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Mikrokredite Ausweglos verschuldet

Indien erlebt eine Selbsttötungswelle unter Mikrokreditnehmern. Der mehrheitlich von Entwicklungsfonds und Stiftungen getragene Mikrofinanz-Sektor sieht zunehmend jenen Kredithaien ähnlich, von denen er die Armen einst erlösen wollte.

17.11.2010 10:00
Philip Mader
Indische Melonen-Händlerin. Mit Hilfe eines Mikrokredites bauen sich viele Frauen eine Existenz auf – unter großer Zinsbelastung. Foto: rtr

Tragische Nachrichten erschüttern zurzeit die indische Finanzwelt. Mindestens 54 Mikrokreditnehmer haben sich allein im Bundesstaat Andhra Pradesh seit Mitte September das Leben genommen. Die Schuldner, mehrheitlich Frauen und Kleinhändler, standen bei Mikrofinanzinstituten im größten Bundesstaat Süd-Indiens aussichtslos in der Kreide. Aus lauter Verzweiflung tranken sie Gift, sprangen in Brunnen oder erhängten sich.

Zunehmend geraten deshalb die Mikrofinanzinstitute selbst in die Kritik. Kürzlich berichteten indische Medien, wie Mitglieder einer Kreditgruppe unter Druck von Bankangestellten ein zehnjähriges Mädchen entführten, um ihre Mutter zur Zahlung von Raten zu zwingen. In einem anderen Fall wurde eine 16-jährige Tochter zur Prostitution gezwungen, um den Kredit der Eltern abzuzahlen, wie einem Regierungsbericht zu entnehmen ist. Das Mädchen nahm sich daraufhin das Leben.

Solche Tragödien, die es in Indien unter der Armen immer wieder gegeben gab, sollten durch Mikrokredite eigentlich verhindert werden. Seit den 80er Jahren werden Mikrokredite als universelle Entwicklungsstrategie für arme Menschen gepriesen. Kleinkreditpionier Muhammad Yunus erhielt 2005 sogar den Friedensnobelpreis.

„Die Exzesse der Mikrofinanzierer sind aber leider sehr real“, sagte CS Reddy, Leiter der Organisation von Kredit-Selbsthilfegruppen Apmas, der Frankfurter Rundschau. Die Zahl der Mikrokreditkunden wuchs 2009 in Indien um stolze 58 Prozent auf 26 Millionen, das Kreditvolumen verdoppelte sich auf umgerechnet 3,3 Milliarden Euro. Die Schuldner zahlen in der Regel 26 bis 41 Prozent Jahreszins, die Ärmeren oft sogar mehr. Die Selbsttötungswelle in Indien belegt nun den steigenden Druck auf die Armen, der mit diesem blasenartigen Wachstum einhergeht.

Mitunter sollen Bankmitarbeiter die Schuldner sogar zur Selbsttötung aufgefordert haben, um ihre Familie von Schulden zu befreien. Denn Mikrokredite sind in der Regel durch eine Versicherung gedeckt, die im Todesfall der Bank den Kreditwert zahlt. Auch die erfolgsabhängige Bezahlung von Mitarbeitern auf Basis komplett abgegoltener Kredite könnte eine Rolle gespielt haben.

Aufgebrachte Schuldner griffen in mehreren Städten Bankfilialen an

Die indische Regierung hat deshalb nun mit harter Hands in Geschäft der Mikroinstitute eingegriffen. Nur eine entschlossene Regulierungsinitiative könne den Sektor noch erhalten und gleichzeitig sicherstellen, dass die Mikrokredite den Armen nicht mehr Schaden als Nutzen bringen, heißt es.

Nachdem aufgebrachte Menschenmengen in mehreren Städten Andhra Pradeshs die Filialen von Mikrokreditbanken angriffen, stoppte die Regierung des Bundesstaats jüngst kurzerhand alle Geschäfte. Die Institute sollten bei den lokalen Behörden ihre Geschäftsprozesse erklären und Zinsen offenlegen – bei Zuwiderhandlung wurde mit Gefängnisstrafe gedroht.

