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Netzagentur-Chef Kurth "Viele weiße Flecken bald verschwunden"

Bundesnetzagentur-Chef Matthias Kurth rechnet im FR-Interview mit einem schnellem Ausbau der Breitbandversorgung auch auf dem flachen Land. Den Bau von neuen Stromnetzen würden klagefreudige Bürger hingegen behindern.

15.05.2010 00:05
Er ist der Herr über Strom, Gas, Telekom, Post und Eisenbahn: Matthias Kurth. Der Chef der Bundesnetzagentur spricht sich dafür aus, dass sich Deutschland erneuern muss. Foto: rtr

Herr Kurth, werden Sie sich auch ein iPad, den neuen Tablet-Rechner von Apple, zulegen?

Ich bin noch am überlegen. Meine Entscheidung wird auch davon abhängen, wie gut man Filme damit anschauen kann und wie schnell man ins Internet kommt.

Dafür sind Sie doch mitverantwortlich. Mit der Auktion der Mobilfunkfrequenzen wird ja über die Infrastruktur für Geräte wie das iPad entschieden. Wann kann man auf dem flachen Land mit mobilen Geräten Filme anschauen?

Nach der Frequenzauktion wird die Lage in Deutschland erheblich besser sein als im übrigen Europa und in den USA. Die Frequenzen sind der Treibstoff für das schnelle Internet über Mobilfunk - auch in ländlichen Gebieten, denn dort muss zuerst mit neuester Technik ausgebaut werden und dort werden Sie mit relativ hohen Geschwindigkeiten surfen können. Ich glaube, in spätestens zwei Jahren ist es soweit. Dann sind viele weiße Flecken bei der Breitbandversorgung verschwunden. Das sind gute Nachrichten fürs flache Land.

Für die Kunden. Aber die Mobilfunknetzbetreiber haben doch das Problem, dass in dünn besiedelten Gebieten weniger verdient werden kann. Der Zwang, zuerst in der Provinz auszubauen, kann wie ein Hemmschuh für Innovationen wirken.

Ich glaube, der Mechanismus wirkt anders. Wir werden sehen, dass auf dem Land sehr schnell ausgebaut wird, um dann rasch die lukrativen städtischen Gebiete zu erschließen. Und Sie dürfen nicht vergessen, die Kunden werden Druck machen. Der Bedarf für Breitband ist auch in ländlichen Regionen enorm hoch. Das heizt den Wettbewerb an. Wer die beste Qualität liefert, wird die meisten Kunden gewinnen - ein Windhundeffekt.

Schon jetzt wird über Kooperationen beim Netzaufbau besonders zwischen E-Plus und O2 spekuliert. Was halten Sie davon?

Kooperationen sind denkbar, wenn dabei der Wettbewerb nicht eingeschränkt wird. Netzbetreiber teilen sich ja schon jetzt Standorte für Funkmasten. Der nächste Schritt wäre, dass man aktive Technik gemeinsam nutzt. Oder man teilt sich die Erschließung der Gebiete auf. Der eine Betreiber baut das Netz in einer Region, der andere in einem benachbarten Gebiet auf und man gewährt sich wechselseitig Zugang. Wir stehen dem offen gegenüber, ganz besonders auf dem flachen Land.

Trotzdem ziehen Sie den Unternehmen viel Geld aus der Tasche. Sieben bis acht Milliarden Euro werden die Frequenzen nach Ansicht von Experten kosten. Wäre es nicht sinnvoller, dass die Unternehmen dieses Geld für den Ausbau der Netze einsetzen?

Wo Frequenzen verschenkt wurden, ist genau das Gegenteil eingetreten, zum Beispiel in Schweden. Die Auktion ist die Stunde der Wahrheit. Hier zeigt sich, wer leistungsfähig ist. Wer sich hier durchsetzt, dem kann ich am ehesten auch einen zügigen Netzausbau zutrauen.

Sie sind nicht nur Telekomaufseher, sondern für alle Schlüssel-Infrastrukturen zuständig, auch für Strom, Gas, Post und Eisenbahn. Welche ist die wichtigste?

Also, ich denke in eine andere Richtung. Wir brauchen einen sektorübergreifenden Innovationsschub. Wenn wir etwa Elektroautos auf die Straße bringen wollen, müssen wir die Stromverteilnetze aufrüsten, weil es möglichst viele Stromtankstellen für Autos geben soll. Und wir brauchen dafür auch intelligente Stromnetze, das geht nur mit moderner Kommunikationstechnik.

Die Netze müssen aber nicht nur wegen der Autos aufgerüstet werden. Wind- und Sonnenstrom müssen zu den Verbrauchern transportiert werden. Reichen die wenigen Stromautobahnen, die derzeit in Planung und Bau sind?

Nein. Im Herbst wird festgelegt, wie die Erzeugerlandschaft aussieht und wie groß der zusätzliche Bedarf ist. Dann werden zusätzliche Höchstspannungsleitungen konzipiert werden können.

Der Bau der Projekte läuft sehr schleppend. Woran liegt das?

