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Lebensversicherungen Häufig kein gutes Geschäft

Für Lebensversicherungen gibt es einen Zweitmarkt. Dort drohen böse Überraschungen.

26.03.2012 17:12
Bernd Salzmann
Foto: Sascha Jeack

In Deutschland ist ein milliardenschwerer Zweitmarkt für Lebensversicherungspolicen entstanden. Doch Geschäfte mit Lebensversicherungen sind nicht ohne Risiko. Auch, aber nicht nur, weil sich auf dem Markt dubiose Firmen tummeln.

Es ist ein Fall wie aus dem Lehrbuch, den die Zeitschrift Finanztest in ihrer April-Ausgabe schildert: Claudia Schramm verkauft 2008 ihre Lebensversicherungspolice an das Unternehmen Dr. Mayer. Einen Teil des Erlöses erhält sie gleich nach Vertragsschluss, den Rest, mehr als 9000 Euro, soll sie verzinst und in Raten über 14 Jahre lang ausbezahlt bekommen. Doch schon die zweite Rate zahlt Dr. Mayer nicht mehr. Geschäftsführerin Christina Simon hat die Policen beim Versicherer gekündigt und ist mit dem ausbezahlten Geld abgetaucht.

Seitenwechsel: Peter Schulze hat keine Lebensversicherung verkauft, er hat auf Anraten seiner Hausbank mit seiner Frau Vera in zwei Lebensversicherungsfonds investiert. Es handelt sich dabei um Finanzprodukte, die aus 150 bis 250 Policen bestehen, die Leute wie Claudia Schramm verkauft haben. Gemeinsam mit Claudia Schramm haben die Schulzes, dass auch sie Geld am Zweitmarkt für Lebensversicherungen verloren haben.

Jeweils 30 000 Euro steckte das Ehepaar ? er nach eigenen Angaben „konservativer Anleger“, sie „absolute Sicherheitsfanatikerin“ ? in den Lebensversicherungsfonds HSC Optivita UK II und HSC Optivita Deutschland VI. Anwältin Petra Brockmann, die das Ehepaar bei einer Schadenersatzklage wegen Falschberatung gegen die Hausbank vertritt, gibt den Verlust der Schulzes im einen Fall mit rund 48 Prozent an, im anderen mit knapp unter 20 Prozent. „Bei den Fonds mit deutschen und britischen Lebensversicherungen schlägt die Unsicherheit an den Kapitalmärkten durch“, sagt sie der Frankfurter Rundschau.

Aufgekommen ist der Handel mit Lebensversicherungen Anfang der 90er Jahre in den USA, als Aids-Kranke ihre Policen verkauften. Die Käufer zahlten ihnen mehr als ihre Versicherungsgesellschaft, wenn sie die Verträge einfach storniert hätten. Die Käufer zahlten auch die Beiträge weiter und bekamen das Geld, wenn die Kranken starben. Viele sahen darin eine Win-Win-Situation, weil von dem Geschäft in der Regel beide profitierten.

Aktuell nur noch bestehende Fonds verwaltet

Privatanleger wie Schulzes können sich über Fonds am Zweitmarkt für Lebensversicherungen beteiligen. Besser: Sie konnten. Aktuell werden nur noch die bestehenden Fonds verwaltet. Die Verunsicherung bei den Kleinanlegern ist zu groß, um neue Produkte mit Erfolg anbieten zu können. Die Fondsgesellschaften legen ihr Augenmerk derzeit daher lieber auf institutionelle Anleger, Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften, die darin geübt sind, sich auf schwankendem Boden zu bewegen.

In diese Lücke ist aber Policen Direkt gestoßen. Das Unternehmen aus Frankfurt, das führend am Markt ist, kauft Policen auf und bietet Kleinanlegern einzelne Lebensversicherungsverträge als Kapitalanlage an ? „ohne die Kosten und Risiken eines Fonds“, wie es in der Werbung heißt.

Der Markt zog zuletzt wieder an. Policen im Wert von 200 Millionen Euro wechselten 2011 den Besitzer, berichtet der Bundesverband Vermögensanlagen im Zweitmarkt Lebensversicherung (BVZL). Weiteres Wachstum scheint möglich: Nach Angaben des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) existieren mehr als 93 Millionen Lebensversicherungspolicen ? und viele Menschen wollen raus aus den Verträgen. Die jährliche Stornoquote schwankte zuletzt zwischen 3,5 und 3,9 Prozent, in absoluten Zahlen sind das gut drei Millionen Policen.

Der GDV rät naturgemäß davon ab, Verträge zu stornieren oder zu verkaufen. „Denn grundsätzlich gefährdet jede vorzeitige Kündigung die ursprünglich geplante Alterssicherung“, sagt GDV-Sprecher Hasso Suliak der Frankfurter Rundschau.

Aber auch Finanztest warnt vor vorschnellen Entscheidungen. „Nach fünf Jahren sind die Abschlusskosten meist bezahlt, dann ist es oft besser, den Vertrag zu behalten“, heißt es in der neuen Ausgabe des Magazins. Schließlich gingen dem Verkäufer sonst die Anteile am Schlussüberschuss und an den Bewertungsreserven verloren. Unter allen Umständen sollte die Police behalten werden, wenn der Hinterbliebenenschutz sowie eine dort womöglich eingeschlossene Berufsunfähigkeitsversicherung weiterhin gebraucht würden.

Wer trotzdem verkaufen wolle, sollte misstrauisch bei astronomischen Renditeversprechen werden. Es ist ratsam, mehrere Angebote einzuholen und den Kaufpreis mit dem Rückkaufwert der Versicherung zu vergleichen, um nicht einen zu niedrigen Preis zu akzeptieren. Testverkäufer hätten herausgefunden, dass viele Firmen nur dann mehr als den Rückkaufwert anbieten würden, wenn sich der Verkäufer auf eine mehrjährige Ratenzahlung einlässt. Davon aber sei unbedingt abzuraten, wie das Beispiel von Claudia Schramm zeigt: „Ob es die Firma dann noch gibt, ist ungewiss.“

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