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Leistungsprinzip „Hausaufgaben sind doch nur ein Angebot“

Einser-Abiturient und Buchautor Tobias Brandt über Lernen und Arbeiten nach dem Mini-Max-Prinzip.

Pferd
Das Pferd springt nur so hoch, wie es muss. Foto: afp

Tobias Brandt hat in der Oberstufe alles daran gesetzt, mit minimalem Aufwand die maximale Punktzahl zu bekommen. Über den entspannten Weg zum Einserdurchschnitt hat der heute 21-Jährige ein Buch geschrieben. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, welche Chancen sein Ansatz bietet – und welche Grenzen er hat. Welche Tricks hat Brandt für Abiturienten parat? Funktioniert das Ganze auch im Studium und im Beruf? Und: Geht es bei Bildung nicht um mehr als gute Noten?

Herr Brandt, Sie haben ein Buch über Ihr Einser-Abitur geschrieben. Sind alle Ihre Freunde solche Angeber und Streber?
Nein. Ich schreibe ja auch gar nicht speziell über mein Abitur, sondern generell darüber, wie Jugendliche, egal an welcher Schule, den Weg zum Einserdurchschnitt finden können. Ein Streber, der den ordentlichsten Hefter hat und dem Lehrer möglichst noch die Tasche trägt, war ich nie – und meine Freunde übrigens auch nicht. Mir geht es darum, dass man als Schüler mit einem geschickten Plan sehr gute Ergebnisse erzielen kann – ohne, dass gleich die ganze Freizeit dabei drauf geht.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie bis zur zehnten Klasse als planloser Chaot und notorischer Sitzenbleiber-Kandidat galten. Das klingt eigentlich so, als hätten Sie ziemlich viel Spaß gehabt.
Ja, klar hatten meine Kumpels und ich Spaß. Das Problem war nur: Wann immer wir gefaulenzt, Blödsinn gemacht oder einfach nur Computer gespielt haben, hatte ich im Hinterkopf: Du hast die Sache mit der Schule nicht im Griff. Dann bin ich in die Oberstufe gekommen und habe mir gesagt: Jetzt ist es an der Zeit, etwas zu ändern.

Sie haben sich dann die Arbeitsweise von Mitschülern angeschaut, die erfolgreicher waren als Sie. Was war Ihre wichtigste Erkenntnis?
Ich habe mir vor allem einen Freund angeschaut, der deutlich besser in der Schule war als ich. Das Faszinierende war: Bei dem ist gar nicht so viel mehr Zeit für die Schule draufgegangen als bei mir. Ich habe viel Zeit verplempert, um mir Sorgen über meine schlechten Noten zu machen – und dann habe ich planlos versucht, irgendwas aufzuholen. Der wusste genau, was er tat. Das war der ganze Trick.

Das müssen Sie uns genauer erklären.
Wichtig ist, darüber nachzudenken: Was muss ich können? Und was ist zwar schön zu wissen, aber nicht notenrelevant? Auch in der Schule gilt die 80-20-Regel, die oft in Karriereberatungsbüchern genannt wird: Mit 20 Prozent des Aufwandes kann man oft 80 Prozent des Erfolges erreichen. Umgekehrt kann man auch mit Riesenaufwand einen mickrigen Ertrag erzielen. Ich habe mich lieber für die erste Variante entschieden.

Woher wussten Sie denn, was wichtig für gute Noten ist?
Das ist gar nicht so schwer. Das Wichtigste ist, Strukturen zu verstehen und sich Verfahren drauf zu schaffen – vor allem in den Naturwissenschaften. In Geschichte, wo es auch auf das Auswendiglernen von Detailwissen ankommen kann, sollte man ruhig mal den Lehrer fragen, was in der Klausur drankommt. Das funktioniert häufiger, als man denkt. Wenn er gar nichts verrät, hört man sich in früheren Jahrgängen um. Und man muss versuchen, sich in ihn reinzudenken: Das ist ja auch ein Mensch mit Vorlieben und Abneigungen.

In Ihrem Buch stellen Sie allerlei Tricks vor, wie sich die eigenen Noten verbessern lassen. Wie bekomme ich eine möglichst gute Note für mündliche Mitarbeit?
Im Prinzip bekommt ein Schüler die natürlich, wenn er viel weiß und sich im Unterricht gut beteiligt. Wer wenig weiß, kann Fragen stellen – auch das registrieren Lehrer positiv. Wer ahnungslos ist, kann genau in dem Moment die Hand heben, in dem der Lehrer schon jemanden drangenommen hat. Das muss natürlich ein Mitschüler sein, der sich selbst gemeldet hat und die Antwort daher mutmaßlich weiß. Eine gute mündliche Note ist aber auch eine Frage der richtigen Verhandlungsstrategie.

Nämlich?
Es ist klug, den Lehrer am Anfang des Halbjahres zu fragen, was man für eine Eins im Mündlichen tun muss. Damit signalisiert man: Ich will es schaffen. Wenn man ihn dann am Ende des Halbjahres fragt, ob man die Erwartungen für eine Eins erfüllt hat, wird er im schlechtesten Fall eine Zwei geben. Lehrer fragen bei der Notenvergabe auch oft, wie der Schüler sich selbst einschätzt. Der Grund: Sie sind selbst unsicher. Der Schüler muss also selbstbewusst rangehen und eine gute Note fordern.

