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Lohnrunde 2011 Wirtschaft brummt, Reallöhne sinken

Trotz der wirtschaftlichen Erholung werden die Tarifgehälter in diesem Jahr nur geringfügig wachsen - während die Preise steigen. Die FR hat eine Auswertung von Experten erbeten. Das Ergebnis ist ernüchternd niedrig.

Es kommt immer weniger in die Lohntüte. Foto: dpa

Volkwirte staunen, Beschäftigte werden enttäuscht sein: Trotz der wirtschaftlichen Erholung werden die Tarifgehälter in diesem Jahr nur geringfügig wachsen. Weil gleichzeitig die Preise spürbar steigen, werden viele Beschäftigte sogar Reallohnverluste erleiden. Zu dieser Einschätzung kommen Volkswirte nach einer Zwischenbilanz der Lohnrunde 2011.

Wie viel ein Tarifabschluss tatsächlich wert ist, ist auf den ersten Blick oft nicht zu erkennen: Mal ist die Laufzeit sehr lang, mal gibt es den Zuschlag erst nach ein paar Monaten. Die FR hat deshalb Experten der Hans-Böckler-Stiftung und der Commerzbank gebeten, die wichtigsten Tarifergebnisse aufs Kalenderjahr umzurechnen. Das Ergebnis ist ernüchternd: In den drei großen Branchen Bau, öffentlicher Dienst und Chemie erhalten die Beschäftigten in diesem Jahr gerade einmal 2 bis 2,6 Prozent mehr Geld als im Vorjahr. Ähnliche Zuwächse sehen erste regionale Tarifverträge für das Hotel- und Gastgewerbe vor.

Die Abschlüsse sind überraschend niedrig. Schließlich haben Politiker wie Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) landauf, landab für kräftige Lohnerhöhungen geworben. Auch Volkswirte aller Couleur betonen in seltener Einmütigkeit, Zuwächse von drei bis 3,5 Prozent seien durchaus angemessen. Selbst das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) stimmt dem zu: Der Verteilungsspielraum liege bei rund drei Prozent, sagte IW-Chef Michael Hüther im Januar.

Und nun ist es nicht einmal in der boomenden Chemiebranche gelungen, diese Marke zu erreichen. Die Gewerkschaft IG BCE verkündete zwar Ende März, dass die Entgelte um 4,1 Prozent steigen. Wenn man das Plus aufs Kalenderjahr umrechnet, sieht die Ergebnis jedoch mager aus: Beschäftigte erhalten im laufenden Jahr nur zwei Prozent mehr als 2010. Das ergeben die Berechnungen von Commerzbank-Volkswirt Eckart Tuchtfeld und Reinhard Bispinck, Tarifexperte bei der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung.

Nur zwei Prozent plus

Und warum schmilzt der Zuwachs dahin? Im vorigen Jahr haben die Chemiebeschäftigten lediglich eine Einmalzahlung erhalten. Diese Pauschale fällt jetzt weg. Mit der neuen Lohnerhöhung muss dieser Wegfall zunächst einmal wieder ausgeglichen werden. Als echtes Plus bleiben die besagten zwei Prozent.

„Die Abschlüsse sind durchweg noch etwas moderater als wir erwartet hatten“, bilanziert Tuchtfeld. In der gesamten Wirtschaft dürften die Tariflöhne im Durchschnitt nur um 1,7 Prozent steigen, prophezeit der Banken-Volkswirt. Denn in vielen Branchen sind bereits 2010 sehr geringe Zuwächse für das laufende Jahr vereinbart worden. Zeitungsverleger und Druckereien fordern derzeit sogar Einkommenskürzungen.

Gleichzeitig dürften die Verbraucherpreise in diesem Jahr um 2,4 Prozent steigen. Das würde bedeuten: Die realen Tarifeinkommen sinken. Auch die führenden Forschungsinstitute sagen in ihrem Frühjahrsgutachten Reallohn-Verluste voraus. Damit würde Deutschland wieder an die Vorkrisenzeit anknüpfen: Zwischen 2004 und 2008 sind die realen Stundenlöhne beständig gesunken.

Die diesjährige Tarifrunde sei „sehr enttäuschend“, meint denn auch Rudolf Hickel, Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft an der Universität Bremen. Er nennt dafür einen wichtigen Grund: Die wachsende Zahl prekärer Jobs sorgt dafür, dass Gewerkschaften und Tarifbeschäftigte zu Zugeständnissen bereit sind. Sie fürchten, dass Unternehmen andernfalls noch stärker auf Leiharbeit setzen oder noch mehr Arbeiten an Fremdfirmen auslagern. Hinzu kommt, dass die Gewerkschaften mit einem geringeren Preisanstieg gerechnet haben.

Ist denn gar keine Besserung in Sicht? Doch, meint der Tarifexperte Bispinck. Im vorigen Jahr haben Gewerkschaften in vielen Branchen Einmalzahlungen akzeptiert, die Arbeitnehmer nur kurze Zeit erfreuen. Diesmal spielten solche Pauschalen eine viel geringere Rolle. Die Gewerkschaften setzten stattdessen auf dauerhafte Lohnerhöhungen, von denen Beschäftigte auch in den Folgejahren profitieren. Künftige Abschlüsse können darauf aufbauen und müssen nicht zunächst den Wegfall von Einmalzahlungen ausgleichen. Die Mindestlohn-Verhandlungen im Einzelhandel können vielen Geringverdienern spürbare Zuschläge bringen. Tuchtfeld ist fürs nächste Jahr sogar sehr optimistisch: Er erwartet ein Lohnplus von drei Prozent – das wäre die höchste Tarifsteigerung in diesem Jahrtausend.

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