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Marketing Sonne, Süßes, Süpermen

Burhan Gözüakça will mit seiner Marketingagentur Beys die Zielgruppe der Deutschtürken ansprechen

12.11.2012 15:19
Tino Scholz
Burhan Gözüakça – zu seinen Kunden zählen Allianz, Bahlsen und die Fluglinie Sunexpress. Foto: Paulus Ponizak

Wenn Burhan Gözüakça über seine Familie spricht, weiß man manchmal nicht so richtig, wen er eigentlich meint. Natürlich könnte er über seine Frau und die beiden Kinder reden, 13 und fünf Jahre alt. Es wäre aber auch gar nicht mal so abwegig, dass Gözüakça über seine „andere Familie“ spricht, wie er sie nennt: die Mitarbeiter seines Unternehmens. Zu denen zählen übrigens auch seine Frau und sein Bruder. Die Familie ist überall. Burhan Gözüakça mag das.

Der Deutschtürke findet, dass es an der Zeit wäre, den Familienbegriff auszuweiten – auf Berlin, auf Deutschland. „Es wäre wunderbar, wenn wir die türkische und deutsche Gesellschaft näher zusammenbringen könnten“, sagt er. Gözüakça ist einer von zwei Geschäftsführern der Agentur Beys, die sich auf Ethnomarketing spezialisiert hat. Wann immer ein deutsches Unternehmen mit seinen Produkten und Dienstleistungen auch türkische Migranten für sich gewinnen möchte, ist Beys zur Stelle. Gözüakça will damit natürlich Geld verdienen, er will aber auch „vermitteln, eine Kultursensibilität schaffen“, sagt er. In seinem akkurat sitzenden Anzug wirkt er schon fast wie ein Integrationsminister.

Dependance in Istanbul

Gözüakças Firma hat ihr Büro, passenderweise, direkt an der Schnittstelle zwischen Mitte und dem Wedding. „Wir wollten diese Nähe“, sagt er. Der 40-Jährige gründete die Firma 1998 mit einem Partner, zunächst verlor sich Beys im üblichen Agenturhandwerk, man betreute mittelständische Unternehmen aus Berlin. „Es reichte uns aber nicht, nur eine Agentur unter vielen zu sein“, sagt Gözüakça. Ein Jahr später spezialisierte sich Beys auf Ethnomarketing. Das Potenzial erschien schon damals riesig. Etwa drei Millionen Deutschtürken leben hierzulande, Experten schätzen, dass sie eine Kaufkraft von mindestens 17 Milliarden Euro besitzen. Ein Paradies für die Absatzmärkte. Eigentlich. Doch Ethnomarketing gilt als ein schwieriges Feld, weil viele Firmen Berührungsängste mit dem Thema Migranten haben. „Sie schrecken zurück, weil es ja eine fremde Kultur für sie ist“, sagt Gözüakça. „Aber dafür sind wir da. Wir wollen das Verständnis für den türkischen Kunden schärfen.“

Es gibt in Deutschland nur wenige Unternehmen, die im Ethnomarketing aktiv sind, „vielleicht vier, fünf“, schätzt Gözüakça. Seine Firma ist Branchenführer, seit drei Jahren erwirtschaftet sie einen Jahresumsatz im unteren einstelligen Millionenbereich. Die neun Angestellten sorgten 2011 für ein Wachstum von 30 Prozent, in diesem Jahr werden es wohl 15 Prozent sein. Zuletzt eröffnete Gözüakça gar eine Dependance in Istanbul.

Dabei könnte das Geschäft sogar noch mehr florieren, sagt er, wenn mehr Firmen das Potenzial der Migranten erkennen würden. In Deutschland hat seine Agentur etwa zehn Stammkunden, daneben einige lose Kontakte, die von Zeit zu Zeit aufgewärmt werden. Seit Jahren schon kooperiert Beys mit der Allianz, mit Bahlsen, der Fluglinie Sunexpress. Er führte auch schon Kampagnen für das Berliner Konzerthaus, die Deutsche Oper, die Bundeszentrale für politische Bildung.

Spielen mit türkischer Folklore

Die Werbeformen sind dabei oftmals ganz einfach. Als die Allianz in Berlin eine Filiale speziell für Türken eröffnen wollte, warb Gözüakça in deren Landessprache. Er spielte mit türkischer Folklore, ließ in Radiospots die Geschichte des türkischen „Süpermen“ erzählen. Dieser habe Angst gehabt, gegen ein Haus zu fliegen und dann nicht mehr für seine Frau sorgen zu können. „Da kam die Versicherung ins Spiel“, sagt Gözüakça und grinst breit. Zurzeit erarbeitet Beys im Auftrag der Versicherung eine deutschlandweite Kommunikation für türkischstämmige Mitbürger.

Für Burhan Gözüakça ist diese Arbeit aber bei Weitem nicht nur ein Job. Seine Familie habe oft auf ihn verzichten müssen, weil sein Idealismus ihn mal wieder getrieben habe, sagt er. Beys initiierte etwa aus eigenem Antrieb eine Wahlfibel für türkischstämmige Deutsche und entwarf eine Broschüre zum Senken der Heizkosten. Und trotzdem: Vieles läge noch im Argen, sagt Gözüakça. „Das Bild von den Migranten ist doch zu großen Teilen ein falsches. Man merkt es in der Werbewirtschaft: Frauen, Senioren, Homosexuelle werden da als Zielgruppen festgelegt. Migranten aber finden so gut wie gar nicht statt.“

Daran hätten auch Medien und Politiker ihre Schuld, findet er, sie setzten teilweise Unwahrheiten in die Welt. „Die Vorwürfe, dass Migranten sich nicht integrieren würden, keine Lust hätten, die deutsche Sprache zu erlernen, finde ich absolut nicht okay.“ Laut einer repräsentativen Umfrage vom August seien nämlich rund 80 Prozent der Deutschtürken bereit, sich vollkommen in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Wie Burhan Gözüakça.

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