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„Lehman Brothers“ und Finanzkrise Was bleibt vom großen Crash?

Zehn Jahre „Lehman Brothers“-Pleite: Daniel Baumann, Leiter des FR-Wirtschaftsressorts, hat mit vier Finanzexperten über gezogene Lehren und unterschätzte Gefahren gesprochen.

Kiste packen
Einpacken und dann raus auf die Straßen von New York: ein Mitarbeiter der Lehman Brothers Holding nach der Pleite der Bank. Foto: afp

Es war eine Katastrophe internationalen Ausmaßes: Am 15. September vor zehn Jahren ging die US-Investmentbank Lehman Brothers Pleite. Das Ereignis erschütterte die Finanzmärkte und löste eine der größten Wirtschaftskrisen der Weltgeschichte aus. Was wurde daraus gelernt? Wie schwierig war es, Verbesserungen zu erreichen? Und könnte so etwas wieder passieren?

Diese Fragen diskutierte FR-Wirtschaftschef Daniel Baumann diese Woche mit einem hochrangigen Podium: dem Präsidenten der deutschen Finanzaufsichtsbehörde Bafin, Felix Hufeld; dem renommierten Finanzpolitiker Gerhard Schick (Grüne); dem Wirtschaftsethiker Friedhelm Hengsbach und dem Wirtschaftsjournalisten Norbert Häring, der auch Ko-Direktor der Ökonomenvereinigung World Economics Association ist. Das Gespräch fand auf Einladung des Domkreises für Kirche und Wissenschaft im Haus am Dom in Frankfurt statt.

Herr Häring der zehnte Jahrestag der Pleite von Lehman Brothers nähert sich. Die „FAZ“ berichtet, sie habe „den Auftakt“ zur Finanzkrise markiert. Ist dem tatsächlich so?
Häring: Die Lehman-Pleite war eher der Höhepunkt dieser Finanzkrise als der Auftakt. Danach wurde ja wirklich alles gemacht, um die Krise in den Griff zu kriegen. Seither sind die Zentralbanken im Spezialmodus. Sie haben alles reingeworfen, um diese Krise zu bewältigen: Zinssenkungen und Anleihekäufe. Die richtig harte Krise war denn auch relativ schnell wieder vorbei – an den Finanzmärkten zumindest.

Doch wann hat die Krise begonnen?
Häring: Angefangen hat es deutlich früher als 2008. Die Krise war ja eine Auswirkung der Preisblase am US-Immobilienmarkt, weil dort so viel Geld reingepumpt worden ist, dass die Preise in astronomische Höhen gestiegen sind. Und Ende 2006 ist es gekippt, da sind die Häuserpreise nicht mehr angestiegen. Und dann fing es an, dass die ganzen Hauskäufer, die alle Kredite aufgedrängt bekommen hatten, die zum Teil schon gar keine Zinsen mehr zahlen mussten, sondern praktisch alles aus dem steigenden Wert ihrer Häuser finanzieren sollten, die Kredite nicht mehr bedienen konnten. Da kamen zuerst die Immobilienfinanzierer in Schwierigkeiten, dann die Banken. Aber der Anfang der Krise war auch das nicht. Dafür muss man mindestens zurückgehen bis 2001, als die Dotcom-Blase, also die Blase der Internet-Wirtschaft, geplatzt ist. Damals hat die Zentralbank in den USA ganz bewusst angefangen, die Immobilienmärkte aufzublasen, um diese Krise zuzudecken, ähnlich wie jetzt auch wieder Geld in die Märkte gepumpt wird.

Schon im August 2007 gab es einen Tag, an dem sich die Banken gegenseitig kein Geld mehr geliehen haben, was es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hatte. Dann hat es noch ein ganzes Jahr bis zur Lehman-Pleite gedauert. Wäre die Katastrophe abzuwenden gewesen, Herr Schick?
Schick: In der Phase von 2006 bis zur Lehman-Pleite gab es genug Anzeichen dafür, dass da gerade Außergewöhnliches passiert. Und deswegen ist es schon erschreckend, wie unvorbereitet im September 2008 gerade in Deutschland die Behörden und das Finanzministerium waren. Denn es gab davor ja schon mehrere Bankpleiten in Deutschland. Es gab schon die erwähnte Situation an den Finanzmärkten im August 2007. Anfang 2008 fing die Schweizer Finanzaufsicht an, einen Notfallplan für die UBS zu erstellen. Und dass man dann so unvorbereitet, in den europäischen Regierungen auch so unkoordiniert, in diesen Herbst 2008 geht, das hat schon damit zu tun, dass man in den Jahren 2006 bis 2008 die Zeichen der Zeit überhaupt nicht erkannt und mehr auf Bankvorstände gehört hat, die gesagt haben „Ist schon alles gut“, als wirklich zu schauen, was da schiefläuft.

Herr Hufeld, gerade haben wir gehört, dass Behörden und Politik nicht aufmerksam genug waren. Wie funktioniert eigentlich die Kontrolle einer großen Bank?
Hufeld: Bevor ich das beantworte, möchte ich zwei, drei Sätze sagen zur Einordnung der Krise. Ich stimme dem weitestgehend zu. Man hat damals Warnsignale übersehen. Man hat nicht nur zu sehr auf Bankvorstände gehört, man hat auch zu sehr auf die beschwichtigenden Kommentare der Kollegen in den USA gehört, die bis zur letzten Minute nicht wahrhaben wollten, welches gewaltige Risiko sich aufbaut. Man ist zu blauäugig da ran gegangen. Und wir dürfen nicht vergessen, die allgemeine politische Stimmung zu dem Zeitpunkt ging in Richtung Deregulierung. Man hat sich damals, nach Jahren einer harten Deregulierungsphase, förmlich auf dem Höhepunkt einer Marktliberalisierung befunden. Und das ist eben auf grausame Weise zurückgeschlagen. Das ist eine Lektion, die sollten wir nie vergessen.

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