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Mobilfunk Handy made in Germany

Vor einem Jahrzehnt hat Nokia die Smartphone-Produktion in Bochum eingestellt. Nun baut Gigaset hierzulande wieder Mobiltelefone.

Mann mit Smartphone
Gigaset will künftig wieder Smartphones in Deutschland herstellen (Symbolbild). Foto: afp

Es ist wie ein Schritt zurück in die Zukunft. Ihn vollzieht ausgerechnet die frühere Siemens-Tochter Gigaset, die inzwischen mehrheitlich an den chinesischen Milliardär Pan Sutong verkauft ist. 14 Jahre nachdem Siemens sein Handy-Geschäft an die taiwanesische Firma Benq verkauft hat, von der es kurz danach in die Pleite gemanagt wurde, werden nun wieder Mobiltelefone auf deutschem Boden gebaut und zwar von der Münchner Gigaset. Produktionsstandort ist die Fabrik im nordrhein-westfälischen Bocholt. „Es ist noch ein zartes Pflänzchen“, räumt Gigaset-Finanzchef Stephan Mathys ein. Aber es ist auf Wachstum programmiert, wofür das Verkaufsargument „made in Germany“ und hochmoderne Fertigung sorgen sollen.

Das Werk Bocholt hat schon einmal bessere Zeiten gesehen. 4000 Menschen waren dort einst in der Spitze beschäftigt. Dann haben erst Siemens und später der neue Eigner aus China massiv Arbeitsplätze streichen lassen. 550 Leute sind heute in Bocholt mit dem Bau von Schnurlostelefonen beschäftigt. Aber der Markt dafür schrumpft jedes Jahr mit fünf bis zehn Prozent. Wachsen kann man da nur noch per Verdrängung und irgendwann geht auch das nicht mehr. Immer öfter telefonieren Menschen auch zu Hause mit dem Smartphone und haben kein Festnetztelefon mehr. Gigaset sitzt auf einem sterbenden Geschäft. In dieser Situation ist das Management auf die Idee gekommen, die Kapazitäten in Bocholt zur Handy-Fertigung zu nutzen.

Mobiltelefone hat Gigaset seit 2015 im Programm und darauf vor drei Jahren öffentlichkeitswirksam per Sponsoringvertrag mit dem FC Bayern München aufmerksam gemacht. Gefertigt wurde zum Start branchenüblich in Asien. Das Einsteigermodell GS 185 ist aber nun das erste, das seit Juni in Bocholt montiert wird. Entwickelt und designt wurde es bei Gigaset in München. Wirtschaftlich möglich macht die Fertigung in Deutschland ein Zusammenspiel von Mensch und Maschine. 30 auf drei Schichten verteilte Beschäftigte aus Fleisch und Blut kooperieren in der Fertigungslinie für das Handy made in Germany mit 15 Robotern. Rechnet man Transportkosten für Geräte aus asiatischer Produktion dazu und den Hoffnungswert, dass Fertigung made in Germany weniger Ausschuss produziert, kommt ein Handy aus Bocholt bei einem Automatisierungsgrad von über zwei Dritteln nicht teurer als ein in China gebautes Smartphone, haben die Gigaset-Manager durchgerechnet. Auch in anderen Branchen wie bei Sportartikeln holen roboterisierte Fabriken erste Produktion wieder nach Deutschland zurück. Adidas hat in Franken beispielsweise eine Speed Factory für Sportschuhe gebaut.

Sportartikel aus Franken und die Handy-Fertigung in Bocholt haben den Vorteil, dass man bei einer Fertigung im Absatzland flexibel auf die Nachfrage reagieren kann. So wird derzeit in Bocholt eine zweite Fertigungslinie installiert, um auch dort bei entsprechender Nachfrage rasch produzieren zu können. Noch sind es nahezu homöopathische Dosen. Rund 23 Millionen Mobiltelefone wurden zuletzt jährlich in Deutschland verkauft. In Bocholt können bei vollem Betrieb 300 000 Geräte per annum gebaut werden und noch mehr falls auch eine zweite Linie ausgelastet werden kann. Derzeit sind es allerdings gerade einmal 2000 Smartphones pro Woche.

Bemerkenswert ist, dass mit dem GS 185 kein Spitzengerät sondern ein Einsteigerhandy im Hochlohnland Deutschland gebaut wird. Das hängt mit der Klientel zusammen, die Gigaset ansprechen will – eher ältere Menschen, die mit dem unter Siemens zum Begriff gewordenen Markennamen Gigaset noch etwas anfangen können.

Durch und durch made in Germany ist natürlich ein Handy aus Bocholt nicht. Fast alle Teile kommen aus Asien, schon weil es in Europa teils keine Lieferanten mehr gibt. Unter dem Strich steht eine deutsche Wertschöpfung von 60 Prozent. Ausbaubar sei das auf 75 Prozent, sagt Gigaset-Automatisierungschef Jörg Wissing.

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