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Mobiles Geld in Afrika Grün wie die Hoffnung

Mehr als nur ein Handy: Vodafone und Safaricom haben mit einer technisch simplen Idee das Leben von Millionen Kenianern verändert und gleichzeitig einen Erfolgs-Coup gelandet.

29.12.2010 13:55
Anna Sleegers
Mobiltelefone haben das Leben von Millionen Kenianern verändert. Foto: dpa

Kenias Hauptstadt ist apfelgrün gesprenkelt. Im Regierungsviertel, in der Nähe des Flughafens, sogar im riesigen Slum der Millionenstadt: Immer wieder leuchtet der frische Anstrich in der prägnanten Farbe des kenianischen Mobilfunkanbieters Safaricom auf. 19.000 solcher Verkaufsstellen gibt es bereits. Und täglich eröffnen neue, nicht nur in Nairobi. Auch auf der Fahrt über die nicht asphaltierte Landstraße flackert es zwischen den staubigen Hütten in regelmäßigen Abständen grün auf.

An den Kiosken kann man nicht nur Prepaid-Karten kaufen, um ein Gesprächsguthaben von Safaricom auf das Handy zu laden. In den grünen Häuschen werden täglich auch zahllose einfache Geldgeschäfte getätigt: Überweisungen, Einzahlungen, Abhebungen. Gemeinsam mit dem nicht minder fachfremden britischen Mobilfunkunternehmen Vodafone wildert Safaricom im angestammten Geschäftsfeld der Banken. Als sie mit ihrem Projekt M-Pesa vor drei Jahren an den Start gingen, konnten die beiden Unternehmen nur ahnen, in welche Marktlücke sie stießen. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen: Aus den 1,6 Millionen Kunden, die M-Pesa im ersten Jahr gewinnen konnte, sind inzwischen 13,5 Millionen geworden. Das ist fast jeder dritte Kenianer.

Ein Erfolg, der ohne die Omnipräsenz des Mobiltelefons nicht denkbar wäre. Geschäftsleute, die mit dem Smartphone am Ohr gestikulierend die Straße überqueren, gehören in Nairobi nicht weniger zum Stadtbild als in Mailand, Brüssel oder Frankfurt. Die junge Frau, die sich bei ihrer Arbeit auf der Blumenfarm von deutschen Besuchern fotografieren lässt, will sich das Bild unbedingt auf dem Farbdisplay ihres Samsung-Handys ansehen. Die Nummer, die sie den Fremden auf ein Stückchen Pappe schreibt ist zehnstellig. Mit etwas Glück entdeckt man am Wegesrand sogar einen Angehörigen der Volksgruppe der Massai, der ein Mobiltelefon aus den Falten seines rot karierten Umhangs nestelt. Jeder Kenianer, der es sich irgendwie leisten kann, besitzt eins.

„Das Festnetz wurde hier einfach übersprungen“, sagt Burkhard Hinz, Abteilungsdirektor Ostafrika bei der KfW Entwicklungsbank. Mobilfunkantennen aufzustellen ist viel billiger, als Telefonleitungen zu verlegen. Innerhalb kürzester Zeit schwanden die Funklöcher von der Karte des relativ dicht besiedelten Landes. Und so hat die neue Technologie hier etwas geschaffen, was den Menschen fast überall in Afrika am meisten fehlt: Infrastruktur. M-Pesa nutzt sie um Bankdienstleistungen anzubieten, zu denen auf den herkömmlichen Kanälen vier Fünfteln der Kenianer keinerlei Zugang hatten.

Mehr als nur eine Zusatzfunktion

Aber was bedeutet M-Pesa überhaupt? „M steht für mobil“, sagt Edna, eine freundliche Mittfünfzigerin, die am Empfang des Deutschen Hauses in Nairobi arbeitet, einem Bürogebäude, in dem die kenianischen Niederlassungen der drei Entwicklungsorganisationen KfW, GTZ und DED untergebracht sind. „Pesa“ bedeute auf Swahili – neben Englisch zweite offizielle Landessprache – Geld. Mobiles Geld also, Geldgeschäfte per Handy.

