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Mindestlohn Deutschland billig Schlachterland

Der Bundesrat beschließt den Mindestlohn für die Fleischwirtschaft. Wie ausbeuterisch auf Schlachthöfen gearbeitet wird, beschreibt FR-Reporter Bernhard Honnigfort. Tausende Schlachter aus Rumänien und Bulgarien leben und arbeiten unter erbärmlichen Verhältnissen.

Am unteren Ende der undurchsichtigen Kette steht einsam der Fleischarbeiter. Foto: dpa

So lange hat Daniela Reim ihre Stelle noch nicht, sieben Monate genau, aber seit ihrem neuen Job in Oldenburg fragt sie sich jeden Tag, ob sie noch in Deutschland lebt. In dem Deutschland jedenfalls, das sie schätzte, als sie vor 14 Jahren aus Rumänien kam. Das fortschrittliche, gesetzestreue, ordentliche.

Eigentlich ist die junge Frau Geschichtslehrerin, aber seit Oktober 2013 hat sie diesen neuen Job, weil sie Rumänin ist und die Sprache spricht. Eine Stelle, die von der Landesregierung in Hannover im vergangenen Herbst neu eingerichtet wurde. Sie soll sich um Vertragsarbeiter kümmern, mobile Arbeitskräfte, rumänische, bulgarische, polnische, ukrainische. Es gibt Tausende von ihnen im Oldenburger Land und im Emsland, eine anonyme Geisterarmee. Die allermeisten arbeiten auf Schlachthöfen, zerlegen im Akkord Schweine, Rinder, Hähnchen.

Sie sitzt in ihrem kleinen Büro in der Nähe des Oldenburger Bahnhofs, es ist das Ende eines langen Arbeitstages. Meistens fährt sie mit ihrer bulgarischen Kollegin im VW Bulli durchs Land, um mit Schlachtern zu reden. Anonym, irgendwo. Man verabredet sich. Manchmal steht sie dann allein herum, weil der Anrufer nicht kommt, sich doch nicht traut. „Die reden nicht viel“, sagt sie. „Mit der Presse und Gewerkschaft schon gar nicht. Wenn herauskommt, dass einer geredet hat, fliegt er sofort raus.“

Ihr Diensttelefon klingelt mindestens dreimal pro Stunde. Sie erzählt: Ein Schlachtarbeiter aus Emstek, er wollte Urlaub nehmen, aber sein albanischer Vorarbeiter verlangte 400 bis 500 Euro. Sonst gebe es keinen Urlaub. „Ein wirklich aggressiver Typ.“

Noch ein Fall, ein Pole, seine Frau ist schwer krank. Er will heim, sie im Krankenhaus besuchen. Man lässt ihn nicht. Mal sehen, was sie machen kann.

Entrechtet, ausgebeutet

Ein Rumäne, der seinen Vorarbeiter beschimpft haben soll, flog fristlos raus, rief bei Daniela Reim an, wollte sich mit ihr treffen. Aber er kam nie. „Der ist wieder zurück in Rumänien“, erfuhr sie. Vielleicht hört sie ja noch mal von ihm, aber sie glaubt nicht daran.

Oder in Ahlhorn. Da gebe es einen türkischen Subunternehmer, der sofort kündige, wenn einer krank werde. Ein Rumäne rief sie an, er traue sich nicht zum Arzt, obwohl es ihm sehr schlecht gehe. Daniela Reim rief im Schlachtbetrieb an, drohte mit der Presse. Der Rumäne durfte zum Arzt. Er war so krank, dass er für zwei Wochen ins Krankenhaus musste.

Seit sieben Monaten klingelt ihr Telefon, es gibt Dutzende solcher Geschichten. „Viele sind entrechtet, werden ausgebeutet. Es ist furchtbar“, sagt sie. Manchmal kann sie helfen, manchmal nicht.

Nordwestdeutschland. Wiesen, Maisfelder, Mastställe, Schlachthöfe. Bäuerliche Landwirtschaft ist nur noch ein Märchen, das für schöne Bilder in der Wurstreklame taugt. Die Wahrheit ist knallharte Agroindustrie: 33 Millionen Mastplätze für Hähnchen, über zehn Millionen Schweine, mehr Gülle, als Boden und Grundwasser vertragen. Moderne Mastanlagen mit Solardächern, Biogasanlagen, die aus Gülle Strom machen. Und in Stallnähe konzentriert sich Deutschlands Fleischindustrie: 58,3 Millionen Schweine, 3,24 Millionen Rinder, 37,7 Millionen Puten, eine Million Schafe und 627,9 Millionen Hühner werden pro Jahr hierzulande geschlachtet. Nachzulesen im „Fleischatlas 2014,“ der vom BUND herausgegeben wird. Zwar gibt es bundesweit etwa 350 Schlachtereien, doch das große Geschäft machen die ganz großen Schweineschlachter Tönnies, Vion und Westfleisch, bei Geflügel ist es die durch die Marke Wiesenhof bekannte PHW-Gruppe.

