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Nachhaltigkeit „Wissen, was man auf der Haut trägt“

Hessnatur-Chef Vivek Batra über transparente Lieferketten, faire Löhne und die Nachhaltigkeit von aufbereitetem Polyester.

19.08.2016 13:39
Bei der Zulieferung von Kaschmir- und Yak-Wolle gibt es manchmal Engpässe. Foto: REUTERS

Zum Interview in der Hessnatur-Zentrale  im hessischen Butzbach trägt Vivek Batra einen blauen Anzug aus „Hessen-Leinen“. Hessnatur lässt die aus Flachs gewonnene Faser von Landwirten aus der Region anbauen. Der Inder macht darin eine gute Figur. Eigentlich habe er ja die Chino-Bermuda anziehen wollen, kokettiert Batra. „Doch das hat mir die PR-Abteilung verboten.“

In seinem Büro, das wie der ganze Bau nach anthroposophischen Kriterien gestaltet ist, bietet der 51-Jährige dem Gast Wasser oder einen Jasmin-Tee an, den er von seiner jüngsten China-Reise mitgebracht hat. Auf Wunsch gibt es dann aber auch Kaffee.

Herr Batra, das Mode-Label Dorothee Schumacher, bei dem Sie zuvor Geschäftsführer waren, hat die Hollywood-Produktion „Der Teufel trägt Prada“ ausgestattet. Zu welchem Streifen würde Ihr jetziges Unternehmen passen?
(lacht) Da könnte ich mir „Das Glücksprinzip“ von Mimi Leder aus dem Jahr 2000 vorstellen.

Das müssen Sie erklären.
In dem Film geht es darum, dass jeder nach dem Prinzip „Weitergeben“ drei anderen Menschen etwas Gutes tut. Diese helfen ihrerseits jeweils drei anderen. So breiten sich die guten Taten nach dem Schneeballprinzip aus.

Das Kontrastprogramm zu „Der Teufel trägt Prada“?
Sehen Sie, dieser Film mit Meryl Streep steht für die Glamour-Welt der Modebranche, in der es vor allem um den schönen Schein geht. Wir stehen für die Verbindung von Ästhetik und Ethik, für verantwortungsvollen Konsum, das macht uns so besonders.

Zum 40-jährigen Jubiläum von Hessnatur im  Mai hieß es aus Ihrer PR-Abteilung, die Initiative der Gründer-Familie Hess habe die Welt verändert. Ist das nicht ein bisschen hochgegriffen?
Warum sollten wir nicht anspruchsvoll formulieren? Als ich im Frühjahr als Geschäftsführer anfing, haben wir uns gemeinsam gefragt, warum wir tun, was wir tun. Eine Mitarbeiterin hat es dann auf die einfache Formel gebracht: „Wir wollen die Welt verbessern, mit jedem einzelnen Kleidungsstück, das der Kunde bei uns kauft.“ Genau darum geht es.

Aber nur fünf Prozent der Verbraucher kennen Hessnatur überhaupt. Das ist nicht die Welt.
In Zahlen ausgedrückt ist das tatsächlich nicht viel. Aber es geht um die Idee, mit der wir begonnen haben. Die Initiative der Familie Hess hat viel in Bewegung gebracht. Das Ziel, Textilien ohne toxische Stoffe zu produzieren, das erste Biobaumwoll-Anbauprojekt, all das war Pionierarbeit, die heute Früchte trägt. Viele Kunden stellen sich kritische Fragen, wollen wissen, was sie da eigentlich auf der Haut tragen.

Vor gut drei Jahren hat der Finanzinvestor Capvis Hessnatur übernommen. Ausgerechnet eine Heuschrecke macht sich über den Ökomode-Pionier her, hieß es damals. Finanzinvestoren kommen, wollen den Firmenwert steigern und in der Regel mit Gewinn schnell wieder gehen. Kann das gutgehen?
So funktioniert eben Marktwirtschaft – und wenn der Wert einer Firma steigt, dann haben alle etwas davon. Es muss doch mein Ziel als Vorstandschef sein, den Wert des Unternehmens zu steigern.