Wie das funktioniert, kann Edna nicht erklären. Sie selbst zahle meist bar oder per Überweisung. „Aber die jungen Leute machen ja heute alles mit dem Handy“, sagt sie und zeigt auf eine etwa 20-jährige Kollegin mit weißem T-Shirt und einer Frisur mit kunstvoll verwobenen Zwirbelzöpfchen, die gerade einen Putzwagen durch den Gang schiebt. „Wenn ich M-Pesa doch mal brauche, erledigt Anna das für mich.“

Edna und ihre Kollegin gehören der städtischen Mittelschicht an. Das Gehalt für den Job bei den Deutschen kommt am Ende des Monats auf ihr Bankkonto. Verhältnisse, von denen die meisten Kenianer nur träumen können. 78 Prozent der Bevölkerung lebt auf dem Land, wo es sich für die Banken kaum lohnt, Geldautomaten aufzustellen oder gar eine Filiale zu eröffnen. Bankdienstleistungen sind teuer und die meisten Kenianer noch immer arm.

Früher mussten sie ihre Geldgeschäfte meist bar erledigen, was viel Zeit kostete und wegen der hohen Kriminalitätsrate auch nicht ungefährlich war. Heute können sie das Geld einfach an einem grünen Kiosk einzahlen und das Geld bei Bedarf per SMS überweisen – zum Beispiel an die Familie im Heimatdorf. Der Empfänger bekommt automatisch eine Kurznachricht mit einem vierstelligen Zifferncode auf sein Handy, mit dem er das Geld am nächsten grünen Kiosk abholen kann. Pro Transaktion spart der Kunde von M-Pesa nach Berechnungen des kenianische Beratungsunternehmen SBO Research im Schnitt drei Stunden. Für die Menschen in den Slums ist M-Pesa deshalb mehr als eine Zusatzfunktion ihres Handys. Es fördert die wirtschaftliche Entwicklung und die soziale Teilhabe der ärmeren Bevölkerung stärker als manch ambitioniertes Entwicklungshilfe-Projekt. Drei Stunden sind viel für jemanden, der – wie viele Kenianer – seine Familie mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält.

Dazu kommt noch der Sicherheitsfaktor. In den Wellblechhütten können die Menschen ihre kläglichen Ersparnisse kaum sicher aufbewahren. Ein echtes Entwicklungshemmnis, sagt Afrika-Experte Hinz. „Wer Angst haben muss, sein Geld gleich wieder abgenommen zu bekommen, wird sich überlegen, ob er einen Job annimmt, für den er ein bisschen weiter gehen muss.“ Das beginne sich zu ändern, seitdem auch in den Slums das Netz der grünen Kioske dichter werde.

Bezahlt werde pro Transaktion, sagt Anna, die sich im Deutschen Haus auf ihren Putzwagen stützt und auf einem Kaugummi kaut. Allerdings erst ab einem Mindestbetrag. Bis heute sind Spareinlagen von bis zu 70.000 Kenianische Schilling (etwa 653 Euro) ebenso kostenlos wie Überweisungen im Wert von bis zu 100 Kenianische Schilling (rund 93 Cent). An diesen Tarifen kann man noch heute ablesen, dass auch M-Pesa ursprünglich vor allem ein Entwicklungsprojekt war, das den Zugang zu Finanzdienstleistungen verbessern sollte. Die Anschubfinanzierung von zwei Millionen Pfund stammten je zur Hälfte aus der Kasse des Mobilfunkunternehmens Vodafone und Entwicklungshilfegeld der britischen Regierung. Später kamen noch andere Spender hinzu, darunter auch die Stiftung von Microsoft-Gründer Bill Gates.

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