Das reiche Deutschland ist ein Billigland für Schlachter geworden, so billig, dass der Großkonzern Danish Crown, Europas größer Schweineschlachter, Tausende Arbeitsplätze von Dänemark nach Deutschland verlegte. Die EU-Richtlinie zur grenzüberschreitenden Entsendung von Arbeitnehmern sorgte für die große Umwälzung in Deutschlands Schlachtbetrieben: Die einheimische Belegschaft wurde zusammengekürzt und durch Billigarbeiter auf Werksvertragsbasis aus Rumänien, Bulgarien und Polen ersetzt.

Für den Fleischarbeiter bleibt nicht viel

Die Regel ist: Der Schlachthof vergibt die Aufträge an einen Subunternehmer. Der wieder an Subunternehmer, der möglicherweise noch einmal an einen Subunternehmer. Am unteren Ende der undurchsichtigen Kette steht einsam der Fleischarbeiter.

Er ist der Ausgebeutete: 60 Stunden Arbeit die Woche, manchmal nur 4,79 Euro netto. Davon gehen 200 bis 300 Euro Monatsmiete für ein Bett in einer Bruchbude mit Sperrmüll ab, außerdem Abgaben an den Subunternehmer für den Transport zur Arbeit. Manchmal kassiert der Sub auch noch Geld für Werkzeug und Arbeitskleidung. „Da bleibt nicht viel“, erzählt Daniela Reim. „Aber die Leute kommen trotzdem nach Deutschland, in Rumänien sind die Zustände noch schlechter.“ Wenn jemand am Monatsende 100 Euro nach Hause überweisen könne, sagt sie, sei das schon viel.

Seit Jahren geht das so im Nordwesten. Ein Zweiklassen-Landstrich ist entstanden: armer Balkan mitten in Norddeutschland. Und es sind nicht sehr viele, die sich über die Zustände empören oder etwas ändern wollen.

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Einer von ihnen ist Prälat Peter Kossen. Er ist katholischer Geistlicher in Vechta, 46 Jahre alt, sein Titel: Offizial. Er ist Stellvertreter des Weihbischofs im zum Bistum Münster zählenden Oldenburger Land. Kossen kommt aus der Gegend, aus Rechterfeld, kennt Land und Leute. Ein früher eher armer Landstrich, Moor und Sand. Die Böden taugten wenig für Getreide- oder Kartoffelanbau, mehr als Weideland. Seine Eltern waren Heuerleute und Pächter. Er erinnert sich noch an seine Kindheit, an seinen Onkel, der auch Schlachter war, aber davon eine Familie ernähren und ein Haus bauen konnte. „Harte Arbeit, aber man hatte sein Auskommen“, erzählt Kossen. Er spricht sehr präzise, sein Tonfall ist nüchtern und sachlich, auch wenn es ihn zutiefst empört, was um ihn herum geschieht. Was er zu sagen hat, ist eine Anklage.

Er lächelt bitter. Heute verdiene man ein kleines Vermögen, wenn man eine alte Bruchbude besitze und an 14 rumänische Fleischarbeiter vermiete, sagt er. „Oder gleich 16 Leute. Ist auch kein Einzelfall.“

Blick in eine düstere Parallelwelt

Es ist anderthalb Jahre her, da hing an seiner Tür ein noch blutiges Kaninchenfell mit Kopf dran. Wer ihm das tote Tier zugedacht hat, ist nie geklärt worden. Ein Gruß aus der Fleischindustrie, vermutete man. Irgendwann, nachdem er 2011 sein Amt in Vechta angetreten hatte, bekam er nämlich mit, wie es so läuft im zutiefst katholischen Landstrich. Er bekam Einblicke in eine düstere Parallelwelt, die sich überhaupt nicht verträgt mit sonntäglichem Kirchgang, mit Marienstatuen an Wegkreuzungen und vor Bauernhöfen.

Etwa 9000 ausländische Fleischarbeiter leben im Oldenburger Land und im Emsland, die Zahlen sind geschätzt, niemand weiß es genau. Sie wohnen in alten Häusern, Sammelunterkünften, meistens außerhalb des Ortes. Sie arbeiten von sehr früh bis sehr spät. Sie treten nicht in Erscheinung, nur bei Aldi fallen sie auf, wenn sie sich etwas zu essen holen.

Über Caritas und Kolpingwerk drangen Geschichten aus der Nebenzelt zu Kossen vor: In Rumänien würden den Arbeitslosen krasse Lügen erzählt, 1300 Euro Lohn, warme Mahlzeiten, Doppelzimmer, Ferien. Und dann die Wirklichkeit: Der anheuernde Subunternehmer kassiere erst einmal 500 Euro Vermittlungsgebühr für den Job. Dann werde der Pass einbehalten. Der neue Schlachtarbeiter unterschreibe einen Blanko-Auflösungsvertrag. Zum Teil gebe es überhaupt keine Arbeitsverträge, keine Lohnabrechnung, höchstens Geld cash auf die Hand. „Wir reden hier nicht von einigen schwarzen Schafen“, sagt Prälat Kossen. „Es ist ein Sumpf aus Subunternehmern, der alles abschöpft. Es ist eine hochkriminelle Szene.“

