- und Sonnenenergie hätten sich sich seit 2004 weltweit mehr als verfünffacht, sagte Brandes. „Das ist ein Beispiel, auf dem wir aufbauen müssen.“ Weiter fordert der WWF einen Stopp der Waldvernichtung, eine effizientere, umweltfreundlichere Produktionsweise und veränderte Konsumgewohnheiten.

Der Report wird vom WWF gemeinsam mit der Zoologischen Gesellschaft von London (ZSL) und dem Global Footprint Network (GFN) erstellt. Neuerdings arbeitet auch die europäische Raumfahrtagentur (ESA) daran mit. Deren Astronaut André Kuipers beobachte als „WWF-Botschafter“ die Erde vom Weltraum aus, teilte die Umweltstiftung mit.

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