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Merkel in China Innovationswelle aus Fernost

Der Westen wirft den Chinesen vor, ihre Wirtschaft mit unfairen bis illegalen Methoden zu modernisieren. Doch darauf sollte er sich nicht versteifen. Sonst droht er die chinesische Aufstiegsdynamik zu unterschätzen.

China
Leuchtende Ziele der chinesischen Regierung: Innovation, Koordination, Umweltschutz, Offenheit und Teilen (v.l.). Foto: rtr

Die raue Gangart von US-Präsident Donald Trump lehnt die deutsche Kanzlerin ab. In der Sache stimmt Angela Merkel ihrem US-Kollegen aber durchaus mal zu. Zum Beispiel, wenn sie heute in China unter anderem Staats- und Parteichef Xi Jinping und Premier Li Keqiang trifft. Dann wird auch sie die Barrieren ansprechen, auf die deutsche Firmen treffen, wenn sie auf dem chinesischen Markt tätig werden wollen. Und sie wird den Schutz von Erfindungen thematisieren. Sie wolle „auch im Handel über reziproken Zugang sprechen und die Fragen des geistigen Eigentums“, sagte Merkel in ihrem Podcast. 

Damit schlägt sie in dieselbe Kerbe wie die Amerikaner. Die werfen China vor, geistiges Eigentum von US-Firmen zu stehlen, um damit ihre eigene Volkswirtschaft aufzubauen. Der US-Handelsbeauftragte Robert Lightizer hat untersuchen lassen, wie große Schäden der angebliche Wissensdiebstahl durch die Volksrepublik verursacht. Das Ergebnis: Die Verluste sollen bei 225 bis 600 Milliarden US-Dollar (183 bis 487 Milliarden Euro) pro Jahr liegen.

„China hat versucht, um jeden Preis an US-Technologie zu kommen – legal und illegal“, so James Andrew Lewis vom Zentrum für Strategische und Internationale Studien in Washington. „Spionage und Diebstahl waren Teil davon, doch ebenso Technologietransfers oder Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen als Voraussetzung für Geschäfte in China.“

Die Regierung in Peking setzt darauf, die heimische Wirtschaft zu modernisieren. Sie steuert sie in zukunftsträchtige Märkte, die bislang von westlichen Firmen dominiert wurden. Auf der US-Sanktionsliste stehen denn auch vor allem Produkte der Luft- und Raumfahrtindustrie, der Elektronikbranche, des Maschinenbaus sowie der Medizintechnik. Es geht um Hightech-Erzeugnisse aus Wirtschaftszweigen, die China als strategisch für seine weitere Entwicklung betrachtet.

Ganz konkrete Beispiele für den Diebstahl geistigen Eigentums durch chinesische Firmen gibt es zwar durchaus. Erst kürzlich wurde die Pekinger Windkraftfirma Sinovel in den USA für schuldig erklärt, Software vom Server eines US-Konkurrenten gestohlen zu haben. Doch den technologischen Fortschritt der Chinesen auf illegale Methoden zu reduzieren, würde bedeuten, sie zu unterschätzen.

Chinas Regierung fördert Innovation massiv. Das beginnt beim immer besseren Bildungssystem. Von einer Million Chinesen werden laut Weltbank inzwischen 1177 Forscher. Das sind drei Mal so viele wie noch in den 1990er Jahren, Tendenz weiter steigend. In den USA sind es mit 4321 pro eine Million zwar deutlich mehr. Das wird aber durch die wesentlich größere Bevölkerung Chinas ausgeglichen. „Mit der Zahl an Wissenschaftlern, die China jedes Jahr ausbildet, wird es letztendlich aufschließen – unabhängig davon, was die USA tun“, sagt David Shen von der Kanzlei Allen & Overy.

Hinzu kommen die deutlich gestiegenen Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Waren es in den 1990er Jahren nur 0,7 Prozent der Wirtschaftsleistung, sind es inzwischen 2,1 Prozent. Damit nähert sich die Quote dem Durchschnitt der Industriestaaten-Organisation OECD von 2,3 Prozent an. Aktuelle Statistiken des Europäischen Patentamts zeigen eine Zeitenwende in größerem Maßstab. 2017 haben Patentersuchen aus China nicht nur mit knapp 17 Prozent auf 8330 Anmeldungen zum zweiten Mal in Folge so stark wie in keiner anderen großen Patentnation zugelegt. Binnen zwei Jahren ist die Volksrepublik auch vom achten auf den fünften Rang geklettert. 

Mit dem Technologieriesen Huawei steht zudem erstmals ein chinesisches Unternehmen an der Spitze der innovativsten Firmen. Knapp 2400 Patentanmeldungen hat der Konzern, der Smartphones und Netzwerktechnik baut, 2017 beim Patentamt in München eingereicht. Damit lag Huawei vor Siemens als Nummer zwei mit 2220 Anmeldungen.

„Huawei investiert viel in Forschung und Entwicklung, sodass hohe Patentzahlen keine Überraschung sind“, erklärt Huawei-Vize Song Liuping.  Von den 180 000 Beschäftigten des Unternehmens sind 80 000 in Forschung und Entwicklung tätig. Zum Vergleich: Siemens hatte Ende 2017 konzernweit rund 40 000 Forscher und Entwickler beschäftigt. Dabei ist die Gesamtbelegschaft der Münchner mehr als doppelt so groß wie die von Huawei.

Das Vorzeigebeispiel Huawei ist aber noch nicht repräsentativ für die gesamte chinesische Wirtschaft. „Die Chinesen sind bei einigen großen Konzernen ganz erfolgreich“, sagt Technologieanwältin Gabriela Kennedy von der Kanzlei Mayer Brown JSM. Bei den kleineren Firmen sei jedoch noch wenig Innovation zu entdecken. „Dafür werden sie aber nicht mehr lange brauchen.“

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