Prälat Kossen redet Klartext. Anfang des Jahres, beim Neujahrsempfang des Osnabrücker Bischofs Franz-Josef Bode mit 150 Prominenten aus Kirche, Politik und Wirtschaft, forderte Kossen die Kirche auf, endlich etwas zu tun. Für Kossen sind die Werkverträge und das Geflecht der Subunternehmer ein Teufelswerk, die Zustände in seiner Heimat ein Schande: „Man muss an vielen Stellen von moderner Sklaverei sprechen“, sagte er. Und seitdem bei jeder Gelegenheit. „Es geht um Lohndrückerei. Minimalste Standards werden unterlaufen“, schimpft Kossen. „Arbeitsmigranten werden bei uns gedemütigt, ausgebeutet und betrogen.“

Ihm wird geraten, er solle sich aus wirtschaftlichen Dingen raushalten als Geistlicher. Es wird geraunt, er solle aufhören, die Gegend schlechtzureden. Vergangenes Jahr forderte die niedersächsische Landvolk-Bewegung, man solle ihr petzen, wenn in Kirchen kritische Dinge gepredigt werden.

Gerechtigkeit wäre erschwinglich

Es stört ihn nicht, aber er steht einigermaßen allein auf weiter Flur. Kritische Töne eines niedersächsischen Bischofs sind nicht bekanntgeworden. Man schweigt und zählt entgeistert Kirchenaustritte. „Gott steht auf der Seite der Kleinen und Schwachen“, hält Kossen dagegen und mischt sich ein. Er zitiert gerne den neuen Papst Franziskus: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“

Er rechnet vor: Wenn ein Fleischarbeiter eine Mindestlohn von 8,50 Euro bekäme, das wäre doch etwas. Das ginge, sagt er. „Kein Problem, für uns wäre das Kilo Fleisch nur 5,7 Cent teurer. Das ist Gerechtigkeit, die wir uns leisten können.“
Matthias Brümmer hat Schlachter gelernt. Er ist 55, lange raus aus dem Beruf, heute ist er Gewerkschafter in Oldenburg. Wahrscheinlich kennt er die Zustände noch am besten. „Das glaubt einem doch keiner“, sagt er immer wieder, während er erzählt, wie sich sein Nordwestdeutschland verändert hat in den vergangenen 20 Jahren. „Das muss man sich einmal vorstellen“, sagt er und zeigt das Foto eines Rumänen, das vor ein paar Jahren aufgenommen wurde. Der Mann habe mehr Lohn gewollt und mit der Gewerkschaft geredet. Auf dem Bild ist ein junger Mann mit kurzen Haaren in einer Windjacke zu sehen, das Gesicht verbeult, verschrammt, blutig. „Der wurde zusammengeschlagen.“

Brümmer spricht von einer „mafiosen Subunternehmerszene“, von einer „hochgradig kriminellen Branche“, in die sich im Laufe der Zeit auch Rockerbanden einmischten. Es sei einfach so viel Geld zu verdienen mit dem Elend und der Not dieser Leute. „Die Bandidos sind noch aktiv“, sagt er. „In Nordrhein-Westfalen und hier oben auch.“

2003, erzählt Brümmer, sei er einmal nachts mit der Kripo in einer Massenunterkunft für Fleischarbeiter gewesen. Es sei zugegangen wie in einem U-Boot: Acht Leute, die zeitversetzt in vier Betten schliefen. 2013 sei er in einer alten Molkerei gewesen, in der Polen untergebracht waren. „Nichts hatte sich geändert.“ Nun gebe es wenigstens die Unterkunfts-Richtlinie des Landes Niedersachsen und Selbstverpflichtungen einiger Fleischbetriebe.

Aber ändert sich wirklich etwas, wenn das Werkvertragssystem mit den Subunternehmern bleibe? Brümmer lacht und erzählt statt einer Antwort den Fall eines rumänischen Subunternehmers, der seinen Vertragsarbeitern nur 174 Euro Monatslohn zahlte.

Nun soll es, so hat der Bunderat am Freitag beschlossen, ab Juli einen Mindestlohn für die Fleischwirtschaft geben: 7,75 Euro. Wie viel von dem Geld tatsächlich in den Portemonnaies der Leute ankommt, die die eigentliche Arbeit machen, weiß Brümmer natürlich auch nicht. Es muss mehr passieren, sagt er. Bundesweite Regelungen für menschenwürdige Unterkünfte, massive Eingrenzung der Leiharbeit, Abschaffung von konzerninternen Subunternehmen, massive Verfolgung durch Polizei und Staatsanwaltschaft.

Manchmal verfällt er ins Grübeln. Dann kommen ihm Gedanken wie: „So viel Leid und Elend mitten unter uns. Und wieso regen sich nicht mehr Leute auf?“ Er wundert sich darüber, dass Tierschicksale offenbar mehr Menschen zu bewegen scheinen, Hühner in engen Käfigen oder Rinder und Schweine, die auf kahlen Spaltböden gehalten werden. „Diese Empörung müsste auch für Menschen gelten“, sagt er. Aber dann wundert ihn alles auch wieder nicht. Er kennt es schon zu lange.

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