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Mindestlohn „Mindestlohn ist moderat“

Joachim Möller, Leiter des IAB, spricht über die Anhebung der Lohnuntergrenze und deren Auswirkung auf die Wirtschaft.

Joachim Möller, 63, leitet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg seit fast neun Jahren. Zu den Forschungsschwerpunkten des Wirtschaftswissenschaftlers zählen unter anderem Mindestlöhne und Lohnungleichheiten. Foto: picture alliance / dpa

Formal ist das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg angeschlossen. Daraus auf eine von politischen Direktiven abhängige Institution zu schließen, wäre indessen verfehlt. Das IAB verfasst weder Gefälligkeitsstudien im Auftrag des Bundes oder der Länder, noch lässt es sich von Berlin oder München in die wissenschaftliche Arbeit hineinreden. Verantwortlich dafür ist auch sein Leiter, Joachim Möller.

Herr Möller, die Mindestlohnkommission hat sich für eine Anhebung des Mindestlohns auf 8,84 Euro zum Jahreswechsel ausgesprochen. Einverstanden damit?
Zunächst muss man feststellen, dass die Kommission keinen großen Spielraum gehabt hat. Als Berechnungsgrundlage für die Mindestlohnhöhe wurde der Tarifindex des Statistischen Bundesamts festgelegt und der sieht eine Erhöhung in dieser Größenordnung vor. Positiv an dem Verfahren ist, dass es entpolitisiert wurde, dass also die Mindestlohnhöhe unabhängig von politischen Interessen und Einflussnahmen festgelegt wird. Einen Wettbewerb vor Wahlen nach dem Motto „Wer fordert den höchsten Mindestlohn“ wird es also nicht geben.

Wie beurteilen sie die Höhe der aktuellen Anhebung? Kann das der deutsche Arbeitsmarkt verkraften?
Mit Prognosen halte ich mich zurück. Was wir aber sicher sagen können: Die düsteren Szenarien, die manche Mindestlohn-Gegner vor der Einführung Anfang 2015 an die Wand gemalt haben, sind nicht Wirklichkeit geworden.

Minijobs wurden aber in großem Stil abgebaut.
Das stimmt. Minijobs sind verloren gegangen, aber gleichzeitig hat die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung weiterhin zugenommen, und zwar gerade auch in Branchen, in denen wir bei der Einführung des Mindestlohns Anfang 2015 einen Abbau von Minijobs hatten. Das gilt beispielsweise für das Gastgewerbe, wo 2015 mehrere zehntausend zusätzliche Arbeitsplätze entstanden sind. Häufig sind Minijobs also in Teil- oder Vollzeitstellen umgewandelt worden. Gleichzeitig haben wir nach wie vor eine niedrige Zahl von Unternehmensinsolvenzen. Außerdem hat sich das Einstellungsverhalten vieler Arbeitgeber geändert. Die Suche nach dem richtigen Mitarbeiter beansprucht heute mehr Zeit, zugleich steigt auch die Dauer des Beschäftigungsverhältnisses.

Können Sie das beziffern?
2014 suchten Betriebe noch durchschnittlich 27 Tage, bis sie über die Besetzung einer Stelle im Mindestlohnbereich entschieden hatten, 2015 waren es 51 Tage. Dafür waren im vergangenen Jahr 81 Prozent aller ausgeschriebenen Stellen mit Entgelten auf Mindestlohnniveau langfristig zu besetzen. 2014 lag dieser Anteil noch bei 57 Prozent. Die Arbeitgeber suchen also genauer aus und stellen dann langfristiger ein. Aus unserer Sicht ist die gestiegene Beschäftigungsdauer bei Jobs im Mindestlohnbereich durchaus erfreulich.

Wie ist es zu erklären, dass die positiven Wirkungen die negativen so deutlich überwiegen?
Dazu haben günstige Rahmenbedingungen beigetragen: Die seit langem steigende Beschäftigung, die sinkenden Energiepreise, das seit einigen Jahren spürbare Plus bei den Realeinkommen und auch der Mindestlohn haben dazu geführt, dass sich mehr Menschen mehr leisten können. Die Binnennachfrage ist stark. Außerdem haben viele Verbraucher akzeptiert, dass der Haarschnitt oder das Schnitzel infolge des Mindestlohns jetzt eben ein bisschen mehr kostet. Mir hat die Mitarbeiterin eines Callcenters erzählt, durch den Mindestlohn habe sie jetzt 100 Euro mehr im Monat in der Tasche als vorher. Da könne sie sich auch mal wieder einen Restaurantbesuch mit ihrem Freund erlauben. Das Beispiel zeigt, dass der Mindestlohn dem einzelnen Betrieb zwar Kosten verursacht, aber zugleich eben auch Nachfrage schafft und damit der Wirtschaft wieder nutzt.