Eine Gruppe von Mikrofinanzbanken reichte indes Klage beim Obersten Gerichtshof des Bundesstaates ein. Vijay Mahajan, Sprecher der Gruppe, erklärte, kurzfristig sei eine solche Offenlegung gar nicht möglich. „Über 25000 Mitarbeiter sitzen zu Hause oder in den Büros. Wenn das über sechzig oder neunzig Tage so weiter geht, gibt es Zahlungsausfälle, und das bedeutet Verzug. Dann werden wir die Regierung von Andhra Pradesh für die Zerstörung der Zahlungsdisziplin verantwortlich machen, welche die Mikrofinanzindustrie über 20 Jahre aufgebaut hat.“

Der Gründer des größten indischen Mikrofinanzinstitutes SKS, Vikram Akula, witterte eine politische Kampagne, und unkte, die gesamte Branche stehe wegen Regulierungswut kurz vor dem Kollaps. Der Gerichtshof räumte den Banken zwar inzwischen vier Wochen zur Erfüllung ihrer neuen Pflichten ein, in denen die Geschäfte weiterlaufen dürften, aber ohne Zwang auf die Kunden auszuüben. Um die Wogen zu glätten, beschloss der Branchenverband Anfang November, flächendeckend in Andhra Pradesh die Zinsen bei 24 Prozent zu deckeln.

Die Lage hat sich zwar seither etwas stabilisiert, es werden aber immer noch weit höhere Säumigkeitsraten als vor der Krise gemeldet. Um den Sektor zu stützen, aber auch um ihn wieder unter Kontrolle zu bringen, hat sich die indische Zentralbank in den Fall eingeschaltet und arbeitet an einer national einheitlichen Regulierung für die Mikrofinanzbranche. Jahrelang war eine solche Regulierung versäumt worden, und ein Gesetzesentwurf hängt seit 2007 im Parlament.

Durch frühes entschiedenes Handeln hätte diese Krise wohl verhindert werden können, aber viele Vorzeichen wurden ignoriert. Schon 2006 blieb der Bundesstaat von einer ähnlichen Krise nur durch staatliche Eingriffe knapp verschont – den Banken wurden damals ebenfalls unethische Praktiken vorgeworfen.

Während die Kritik wächst, startet der Geldgeber SKS an der Börse durch

Anfang dieses Jahres warnten dann einzelne Beobachter vor einer erneuten Kleinkreditblase in Andhra Pradesh, dem am stärksten gesättigten Mikrofinanzmarkt nach Bangladesch; sie wurden aber kaum beachtet. Zudem erlangte 2009 eine groß angelegte Studie aus Hyderabad weltweit Beachtung. Ihr Ergebnis: Mikrokredite bringen den Armen kaum etwas – selbst nach mehreren Kreditzyklen war im Schnitt keine Einkommensverbesserung zu finden. In der Tat gibt es gute Gründe, am Nutzen der Kleinkredite zu zweifeln, unter anderem weil die Märkte in Andhra Pradesh, wie in vielen anderen Entwicklungsländern auch, ohnehin mit Kleinunternehmen gesättigt sind.

Allen Zweifeln zum Trotz ging im Juli dieses Jahres als erster indischer Mikrofinanzierer SKS aus Hyderabad an die Mumbaier Börse. SKS erntete nach seinem 13-fach überzeichneten Börsengang heftige Kritik wegen der Ausschüttung von Millionen an Mitarbeiter und Aktionäre. Im Oktober meldete dann SKS einen 118-prozentigen Anstieg der Profite im Vergleich zum Vorjahr – in der selben Woche, in der bekanntwurde, dass von den 54 Schulden, die sich umbrachten, 17 SKS-Kunden gewesen sein sollen.

Diese Krise trifft die Mikrofinanz als Gesamtindustrie ins Mark. Indien ist als wichtiger Wachstumsmarkt besonders hart umkämpft, was der Effizienztheorie zufolge den Kunden niedrigere Zinsen bringen sollte. Die Banken reichen aber in der Praxis offenbar den Konkurrenzdruck an ihre Mitarbeiter und die Kunden weiter, indem sie immer freizügiger Darlehen vergeben, um ihre Marktanteile zu verteidigen. Die Raten werden dann mit besonderer Härte von den überschuldeten Armen eingetrieben, bei einem Jahreszins von bisher bis zu 60 Prozent.

Der Mikrofinanz-Sektor, der noch immer mehrheitlich von staatlichen Entwicklungsfonds und Stiftungen getragen wird, sieht aber zunehmend jenen Kredithaien ähnlich, von denen er die Armen einst erlösen wollte.

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