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Lebensversicherungen Flüchtige und Verwerter

Die Versicherungsbranche versucht, mit der Methode des „Run-off“ ihre Bestände an Lebensversicherungen loszuwerden. In Deutschland geht es um 89 Millionen Policen.

Munich Re - Hauptversammlung
Die Versicherer von der Munich Re wagen zu große Schritte. Foto: dpa

Es geht um Vertrauen und einen langen Atem“, schreibt Jörg Freiherr Frank von Fürstenwerth über die Lebensversicherung. Jeden Mittwoch nimmt sich der Cheflobbyist des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) auf der Homepage des Verbandes eines Themas an, das „die Versicherungsbranche und ihre Kunden bewegt“. Als eines davon hat er die in der Assekuranz zunehmende Praxis des „Run-off“ identifiziert.

„Run-off“ bezeichnet im Englischen den Abfluss – für Regen-, Brauchwasser oder sonstige zu entsorgende Flüssigkeiten. In der Versicherungsbranche geht es um die Entsorgung von Lebensversicherungsverträgen. Und weil das höchst unschön klingt und besagtes Vertrauen der Kunden nachhaltig beeinträchtigen könnte, spricht der GDV lieber von „Bestandsübertragungen“.

Diese Übertragungen, bei denen Lebensversicherungsbestände übernommen und weiter verwaltet werden, erfreuen sich unter den Versicherern immer größerer Beliebtheit. Angesichts der niedrigen Zinsen und der aus der Vergangenheit rührenden hohen Renditeversprechen an die Versicherten beweisen immer mehr Unternehmen eben nicht den von von Fürstenwerth beschworenen langen Atem, sondern steigen aus dem Lebensversicherungsgeschäft aus und verkaufen die Policen ihrer Kunden an Abwicklungsgesellschaften.

Übertragen werden dabei nicht nur die Versicherungspolicen, sondern auch sämtliches Vermögen, das mit den Prämienzahlungen der Versicherten geschaffen wurde, inklusive der zugehörigen Bewertungsreserven. Neun Lebensversicherer haben das Neugeschäft mit klassischen Kapitallebensversicherungen bereits eingestellt. Sechs Bestände wurden bislang übertragen.

Derzeit gibt es in Deutschland drei Anbieter, die sich auf die Konsolidierung von Lebensversicherungsverträgen spezialisiert haben: die Frankfurter Leben, Viridium und Athene. Zusammen verwalten die Run-off-Plattformen rund 1,7 Millionen Verträge. Dazu kommen etwa 260 000 Verträge der pro bAV Pensionskasse, deren Verkauf die Axa jüngst bekanntgab. Bezogen auf die rund 89 Millionen Lebens- und Rentenversicherungen in Deutschland liegt der Anteil der abgewickelten Verträge nach Branchenangaben bei rund zwei Prozent – Tendenz steigend. Aktuell sucht etwa die Generali Deutschland eine Lösung für rund vier Millionen Altverträge – überwiegend Policen mit teuren langfristigen Zinsgarantien. Eine Entscheidung falle „sehr wahrscheinlich vor dem Sommer“, beschied der Generali- Deutschland-Chef Giovanni Liverani jüngst dem „Handelsblatt“. Doch noch ist nichts in trockenen Tüchern. Der Rückversicherer Munich Re hat dagegen den Verkauf von rund sechs Millionen Policen seiner Tochter Ergo abgeblasen – vor allem wegen des negativen öffentlichen Echos.

Einer der „Resteverwerter“, die Frankfurter-Leben-Gruppe, war in jüngster Vergangenheit besonders aktiv im Run-off-Geschäft. Das Unternehmen hat sich auf Bestandsübertragungen auf dem deutschen Lebensversicherungsmarkt spezialisiert. Nach eigenen Angaben hat es „das Ziel, Versicherungsbestände zu erwerben und diese ordnungsgemäß abzuwickeln“. Neugeschäft soll freilich nicht gezeichnet werden. Bislang übernommen wurden der Lebensversicherungsbestand der deutschen Niederlassung der Basler (128 000 Verträge) und die ARAG Lebensversicherungs AG (322 000 Verträge). Die Übernahmen der Pro bAV Pensionskasse der Axa mit 260 000 Verträgen und die Prudentia Pensionskasse AG mit 50 000 Policen stehen noch unter dem Vorbehalt der Genehmigung durch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin).

Sollte die Bafin dem Kauf der Prudentia zustimmen, erhöht sich das Bestandsvolumen der Frankfurter-Leben-Gruppe auf rund zehn Milliarden Euro Kapitalanlagen und mehr als 700 000 Altersvorsorgeverträge – und das soll noch lange nicht das Ende der Fahnenstange sein. „Das Run-off-Geschäft wird in den kommenden Jahren deutlich wachsen“, versichert Bernd Neumann, Vorstand der Frankfurter-Leben-Gruppe, immer wieder gerne. Man wolle der führende Anbieter der Branche werden.

Stellt sich die Frage, warum Unternehmen wie die Frankfurter Leben sich auf ein Geschäftsfeld konzentrieren, das andere Assekuranzen händeringend loswerden wollen. Antwort: Weil sich damit Geld verdienen lässt. „Bei der Übertragung geht es darum, die schrumpfenden Bestände möglichst kostengünstig zu verwalten“, sagt Peter Schwark, Altersvorsorgeexperte und Mitglied der Geschäftsführung des GDV. Die Konsolidierungsplattformen profitieren vor allem von Größenvorteilen und damit verbundenen Synergien. Denn während bei einem Versicherer, dessen Bestände schrumpfen, die Verwaltungskosten für den Geschäftszweig relativ stabil bleiben und dadurch im Verhältnis zu den Beitragseinnahmen immer weiter steigen, führen spezialisierte Run-off-Plattformen große Bestände zusammen und verringern so ihre Fixkosten.

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