"Wir wollen modischer werden"

Aber wie passt ein Finanzinvestor zur nachhaltigen Philosophie eines Ökomodeanbieters?
Capvis ist sehr geduldig und hat viel in Hessnatur investiert. Dem Investor war vor dem Einstieg klar, dass ein Transformationsprozess erforderlich ist. Wir waren ein Katalogversandhandel, jetzt machen wir 65 Prozent unseres Geschäfts online. Und die beste Nachricht: Unsere Stores in Frankfurt, Berlin, Düsseldorf, Hamburg und München tragen bereits 15 Prozent zum Gesamterlös bei. Bei den Verkäufen in den Läden verbuchen wir ein zweistelliges Plus – und das bei einem leicht rückläufigen Gesamtmarkt.

Sie waren in diesem Jahr erstmals mit einer eigenen Markeninszenierung auf der Berliner Fashion Week vertreten. Drängt Capvis Sie aus der Öko-Nische heraus auf die Laufstege der Welt?
Ethik allein, unser Nachhaltigkeitsanspruch an Kleidung, hat uns nicht so viel Erfolg gebracht. Wir wollen modischer werden. Die Kunden kaufen Kleidung, weil sie gut aussehen wollen. Unsere neue Designerin Tanja Hellmuth hat der aktuellen Kollektion eine Handschrift gegeben. Wir nennen das „sophisticated casual“ – das passt sehr gut zu den Stoffen und Fasern, die wir verwenden.

Online-Kunden erwarten Bewegung auf der Webseite, einen schnelleren Wechsel der Kollektionen. Widerspricht das nicht der Hessnatur-Philosophie und ist eher Ausdruck von Fast-Fashion?
Überhaupt nicht. Wir machen weiter zwei Kollektionen pro Jahr, unterteilt in verschiedene Kapseln, wie wir das nennen. Zwischen Januar/Februar, März/April und Mai/Juni werden jeweils verschiedene Tranchen geliefert – saisongerecht mit je neuen Farben und einer anderen Kundenansprache.

Das zielt dann doch auf einen schnelleren Konsum von Kleidung.
Mode ist eben Mode, die Kunden suchen Fashion. Aber fast 50 Prozent unserer Textilien sind immer noch zeitlos schick. Außerdem kommt es uns darauf an, dass die Dinge kombinierbar sind in der Form- und Farbsprache und nicht einfach nach einer Saison out.

Wie definieren Sie dann Nachhaltigkeit?
Wir sprechen von Slow Fashion. Aber das heißt nicht, dass Mode nicht zeitgemäß ist. Es geht um ein verändertes Bewusstsein gegenüber Textilien und um die Frage: Weißt Du eigentlich, was Du konsumierst? Und darauf können wir eine Antwort geben. Wir kennen die Quelle jeder Faser, können belegen, dass wir faire Löhne zahlen und dass wir die ökologische Belastung in der Produktion möglichst gering halten.

Die großen Textilanbieter behaupten immer wieder, die Lieferkette vom Baumwollfeld bis zum Kleiderbügel sei so komplex, dass sie gar nicht zu überschauen ist. Reden die Unsinn?
Sie können nicht von heute auf morgen Transparenz in das Geschäft bringen. Das ist wahnsinnig aufwendig, aber es geht. Auch bei uns war das ein Prozess. Wir haben jetzt 40 Jahre Erfahrung, überschauen die ganze Komplexität. Wir kennen die Lieferketten und die Partner und wissen genau, unter welchen Bedingungen produziert wird.

Macht das Textilien am Ende teurer?
Unsere Kleidung kostet nicht umsonst 20 bis 30 Prozent mehr als normale Kleidung. Die spannende Frage wird sein, ob die Verbraucher bereit sind, für mehr Transparenz und eine nachhaltige Herstellung den Preis zu zahlen.

Sie lassen Baumwolle, Wolle, Seide und Leinen verarbeiten. Können Sie die Rohstoffe in Ökoqualität immer in ausreichender Menge beschaffen?
Die Natur setzt uns manchmal Grenzen. Wir hatten schon bei Kaschmir- und Yak-Wolle Engpässe. Auch die Ernte beim Flachs, den wir in Hessen anbauen lassen, kann geringer ausfallen. Notfalls können wir das Produkt dann nicht anbieten oder wir weichen auf andere Fasern aus.