Klingt wie aus dem Wirtschaftslehrbuch des Deutschen Gewerkschaftsbundes: Steigende Löhne generieren Wachstum und Wohlstand für alle.
Ganz so ist es nicht. Von Wohlstand sind Menschen, die den Mindestlohn erhalten, noch ein Stück entfernt. Trotz Mindestlohn gibt es bei uns die „Working Poor“, also Menschen in Vollzeit, die für den Lebensunterhalt ihrer Familie nicht genug verdienen. Da kommt dann die Sozialpolitik ins Spiel, die Löhne von Geringverdienern müssen in solchen Fällen mit Hartz IV aufgestockt werden. Der Mindestlohn in Deutschland ist unterm Strich jedenfalls durchaus moderat. In Los Angeles zum Beispiel wurde beschlossen, dass man auf regionaler Ebene den Mindestlohn bis 2020 auf 15 Dollar erhöhen wird.

Wirtschaftsvertreter argumentieren, dass die Produktivität in vielen Bereichen nicht ausreiche, um solche Löhne zu zahlen. Und dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen unter derart hohen Mindestlöhnen litte.
Bezogen auf die gegenwärtige Höhe des deutschen Mindestlohns sind diese Argumente nur sehr begrenzt tragfähig. Deutsche Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, zahlen in aller Regel weit über Mindestlohn. Ihr Erfolg oder Misserfolg hängt nicht von der Frage ab, ob der Mindestlohn bei nun bei 8,50 oder 8,84 Euro liegt. Selbst einfache Tätigkeiten werden bei Daimler, Siemens und Bayer deutlich höher bezahlt. Für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft spielt der Mindestlohn also keine große Rolle. Auf dem Dienstleistungssektor wirkt sich der Mindestlohn zwar durchaus kostensteigernd aus. Allerdings kann man mit den meisten Dienstleistungen weder international Handel treiben, noch kann man sie ins Ausland verlagern. Das gilt für Einzelhandel und Gastronomie ebenso wie für die Alten- und Krankenpflege, Reinigungskräfte und zahlreiche Handwerksberufe. Deren Leistungen werden vor Ort erbracht, nicht in China.

Bleibt die geringe Produktivität.
Wie hoch ist die Produktivität eines Fensterputzers? Das kann man ökonomisch nicht berechnen. Die Lohnhöhe ist abhängig von Rahmenbedingungen, von Angebot und Nachfrage, von der Zahlungsbereitschaft der Kunden, von der gesellschaftlichen Wertschätzung für einen Tätigkeit. Wenn der Chefarzt das Vielfache einer Krankenschwester erhält, dann ist das doch nicht seiner objektiv messbaren Produktivität geschuldet. Das sind Konventionen, und Konventionen kann man ändern.

Also ein Mindestlohnniveau einführen, mit dem auch eine alleinerziehende Mutter mit fünf Kindern gut hinkommt?
Nein, das nicht. Ein Mindestlohn dieser Größenordnung würde die Wirtschaft überfordern und viele Arbeitsplätze kosten. Deshalb muss in solchen Fällen der Staat einspringen, um den Bedarf zu decken. Das geschieht ja auch, allerdings häufiger als wir uns das wünschen.

Wie meinen Sie das?
Vor 25 Jahren war Paketzusteller noch ein geachteter Beruf, mit dem man eine Familie ernähren konnte. Heute besorgen das oft selbstständige Subunternehmer und Niedriglohnempfänger, die nicht selten noch aufstockende Leistungen vom Staat erhalten, weil ihr Arbeitsentgelt nicht reicht. Der Niedriglohnsektor bei uns ist im internationalen Vergleich sehr stark gewachsen.

Aber hat der Niedriglohnsektor nicht entscheidend zum Abbau der Arbeitslosigkeit beigetragen?
Nein, die Daten zeigen etwas anderes. Der Niedriglohnsektor ist nicht erst mit der Agenda 2010 und Hartz IV im Jahr 2005 entstanden. Der Anteil der Niedriglohnbeschäftigten ist bereits seit 1995 gewachsen, ohne dass im Anschluss die Arbeitslosigkeit gesunken wäre. Im Gegenteil: Trotz der steigenden Bedeutung des Niedriglohnsektors ist die Arbeitslosigkeit zehn Jahre lang weiter gestiegen, bevor sie 2005 mit mehr als fünf Millionen ihren Höhepunkt erreichte. Das zeigt: Niedrige Löhne führen nicht automatisch zu mehr Arbeitsplätzen. Ich meine deshalb, dass wir einen gewissen Spielraum haben, was die Verteilung von Einkommen angeht. Die skandinavischen Länder zeigen, dass eine Wirtschaft mit geringeren Ungleichheiten sehr effizient sein kann. Umgekehrt ist ein sehr hohes Maß an Ungleichheit volkswirtschaftlich unsinnig und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährlich.

Was muss geschehen, um die Ungleichheit zu verringern?
Die deutsche Gesellschaft war in den 50er und 60er Jahren viel durchlässiger als heute, seither hat sich vieles verfestigt. Deshalb müssen wir die Möglichkeiten des Einzelnen zu sozialem und wirtschaftlichem Aufstieg deutlich verbessern, zu allererst durch ein Bildungssystem, das soziale Herkunftsunterschiede nicht zementiert, sondern abbaut. Kindertagesstätten und Ganztagsschulen sind ganz wichtige Instrumente, um die Vererbung von Armut zu verhindern. Ganz im Sinne Ludwig Erhards würde ich sagen: Wohlstand für alle muss das Ziel sein.

Interview: Stefan Sauer

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