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Liberty Reserve Namenlose Milliarden

Ermittler mehrerer Länder haben gemeinsam den bislang größten Fall von Geldwäsche aufgedeckt. Im Fokus steht der Internet-Bezahldienst Liberty Reserve, der anonyme Konten und Finanztransaktionen angeboten hatte.

Dollar können bei Liberty Reserve einfach in die digitale Währung "Liberty Dollar" eingetauscht werden - ohne dass geprüft würde, welches Geld dazu genutzt wird. Foto: AFP

Ermittler mehrerer Länder haben gemeinsam den bislang größten Fall von Geldwäsche aufgedeckt. Im Fokus steht der Internet-Bezahldienst Liberty Reserve, der anonyme Konten und Finanztransaktionen angeboten hatte.

Als ein Ermittler ein Benutzerkonto bei Liberty Reserve einrichtete, dürfte er nicht schlecht gestaunt haben. Das System akzeptierte alle Einträge, so unsinnig sie auch sein mochten. Er nannte sich „Joe Schwindler“, gab seine Adresse mit „Gefälschte Hauptstraße 123, Erfundene Stadt, New York“ an und notierte als Überweisungszweck „Für Kokain“. Der Beamte war drin – und die US-Finanzbehörden hatten einen Beleg mehr dafür, dass der Online-Bezahldienst in Wirklichkeit eine gigantische Geldwaschanlage ist.

Mehr als sechs Milliarden US-Dollar aus illegalen Geschäften seien in den vergangenen Jahren über das System von Liberty Reserve gewaschen worden, sagt die New Yorker Staatsanwaltschaft und glaubt, einen spektakulären Fall von Cyber-Kriminalität aufgedeckt zu haben. Der Internetdienst mit Sitz in Costa Rica sei „die Bank der Wahl für die kriminelle Unterwelt“ gewesen, heißt es in der Anklageschrift.

Jenseits staatlicher Kontrolle

Damit ist vorerst Schluss. Das Unternehmen, das weltweit mehr als eine Million Kunden hat, ist vom Netz. Der Firmengründer und vier andere Verdächtige sind festgenommen, zwei Beschuldigte in Costa Rica noch auf freiem Fuß. Über das System, das anders als herkömmliche Banken keiner staatlichen Kontrolle unterlag, konnten Kriminelle weltweit Finanztransaktionen in völliger Anonymität vornehmen.

Der Anklageschrift zufolge liefen seit 2006 etwa 55 Millionen Transaktionen über Liberty Reserve. Das System war simpel. Jeder konnte sich anlegen. Echtes Geld wurde in LR-Einheiten umgetauscht, innerhalb des Systems mehrfach verlagert und am Ende wieder in reguläres Geld verwandelt. Der Betreiber des Online-Bezahldienstes machte dabei offenbar große Kasse. Er kassierte ein Prozent Provision pro Transaktion.

Das ist Liberty Reserve

Illustration: Isabella Galanty
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Die New Yorker Anklagebehörde vermutet, dass das Geld aus Kreditkarten- und Anlagebetrug stammte, aus dem Handel mit Drogen und Erlösen aus Kinderpornografie. Auch die Computerhacker, die vor wenigen Monaten weltweit 45 Millionen US-Dollar durch manipulierte Kreditkarten ergaunert haben sollten, sollen den Liberty-Reserve-Dienst genutzt haben.

Richard Weber von der US-Steuerbehörde IRS sagte während einer Pressekonferenz in New York, in der Geldwäsche sei das Cyber-Zeitalter angebrochen: „Wenn Al Capone noch leben würde, hätte er sein Geld auf diese Weise versteckt.“ Die Anklage gegen Liberty Reserve werde nun aber das Vertrauen der High-Tech-Geldwäscher in die Technik erschüttern. Auch der Cyberspace biete keine völlige Sicherheit mehr vor staatlicher Verfolgung.

Schon früher Konten eingefroren

Angst breitete sich unter den Nutzern von Liberty Reserve schon im August 2012 aus. Damals wurden unvermittelt Konten eingefroren, erstmals. Die panischen Nutzer erhielten von dem Bezahldienst mal die Auskunft, dass es sich um ein technisches Problem handelt, mal dass eine Sicherheitsüberprüfung vorgenommen werde.

Ein Nutzer berichtete, dass sein Konto mit über 200.000 Dollar gesperrt wurde. Andere sprachen von fünfstelligen Summen, auf die sie keinen Zugriff mehr hatten. „Bringt euer Geld in Sicherheit“, schrieb einer. Er ahnte wohl, dass es mit Liberty Reserve vorbei sein könnte.

Nach Ansicht von Experten ist der Schlag gegen Liberty Reserve ein Zeichen für die Entschlossenheit der US-Regierung, das Internet stärker zu kontrollieren. Sollten die Vorwürfe vor Gericht Bestand haben, hätten die Behörden bessere Argumente an der Hand, um gegen den Missbrauch von Digitalwährungen entschiedener vorzugehen.

Der New Yorker Staatsanwalt Preet Bharara sagte, die Ermittlungen liefen seit Ende 2011. Die US-Fahnder hätten mit Behörden aus 17 Ländern zusammen gearbeitet. Bharara sprach von Wild-West-Methoden im Internetbanking. Kriminelle in diesem Segment agierten zunehmend global. Deswegen müsse „der lange Arm des Gesetzes noch länger werden“.

Der Gründer von Liberty Reserve ist den US-Behörden bekannt. Gegen Arthur Budovsky, der am Freitag in Spanien festgenommen wurde, wurde bereits vor Jahren wegen Geldwäsche-Vorwürfen ermittelt. Der gebürtige Ukrainer, der vor kurzem seinen US-Pass zurückgab, ging 2006 nach Costa Rica und gründete dort zusammen mit seinem Kompagnon Vladimir Kats das Unternehmen Liberty Reserve.

Die Behörden erklärten, sie hätten im Zuge ihrer Ermittlungen das Protokoll eines Online-Chats sichergestellt. Darin soll Kats zugeben haben, dass Liberty Reserve illegal sei und von Hackern für Geldwäsche genutzt werde. (mit db.)

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