Ist das der Grund, warum Sie jetzt auch recyceltes Polyester verarbeiten, was manche Hessnatur-Kunden als Sündenfall sehen?
Für eine Firma, die für Naturfasern steht, erscheint das zunächst als ein No-Go. Aber wir haben uns die Frage der Nachhaltigkeit in einem umfassenden Sinn gestellt. Moderne Nachhaltigkeit bedeutet für uns: Reduce, Reuse, Recycle. Ein Thema ist dabei auch die Verschmutzung der Meere durch Plastik. Ein recyceltes Polyester ist eine höchst nachhaltige Faser. Es entlastet die Umwelt, weil die PET-Flaschen zu einem hochwertigen Produkt verarbeitet werden. Auch humantoxikologisch genügt das unseren hohen Ansprüchen. Man kann das ohne Bedenken auf der Haut tragen.

2015 haben Sie verstärkt Aufträge in EU-Ländern platziert. Ist es unmöglich, in Ländern wie Bangladesch und Pakistan fair zu produzieren?
Nein, selbstverständlich kann man auch dort unter guten Arbeitsbedingungen und mit hohen ökologischen Standards nähen lassen. Es ist manchmal ein höherer Aufwand, mit den Lieferanten gemeinsam an Verbesserungen zu arbeiten. Wir hatten einen Zulieferer in Bangladesch – das war ein Tipptopp-Unternehmen, mit eigenem Krankenhaus, eigener Feuerwehr, einer Kinderkrippe. Die komplette Infrastruktur war vor Ort. Da könnte sich mancher europäische Betrieb eine Scheibe von abschneiden.

Warum sind Sie dann aus Bangladesch rausgegangen?
Die Produktion dort ist auf Masse ausgelegt. Unser Einkaufsvolumen passte dazu einfach nicht.

"Ziel sind gerechte Löhne"

In welchen Nicht-EU-Ländern ordern sie?
In Peru, China und der Türkei. Alle diese Staaten haben ihre besonderen Herausforderungen bei den Arbeitsbedingungen und Sozialstandards. Wir arbeiten mit den Partnern eng zusammen und sind regelmäßig vor Ort. Aber die absolute Voraussetzung ist, dass die Lieferanten definierte Standards einhalten und bereit sind, mit uns weiter an Verbesserungen zu arbeiten.

In der Türkei ist das Thema Gewerkschaftsfreiheit ein großes Problem. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Hartnäckigkeit zahlt sich aus. Der erste Schritt ist oft, dass man über die Etablierung von Arbeitnehmervertretern Schritt für Schritt Verbesserungen für die Beschäftigten erreicht. Ziel ist ja immer, dass Kollektiv-Verhandlungen stattfinden können, dass gerechte Löhne gezahlt werden, dass Arbeitnehmer ihre Forderungen adressieren können.

Was haben Sie da schon erreicht?
Es ist uns zum Beispiel gelungen, Gewerkschaften und Betriebe an einen Tisch zu bekommen und über Themen wie Überstunden und Urlaub zu sprechen sowie weitere Schritte zu vereinbaren. Unsere Aufgabe ist es, auf den Dialog zu zwischen den Parteien hinzuwirken. Da brauchen Sie oft einen langen Atem.

Herr Batra, Sie haben zwei Kinder, die es bestimmt auch einmal cool fanden, bei Billighändler Primark modische Klamotten zu kaufen. Wie haben Sie da argumentiert?
Es ist wichtig, den Kindern die richtigen Fragen mit auf den Weg zu geben. Weißt Du, woraus Deine Kleidung besteht, woher sie kommt und wer sie produziert? Wenn Du das verstanden hast, dann kannst Du Deine eigene Entscheidung treffen.

Keine Zwangseinkleidung bei Hessnatur?
Überhaupt nicht. Wir müssen weg von diesem Ökokrieger-Gedanken, vom 100-Prozent-Denken. Das schafft nur hohe Hürden. Dann sagen die Menschen am Ende, wenn ich mich sowieso nie nachhaltig genug verhalten kann, dann fang ich erst gar nicht damit an.

Interview: Tobias Schwab

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