Vor allem an den Genehmigungen vor Ort. Viele Bürger wehren sich zum Teil mit allen rechtlichen Mitteln gegen neue Stromleitungen.

Ist Deutschland ein infrastrukturfeindliches Land?

Oft gilt hier das Banana-Prinzip. Das steht für "Build absolutely nothing anywhere near anyone", baue gar nichts irgendwo in der Nähe von irgendjemandem. Wir sind ein Rechtsstaat, ich will die durchaus berechtigten Interessen Einzelner nicht ignorieren. Aber natürlich ist es schwierig, mit klagefreudigen Bürgern schnelle Lösungen zu erreichen. Deutschlands Bürger müssen einsehen, dass das Land sich modernisieren muss. Wir können uns zehnjährige Planungszeiten für Energieprojekte nicht mehr leisten, wenn wir schnell auf Ökostrom umstellen wollen.

Liegt es nicht auch an magerer Verzinsung, die Sie auf Investitionen in neue Stromleitungen zugestehen?

Mager? Wir gewähren für Investitionen in die Netze eine Verzinsung von 9,29 Prozent. Wo bekommt man denn derart viel Geld für eine sichere, nahezu risikolose Anlage? Die Energiewirtschaft jammert auf höchstem Niveau, weil sie aus einer Monopolwelt kommt. An solche Renditen ist zurzeit in vielen wettbewerbsintensiven Branchen gar nicht zu denken. Und wir dürfen nicht vergessen: Am Ende zahlen für die Netzkosten wir alle, die Verbraucher und die deutsche Industrie.

Brauchen wir für unsere Höchstspannungsleitungen eine Deutsche Netz AG? Es teilen sich derzeit vier Betreiber das Netz.

Wir haben auch hier schon große Fortschritte gemacht. Eon und Vattenfall haben ihre Netze verkauft, sie sind nun unabhängig vom Übertragungsnetz. Dazu haben wir einen Netzregelverbund verordnet, der gerade seinen Betrieb aufgenommen hat. Die teure Regelenergie, mit der kurzfristige Spannungsschwankungen im Netz aufgefangen werden, wird nun für ganz Deutschland gemeinsam organisiert. Das spart den Verbrauchern knapp 200 Millionen Euro pro Jahr.

Brauchen wir nicht gleich ein europaweites Stromnetz, damit zum Beispiel Windkraft über den Kontinent hinweg ausgeglichen werden kann?

Ein leistungsfähiges Europa-Netz ist dringend nötig. Bevor wir aber anfangen, Netze gemeinsam zu managen, müssen wir noch einen anderen Schritt gehen. Wir haben noch nicht ausreichend Grenzkuppelstellen. Nur der Ausgleich mit Österreich funktioniert, an allen anderen Grenzen gibt es Engpässe. Das ändert sich nur sehr langsam. Wir würden uns wünschen, dass auf beiden Seiten die Genehmigungsverfahren für solche Kuppelstellen deutlich schneller zum Erfolg gebracht werden können. Der Ausbau der Netze ist wichtig. Aber noch wichtiger ist, dass sie intelligent werden.

Was meinen Sie damit?

Die erneuerbaren Energien wie Wind- und Solarkraft schwanken stark. Das können wir nicht nur mit neuen Leitungen ausgleichen, sondern auch, indem wir unseren Verbrauch anpassen. Zum Beispiel mit intelligenten Stromzählern, die die Kühltruhe und die Waschmaschine dann anwerfen, wenn billiger Windstrom im Netz ist. Die Verbraucher interessieren sich aber bisher nicht besonders dafür, sie sehen noch keine konkreten Vorteile für sich. Das muss sich ändern. Ich erwarte von den Energieversorgern bessere Angebote für die Haushalte. Noch fehlt uns so etwas wie das iPhone, das beim mobilen Internet den Durchbruch gebracht hat. Das muss durch neue Geschäftsmodelle und durch den richtigen Rahmen vorangebracht werden.

Die Öko-Strom-Branche will bis zum Jahr 2020 knapp die Hälfte des Stroms in Deutschland produzieren. Angenommen, es werden genug Kraftwerke gebaut: Verträgt das unsere Infrastruktur?

Zehn Jahre Zeit, das ist bei Infrastrukturen nicht viel. Ich wünsche allen hochgesteckten Zielen viel Glück, aber auch den nötigen Realismus.

Solarstrom ist sehr teuer und muss von den Verbrauchern bezahlt werden. Wie stark steigen die Strompreise 2011 durch die Förderung der erneuerbaren Energien?

Wenn Strommengen aus den erneuerbaren Energien wachsen, wächst voraussichtlich auch der Förderbedarf über den Strompreis. Mittelfristig müssen durch Anpassungen des Verbrauchs und der Speichertechnologien aber auch Solar- und Windstrom besser vermarktet werden können. Wenn wir die Stromabnahme flexibilisieren, wird langfristig auch der Subventionsbedarf wieder sinken können.

Interview: Jakob Schlandtund Frank-Thomas Wenzel

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