Lade Inhalte...

Metall- und Elektroindustrie Düstere Prognosen

Die Metall- und Elektroindustrie sieht Unwetter heraufziehen. Die Vorhersage lässt aber entscheidende Faktoren außer Acht. Eine Analyse.

Rainer Dulger
Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger fordert die künftige Bundesregierung auf, wieder mehr Wirtschaft zu wagen. Foto: Imago

Es wirkt ein wenig wie Glatteiswarnungen im Hochsommer. Die Kennzahlen der deutschen Metall- und Elektroindustrie künden zunächst von warmem Sonnenschein, durchsetzt allenfalls von vereinzelten Wolkenfeldern. Zwischen den Jahren 2000 und 2016 stieg der Umsatz der Branche von 684 Milliarden auf knapp 1,1 Billionen Euro. Im Ausland setzten die Unternehmen zuletzt 610 Millionen Euro um. Gegenüber der Jahrtausendwende mit 322 Millionen entspricht das einem Plus von 90 Prozent. Auch die Zahl der Beschäftigten legte im Vergleichszeitraum zu: um 320 000 auf gut 3,8 Millionen. 2016 trug die Branche 15,2 Prozent zur gesamten Wirtschaftsleistung bei. So viel zum Sommer.

Den guten Zahlen ließ der Arbeitgeberverband Gesamtmetall am Mittwoch düstere Wetterprognosen folgen, enthalten im „M+E Strukturbericht 2017“, den das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln verfasst hat. Die Arbeitskosten eilten dem Produktivitätszuwachs seit Jahren voraus, warnt Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger. Angesichts anhaltend steigender Lohnstückkosten errichteten viele Firmen erweiterte Produktionskapazitäten lieber im Ausland. Die Arbeitskosten seien nach 2007 um 20 Prozent gestiegen, die Produktivität habe um nur zwei Prozent zugelegt. Die Phase billigen Öls, niedriger Zinsen und günstiger Eurokurse, die sich in den vergangenen Jahren positiv in den Bilanzen niederschlugen, werde nicht ewig währen. Unterdessen überböten sich die Parteien mit Wahlversprechen, die Arbeit weiter zu verteuern drohten.

Somit ist klar, an welche Adressaten sich die Datenschau der Arbeitgeber richtet: Zum einen an die IG-Metall, die in den bevorstehenden Tarifverhandlungen ein  unbequemer Gesprächspartner werden dürfte: Neben höheren Entgelten fordert die Gewerkschaft die Möglichkeit einer „verkürzten Vollzeit“ von 28 Stunden pro Woche mit Teilausgleich des entgangenen Lohns. Außerdem will die IG Metall die meist nur wenige Stunden dauernden Warnstreiks zu Tagesstreiks ausweiten – und damit die Kosten für die Unternehmen nach oben schrauben. Es wird also gewiss nicht einfach. Gewitter und Hagelschlag nicht ausgeschlossen.

Zweiter Adressat ist die künftige Bundesregierung. Die müsse „wieder mehr Wirtschaft wagen“, fordert Dulger. So müsse das Arbeitszeitgesetz den veränderten Rhythmen in Zeiten der Digitalisierung angepasst werden, etwa mit Hilfe einer Öffnungsklausel, die abweichende Vereinbarungen in Tarifverträgen zulasse. Vor allem müsse ein Anstieg der Renten-, Krankenversicherungs- und anderer Sozialbeiträge über die 40-Prozent-Marke vermieden werden. Sonst drohe das „Herz der Wirtschaft“ (IW-Chef Michael Hüther) aus dem Takt zu geraten.

Dramatisch? Vielleicht. Vielleicht sollte die kommende Regierungskoalition aber noch weitere Daten in den Blick nehmen: Die Nettoumsatzrendite der Branchenunternehmen legte zwischen 2007 und 2015 im Schnitt um gut drei Prozent pro Jahr zu, mithin stärker als die Lohnkosten. Der Rentenbeitrag wird aller Voraussicht nach bis mindestens 2020 stabil bleiben. Von steigenden Gesundheitsausgaben sind die Arbeitgeber nicht betroffen, ihr Krankenversicherungsbeitrag ist bei 7,3 Prozent eingefroren. Und in der Arbeitslosenversicherung sind sogar sinkende Belastungen absehbar. Klingt nicht nach Glatteis.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum