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Liqui-Moly-Chef Ernst Prost "Gier statt Solidarität"

Der Liqui-Moly-Chef Ernst Prost spricht im FR-Interview über den BP-Boykott seiner Firma, die Reichensteuer und Unternehmer-Anstand.

03.07.2010 00:07
Liqui-Moly-Chef Ernst Prost. Foto: Horst Hörger/Wikipedia

Herr Prost, hat sich Greenpeace schon bei Ihnen gemeldet?

Nein. Hätte das sein sollen?

Immerhin sind Sie wohl der einzige Unternehmer, der BP wegen der Ölkatastrophe die Zusammenarbeit gekündigt hat.

Greenpeace hat nicht angerufen, aber einige Politiker aus dem grünen Lager. Sie wollten wissen, ob ich Hilfe brauche.

Brauchen Sie denn Hilfe?

Ich hoffe nicht. Aber es ist schon ein heißes Spiel, wenn sich so ein kleines 500-Mann-Unternehmen wie wir mit solch einem Riesenkonzern anlegt. Da besteht natürlich die Gefahr, dass das Imperium zurückschlägt. BP verfügt über einen gewissen Einfluss in der Branche. Und es gab auch bei uns im Hause einige, denen bei dem Boykott nicht wohl war. Aber das hat mich eigentlich noch mehr angestachelt.

War das Ihr Alleingang?

Natürlich nicht. Ich bin der, der am Ende seinen Kopf dafür hinhält. Aber wir diskutieren hier im Hause alles, was wir machen und planen.

Sie gelten als gewiefter Unternehmer. In einem TV-Spot werben Sie regelmäßig im Abendprogramm für die Produkte ihres Unternehmens. Geht es vielleicht auch gegen einen Konkurrenten? Die BP bietet schließlich auch Motoröl unter den Marken Aral und Castrol an.

Unsinn. Ich habe vorige Woche im Stern ein Foto von einem zufrieden lachenden BP-Chef bei einem Segeltörn gesehen. Ich war geschockt. Wir halten hier jede kleinste Vorschrift ein und versuchen alles, um Umweltbelastungen zu vermeiden, und da macht einer was er will und begreift nicht mal, was er eigentlich angestellt hat. Und mit dem machst du Geschäfte? Da hat es mir gereicht und ich hab mir gesagt: Jetzt ist Schluss. Wir kaufen unsere Rohstoffe nicht mehr bei BP und ziehen alle unsere Tankraten für Aral ein. Fertig.

Um welche Größenordnung geht es dabei?

Im vergangenen Jahr haben wir bei BP Aral für unsere Firmenfahrzeuge Sprit für knapp eine Million Euro gekauft. Die Zulieferungen machen noch einmal ein paar Millionen Euro aus.

Hoffen Sie, dass andere Ihrem Vorbild folgen?

Das ist unser Weg, kein Aufruf. Jeder muss für sich selbst entscheiden wo er kauft. Ich kaufe auch nicht bei Schlecker, weil dort die Angestellten nicht anständig behandelt werden. Mir geht es nicht nur um ein gutes Produkt zu einem akzeptablen Preis. Dahinter sollte schon auch eine anständige Firma stehen mit ein paar Grundwerten.

Zum Beispiel?

Respekt, Anstand, Fleiß und Demut gegenüber Mensch und Natur. Das ist in unserer Gesellschaft verloren gegangen. Stattdessen haben wir maßlose Gier entwickelt und die Solidarität in der Gesellschaft aufgekündigt.

Sie haben sich kürzlich auch für einen größeren Beitrag der Sehrgutverdiener beim Schuldenabbau ausgesprochen.

Sicher. Denn wenn man bei den Kleinen zupackt, muss man es auch bei den Großen tun. Es kann doch nicht sein, dass man den Hoteliers was gibt und es gleichzeitig Hartz-IV-Empfängern wieder wegnimmt. Das passt nicht. Die Reichen müssen mehr bezahlen. Bei der Steuer hätte ich mit zehn Prozent mehr kein Problem. Aber dann erwarte ich auch, dass der Staat damit vernünftig haushaltet, statt das Geld für Subventionen und die Wünsche von Lobbyisten aus dem Fenster zu werfen.

Sie gehören zu den Reichen, besitzen sogar ein Schloss. Sie sollen einmal gesagt haben, dass Sie es verkaufen würden, bevor Sie Leute entlassen. Das Schloss haben Sie noch?

Das habe ich noch, klar.

Die Krise konnte Liqui Moly nichts anhaben?

Es sieht so aus. Im Jahr 2008 hatten wir einen Vorsteuergewinn von zehn Millionen Euro. Im Jahr danach, dem Krisenjahr, waren es fünfzehn Millionen. Das war ein Rekordergebnis.

Wie das?

Weil ich meinen Leuten zu Jahresanfang eine Arbeitsplatzgarantie gegeben habe. Niemand hatte Angst, und alle haben mit Kraft und Kreativität, Fleiß und Engagement gegen die Krise angekämpft.

Wie konnten Sie die Jobs garantieren?

Ich hätte im Notfall mehr Geld in die Firma gesteckt. Ich bin relativ reich, habe aber nicht geerbt, nichts gestohlen und nichts geschenkt bekommen. Ich bin Kfz-Mechaniker und habe mich hochgearbeitet. Damit kommen Sie aber nicht zu einem Millionenvermögen. Da muss schon eine Firma dahinter stehen, in der andere Menschen arbeiten. Also: Die Leute von Liqui Moly haben mich nicht nur wohlhabend, sondern reich gemacht. Da ist es doch nur recht und billig, den Menschen in schlechteren Zeiten Geld zurückzugeben. Das ist Unternehmertum.

Musste es unbedingt ein Schloss sein?

Herr Gott. Das war eine Ruine. Ich habe sie für 320 000 Euro ersteigert, dann zwei Millionen reingesteckt, damit örtlichen Handwerkern Arbeit gegeben und dem Fiskus zu rund 400 000 Euro Mehrwertsteuer verholfen. Hätte ich das Geld besser nach Liechtenstein bringen oder in Lehman-Papiere investieren sollen? Die Stadt Leipheim hat mir für den Erhalt des Schlosses sogar einen Kulturpreis verliehen. Der war mit 5000 Euro dotiert, die ich der städtischen Tafel gestiftet habe. Die Sache ist rund. Fertig.

Sie haben das Schloss und die Leute ihre Jobs?

Genau. Im Krisenjahr haben wir sogar 31 neue Jobs geschaffen und auch in diesem Jahr sind schon wieder 22 dazugekommen.

Das klingt nach Jobwunder.

Mit Wunder hat das nichts zu tun. Es ist der Schlüssel. Die ganze Bredouille mit Staatsverschuldung und fehlenden Steueraufkommen hat doch nur damit zu tun, dass zu wenig Leute in Arbeit sind. Jeder Arbeitslose kostet zwanzig-, dreißigtausend Euro im Jahr. Außerdem zahlt er nichts in die Sozialversicherungssysteme ein. Das ist ein doppelter Schaden. Und umgekehrt ist es ein doppelter Nutzen, wenn wir Arbeitslose in Lohn und Brot bringen können. Arbeit mit Einkommen ist der Schlüssel zur Gesundung unserer Gesellschaft.

Dieses Jahr hat die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie eine Nullrunde vereinbart. Sie zahlen Ihren Mitarbeitern seit dem 1. Juli dennoch 2,5 Prozent mehr Lohn. Warum tun Sie das?

Weil da eine Riesensauerei abgelaufen ist. In der Chemie hat man hervorragend verdient, bedient wird aber nur das Kapital. Da hab ich mir die Freiheit genommen, einen Sonderweg zu gehen. Also gab es bei uns die vereinbarte Einmalzahlung von 750 Euro und oben drauf die zweieinhalb Prozent Lohnerhöhung. Weil meine Leute gut sind, verdammt noch mal.

Glauben Sie, dass der Standort Deutschland eine Zukunft hat?

Da mache ich mir keine Sorgen. Wir müssen nur mehr mit gesundem Menschenverstand machen und den Gemeinschaftsgedanken entwickeln. Alle müssen mitmachen. Die Reichen müssen abgeben und am unteren Rand darf sich niemand in die Hängematte legen. Die Regierung macht uns vor, wie es nicht sein sollte.

Was halten Sie von Mindestlöhnen?

Die müssen her, damit einer von Arbeit ordentlich leben und eine Familie ernähren kann.

Keine Angst, dass Jobs verloren gehen?

Ach was. Das ist dummes Kapitalismus-Geschwätz. Einer muss doch die Arbeit machen.

Die Arbeit in Ihrer Firma basiert auf Erdöl, das bekanntermaßen knapp wird. Haben Sie für Ihr Unternehmen und Ihre Mitarbeiter einen Plan für die Zeit nach dem Öl?

Das beschäftigt uns natürlich. Wir haben noch ein bisschen Zeit, aber klar ist, dass unseren Laden komplett umstrukturieren müssen.

Andererseits sind Sie längst in Rente, wenn das Öl zur Neige geht.

Es gibt hier zwanzig oder dreißig Kollegen, deren Eltern haben schon in unserem Betrieb gearbeitet. Die haben wieder Kinder, und vielleicht übernimmt ja auch mein Sohn später die Firma. Das unterscheidet eben ein mittelständisches Familienunternehmen von einem Großkonzern, wo der Vorstandsvorsitzende einen Fünf-Jahres-Vertrag hat und am Ende sagt: Nach mir die Sintflut. Ich will das Schiff Liqui Moly sicher und gut in die nächste Generation bringen.

Interview: Jochen Knoblach

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