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Löhne sollen kräftig steigen

Gewerkschaften kritisieren Vermögensverteilung. Realeinkommen geringer als vor zehn Jahren

24.11.2011 17:52
Daniel Baumannund Eva Roth
Niedrige Renten drücken das Lebensniveau im Alter. Foto: Sueddeutsche Zeitung

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte am Mittwoch, die Arbeitnehmer wieder stärker am Erfolg der Unternehmen zu beteiligen. Die Schere zwischen Arm und Reich gehe immer weiter auseinander. „Unser Wirtschaftssystem ist dabei, seine politische und soziale Legitimation zu verspielen“, sagte DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki. Die Arbeitnehmer hätten nach Abzug der Preissteigerungen heute „weniger in der Tasche als zur Jahrtausendwende“.

Der DGB-Verteilungsbericht hält fest, dass ein Arbeitnehmer im Jahr 2000 im Durchschnitt 2?114 Euro brutto im Monat verdiente. Im vergangenen Jahr sei das Bruttomonatsgehalt unter Berücksichtigung der Preisentwicklung nur noch 2?074 Euro wert gewesen. Das entspricht einem Verlust von 1,9 Prozent über zehn Jahre. „Kräftige Lohnerhöhungen sind ein Gebot der Stunde“, schlussfolgert Matecki daraus.

Während im Jahr 2000 den Arbeitnehmern über die Löhne noch 72,1 Prozent des Volkseinkommens ausgezahlt wurden, ist diese Quote bis 2007 auf 63,2 Prozent gesunken, wie die DGB-Experten errechnet haben. Im Gegenzug stiegen die Firmen- und Vermögenseinkommen. Dass die Lohnquote seither zumindest wieder 66,7 Prozent erreicht hat, ist für die Gewerkschaften kein Trost.

Sie kritisieren auch die Vermögensverteilung in Deutschland. Während das reichste Prozent der Menschen in Deutschland heute fast ein Viertel des Nettovermögens besitze, kämen zwei Drittel der Erwachsenen zusammen lediglich auf neun Prozent des Nettovermögens. Jeder Vierte (27 Prozent) hat überhaupt kein Vermögen oder ist verschuldet.

Riestern lohnt sich nicht

Für Geringverdiener ist es auch schwierig, zusätzlich fürs Alter vorzusorgen. Trotz der staatlichen Förderung haben Menschen mit kleinem Einkommen relativ selten einen Riester-Vertrag abgeschlossen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Demnach hatten im vorigen Jahr insgesamt knapp 30 Prozent der „förderberechtigten“ Bürger einen Riester-Vertrag. Anspruch auf staatliche Förderung haben insbesondere sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer, Beamte und Arbeitslose. Auch die jeweiligen Ehepartner sind förderberechtigt.

In Haushalten mit hohem Einkommen sind Riester-Verträge dabei besonders verbreitet: 34 Prozent der Besserverdiener nutzen die geförderte Altersvorsorge. Bei Haushalten mit geringem Einkommen sind es dagegen nur 22 Prozent. Auch Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss und Migrationshintergrund riestern seltener als der Durchschnitt, ergab die Studie.

Neue Regeln für Grundsicherung

Dass Geringverdiener relativ selten eine Riester-Rente haben, ist kein Wunder, meint der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Gert Wagner. Denn für sie „lohnt sich die Riester-Vorsorge nicht“. Viele seien im Alter ohnehin auf die Grundsicherung angewiesen. Riester-Vorsorge sei für diese Menschen „rausgeworfenes Geld“, weil das Ersparte auf die Grundsicherung angerechnet wird.

Zudem hätten arme Menschen eine kürzere Lebenserwartung als Reiche. Das heißt: Selbst wenn sie im Alter nicht auf staatliche Fürsorge angewiesen sind, bekommen sie nur relativ kurz Geld aus der Riester-Rente.

Dass arme Menschen selten riestern, dürfte natürlich auch an ihren beschränkten finanziellen Möglichkeiten liegen, heißt es in der Studie. Bei Migranten können Sprachprobleme und Informationsdefizite eine Rolle spielen.

Geringverdiener, die einen Riester-Vertrag haben, sollten trotz alledem ihren Vertrag nicht kündigen, betont DIW-Chef Wagner. Denn dies ist oft nur mit Verlusten möglich. Wagner ist überzeugt, dass die Politik die Regeln zur Grundsicherung ändern wird. Die Politik müsse klären, „wie Menschen, die voraussichtlich später einmal auf die Grundsicherung angewiesen sein werden, von einem Vorsorge-Mix bei der Rente profitieren können“. Möglich sei etwa, dass Erspartes nicht auf die Fürsorge angerechnet wird.

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