Thema Hausaufgaben: Mancher schreibt sie vor der Schule oder in den Pausen noch schnell bei jemandem ab. Sie raten dazu, die Hausaufgaben selbst zu machen – aber nur zum Teil. Warum?
Hausaufgaben abzuschreiben heißt, keine Kontrolle über die Qualität zu haben. Man ist ständig in einem Schuldverhältnis gegenüber seinen Mitschülern. Da hatte ich da keinen Bock mehr drauf. Wer drei Matheaufgaben rechnen soll, könnte natürlich schnell und schlampig alle drei Aufgaben bearbeiten. Oder er spart sich die dritte, rechnet dafür aber die ersten beiden besonders aufmerksam und gründlich. Damit kann er sich im Unterricht melden – und er wird bei der dritten Aufgabe ganz sicher nicht mehr aufgerufen.

Rufen Sie an dieser Stelle nicht zum Betrug auf, mindestens zur Mogelei?
Bei mir war es auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung. Ich habe vorher nur noch wenig bis gar keine Hausaufgaben gemacht. Als Jugendlicher ist man von vielen Dingen abgelenkt. Als ich in der Oberstufe in der Schule dann besser wurde, habe ich die Hausaufgaben als Angebot gesehen, mich auf den Unterricht vorzubereiten. Ich finde nicht, dass man jedes Angebot zu vollen Teilen nutzen muss.

Im Leben geht es nicht nur um gute Zensuren. Ein solides Grundwissen über die Weimarer Republik oder die Lektüre von Goethes „Faust“ sind eine wertvolle Sache – unabhängig davon, was hinterher im Zeugnis steht.
Ich finde auch: Da, wo jemand ein eigenes Interesse, vielleicht sogar eine Leidenschaft für ein Thema oder ein Fach hat, soll er sich unbedingt intensiv damit beschäftigen. Für den Rest funktionieren meine Regeln aber ganz gut. Wer sie anwendet, kennt hinterher, denke ich, auch die wichtigsten Grundlagen. Er lernt halt nur nicht alles, was im hintersten Winkel des Lehrplans vermerkt ist.

Sie sehen ganz ordentlich durchtrainiert aus. Machen Sie gern Sport?
Ich habe lange im Verein Basketball gespielt. Das mache ich jetzt noch in der Freizeit, genau wie regelmäßiges Fitnesstraining. Warum fragen Sie?

Gehört es beim Lernen wie beim Sport nicht dazu, sich auch mal selbst zu quälen und über seine Grenzen hinauszuwachsen? Ist Ihnen da in Ihrer Abizeit nichts verloren gegangen?
Wenn ich Basketballer bin, kann ich mich quälen, indem ich unzählige Würfe übe – und versuche, da der Beste zu werden. Aber ich muss nicht gleichzeitig versuchen, der beste Darts-Spieler der Welt zu werden. Zumindest, wenn ich Darts gar nicht leiden kann.

Was halten Sie von dem Vorschlag, Noten in der Schule weitgehend abzuschaffen – damit Schüler sich darauf konzentrieren können, tatsächlich etwas zu lernen, statt nur Punkten nachzujagen?
Ganz ehrlich, ich habe den Notendruck gebraucht. Ich hätte in der Pubertät sonst zeitweise wirklich gar nichts gemacht. Zudem geben Noten dem Schüler auch eine Information darüber, wo seine Stärken und Schwächen liegen.

Sie sind in der Oberstufe radikal nach dem Mini-Max-Prinzip verfahren: minimaler Aufwand, maximale Punktzahl. Haben das Ihre Lehrer nie gemerkt?
Die Lehrer kannten mich ja schon vorher. Deshalb waren sie einfach nur glücklich, dass ich mich viel mehr beteiligt habe als vorher.

Mittlerweile studieren Sie. Kommen Sie mit Ihren alten Strategien auch dabei durch?
Das Studium ist anders. Den Professor interessiert nicht, ob ich mitarbeite. Ich muss halt meine Prüfungen bestehen. Hausaufgaben sind entweder freiwillig – oder es steht von Anfang an fest, dass sie bei jedem bewertet werden. Der größte Unterschied ist: Im System Schule ist man einfach drin. Das System Hochschule und mein Studienfach habe ich mir ausgesucht. Es gibt also von Anfang an mehr Dinge, die mich sowieso interessieren.

Glauben Sie, dass ein ganz normaler Büroarbeiter im Arbeitsleben auch von Ihren Tipps profitieren kann?
Ja, klar. Es ist doch auch im Unternehmen wichtig, immer zu überlegen: Was ist die wichtigste Aufgabe, die ich jetzt anpacken muss? Man kann auch den ganzen Tag damit verbringen, E-Mails in möglichst kunstvollen und durchdachten Sätzen zu beantworten. Wenn das alle machen, hat man kein Unternehmen, das Wertschöpfung liefert – sondern nur eine Menge E-Mails.

Wo sehen Sie generell Grenzen Ihres Ansatzes?
Meine Strategie ist darauf angelegt, dass man den Aufwand für Dinge minimiert, die einem keinen Spaß machen. Das ist in der Schule wichtig, weil man sich da vieles nicht aussuchen kann. Wenn ich später im Leben mal das Gefühl hätte, ständig darauf zurückgreifen zu müssen, würde ich mich fragen: Arbeite ich vielleicht im falschen Bereich? Oder: Was kann ich tun, um die Dinge mit mehr Freude anzugehen?

Sie haben sich die Mühe gemacht, ein ganzes Buch über Ihre Strategie zu schreiben. Warum sollte jemand, der dem Mini-Max-Prinzip folgt und dieses Interview gelesen hat, Ihr Buch überhaupt noch kaufen?
Es ist weder dick noch teuer. Wer noch etwas Zeit einsparen will, kann beim Lesen die Einleitung weglassen. Abgesehen davon ist ja tatsächlich nicht alles Zeitoptimierung im Leben. Ich hoffe, es gibt Menschen, denen mein Buch Spaß macht.

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