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Monsanto-Konkurrent Herr Jianxin greift nach Syngenta

Chem-China bietet 40 Milliarden Euro für den Schweizer Agrochemie-Konzern. Das Unternehmen hat schon über 100 Übernahmen getätigt - viele hochkarätige Namen finden sich darunter.

03.02.2016 14:22
Finn Mayer-Kuckuk
Syngenta ist einer der weltgrößten Konzerne im Agrargeschäft. Hier wachsen Bohnen in einer Klimakammer. Am Forschungsstandort in Stein können die speziellen klimatischen Bedingungen von nahezu jedem Ort der Welt nachgestellt werden. Foto: picture alliance/KEYSTONE

Das Unternehmen gehört dem Staat, doch der Chef ist ein echter Entrepreneur. Ren Jianxin, 58 Jahre alt, steht seit drei Jahrzehnten an der Spitze von ChemChina. Er hat das Unternehmen mit einem Startkapital von lediglich tausend Euro gegründet, jetzt bietet er knapp 40 Milliarden Euro für den Schweizer Agrarchemie-Spezialisten Syngenta – eine Rekordsumme für Chinas Auslandsübernahmen. Der Verwaltungsrat von Syngenta empfiehlt den Aktionären, das Angebot anzunehmen, teilte das Unternehmen am Mittwoch mit.

Syngenta ist damit der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Reihe hochkarätiger Zukäufe. Dem Unternehmen gehören zum Beispiel bereits der Reifenhersteller Pirelli, der Maschinenbauer Krauss-Maffei und ein Dutzend weiterer etablierter Marken. In allen Fällen verfolgt Firmenchef Ren eine nachhaltige Strategie der vorsichtigen Geschäftsentwicklung. Chem-China soll schnell international wachsen – aber nur durch sinnvolle Übernahmen, bei denen die Identität des Kaufobjekts erhalten bleibt. „Die Führungsriege darf weitgehend unbehelligt weiterarbeiten“, versprach Ren bei der Übernahme von Krauss-Maffei.

Ren hat schon über 100 Übernahmen durchgezogen und gilt als Vollprofi in dem Geschäft. Er stammt ursprünglich aus einer bitterarmen Bergbauregion nahe der Wüste Gobi, wo es ihm gelang, einen Studienplatz in Ökonomie an der örtlichen Uni zu ergattern. Im Jahr 1984 hat Ren sich Geld geliehen, um die Firma Bluestar zu gründen. Er sah eine Marktlücke im Geschäft mit Profi-Reinigung von Industrieanlagen. Die ersten Aufträge betrafen Teekessel in der Gastronomie, die Ren und seine Freunde für drei Cent pro Stück saubermachten. Dann kamen Heizkessel hinzu, als nächstes Industrieanlagen. Schließlich der Durchbruch: Bluestar erhielt einen dicken Staatsauftrag für die Reinigung von Startrampen für das chinesische Weltraumprogramm.

Wenig später stand ein maroder Staatsbetrieb aus der Chemiebranche zum Verkauf – und ein örtlicher Wirtschaftspolitiker bat Ren, die Firma zu übernehmen und zu sanieren. Ren erhielt sie billig und brachte sie auf Vordermann. Später gab der Staat weitere Sanierungsobjekte an ihn ab. Er benannte die Firma in China National Chemical Corporation um, kurz Chem-China. Das Unternehmen wuchs zum Konzern.

So wurde aus dem umtriebigen Unternehmer Ren der Chef eines Staatskonglomerats, das direkt der Zentralregierung unterstellt ist. Dieser Lebensweg ist in China eher ungewöhnlich. Die Chefs der Staatsbetriebe sind meist in erster Linie biedere Kader der Kommunistischen Partei. Dank seines Geschicks bei Übernahmen und ihrer Integration in die Konzernstrukturen ist Ren für die chinesische Führung gleichwohl unverzichtbar. Daher ist ihm auch die Finanzierung seiner Aktivitäten durch Staatsbanken sicher – ein wichtiger Aspekt, denn sein Unternehmen hat sich für bisherige Übernahmen bereits hohe Summen geliehen.

Chem-China macht mehr als 40 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigt 140 000 Mitarbeiter. Damit fällt der Konzern ungefähr in die Größenklasse von Bayer.

Die jüngste Welle von Zukäufen zeigt zwei aktuelle Trends der chinesischen Wirtschaftswelt. Die Regierung ermutigt die großen Firmen derzeit, zu fusionieren und dadurch noch größer zu werden. Sie will dadurch global schlagkräftige Spieler schaffen. „Während im Westen die Bildung großer Konzerne aus der Mode gekommen ist, hat China hier keine Vorbehalte“, sagt Wirtschaftsprofessor Klaus Meyer von der China Europe International Business School in Shanghai.

Der zweite Trend sind internationale Zukäufe. Es geht hier vor allem darum, die gewaltigen Kapitalreserven des Landes in sinnvolle Projekte zu stecken – die Krise des einheimischen Aktien- und Immobilienmarktes verstärkt die Neigung zu Auslandsinvestitionen noch. Im Jahr 2015 lagen die chinesischen Auslandsinvestitionen nach Zahlen des Handelsministeriums bei 128 Milliarden Euro, ein Viertel mehr als im Jahr davor. Experten des Forschungsinstituts Merics in Berlin sprechen von einer „neuen Ära des chinesischen Kapitals“, die Zukäufe erfolgen im Wochentakt. Staatschef Xi Jinping hat für die kommende Dekade internationale Investitionen in Höhe von 1,2 Billionen Euro angekündigt.

Eine Übernahme durch China muss dabei keine Katastrophe für die Belegschaft sein – im Gegenteil. „Die Investoren aus Fernost denken wesentlich langfristiger als reine Finanzinvestoren“, sagt Meyer. Es gehe keineswegs darum, nur das Firmenwissen abzusaugen und eine leere Hülle zu hinterlassen. China wolle stattdessen lernen, wie die Europäer und Amerikaner Innovation betreiben. Dafür müssen die Firmen gesund bleiben.

Chem-China-Chef Ren hat dabei eine besondere Abneigung gegen Entlassungen. Als er in den 90er-Jahren eine Reihe von besonders ineffizienten Firmen schluckte, wusste er mit dem überschüssigen Personal der kommunistischen Dinosaurier nichts anzufangen. Er hat kurzerhand eine Schnellimbisskette gegründet. Das überschüssige Personal wurde umgeschult und kochte künftig Nudeln bei „Mala Lamian“.

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