Lade Inhalte...

Lebensmittelwirtschaft Unbezahlbare konventionelle Landwirtschaft

Ökobauer Felix Prinz zu Löwenstein spricht im Interview über Schäden durch Pestizid-Einsatz, Bio-Importe aus China und die Gefahren des Freihandelsabkommens TTIP.

In den letzten Jahren hatten konventionelle Bauern ein höheres Einkommen, vielerorts steigen die Pachtpreise. Biobauern können meist nicht mithalten und verlieren ihre Pachtflächen. Foto: dpa

Der erste Eindruck: ein Herr vom Scheitel bis zur Sohle. Groß gewachsen, schlank geblieben, die Kleidung von zurückhaltender Eleganz, die Umgangsformen tadellos. Felix Prinz zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, so sein vollständiger Name, entspricht perfekt dem Bild des hochwohlgeborenen Adeligen. Der zweite Eindruck: ein ganz normaler Mensch, hochgebildet und eloquent, das schon, aber bodenständig, ohne jeden Dünkel und voller Engagement für den Umbau der Landwirtschaft. Bei der Unterschrift lässt er den Prinzen übrigens weg. Felix Löwenstein – das reicht ihm.

Herr zu Löwenstein, noch vor zehn Jahren waren Bio-Lebensmittel ein Nischenprodukt, heute gibt es sie in jedem Supermarkt. Woher rührt der Boom der Bio-Branche?
Von einem Boom würde ich nicht sprechen, eher von einem stetigen Wachstum, einem anhaltenden Trend. Er ist Ausdruck eines gewachsenen Bewusstseins um die Verantwortung, die man als Verbraucher übernehmen kann. Und sie zeigt ein zunehmendes Misstrauen gegenüber den heute gängigen Methoden in der Landwirtschaft und der Lebensmittelherstellung.

Die konventionelle Lebensmittelwirtschaft erklärt dieses Misstrauen für unberechtigt.
Es ist aber leider angebracht. Das normale System führt in eine völlig falsche Richtung, weil es Kosten verursacht, die sich selbst die reichsten Länder der Welt auf Dauer nicht leisten können – von den armen ganz zu schweigen.

Meinen Sie Agrarsubventionen?
Nein. Ich spreche von Schäden in Milliardenhöhe, die Kunstdünger- und Pestizid-Einsatz in der konventionellen Landwirtschaft verursachen. Der Ladenpreis dieser Lebensmittel ist zwar niedrig, ihr wahrer Preis ist aber enorm.

Haben Sie ein Beispiel?
Das Pariser Landwirtschaftsministerium hat 2011 zusammengerechnet, was die französischen Wasserwerke für die Reinigung des Trinkwassers investieren, um die Grenzwerte für Pestizide und Nitrat einhalten zu können. Alles in allem müssen die Versorgungsunternehmen dafür pro Jahr 1,5 Milliarden Euro ausgeben. Das bezahlen letztlich die Verbraucher über den Wasserpreis, obwohl die Landwirtschaft den Schaden verursacht hat. Aber das ist noch nicht alles. In einer zweiten Hochrechnung hat das Ministerium den Betrag ermittelt, den die Reinigung des gesamten Grundwasserreservoirs in Frankreich jährlich kosten würde.

Und?
50 Milliarden Euro. Das entspricht der Bruttowertschöpfung der französischen Landwirtschaft eines ganzen Jahres. Und selbst diese 50 Milliarden decken nur einen kleinen Teil der Kosten ab. Die Schäden, die zum Beispiel mit der Muschelzucht verursacht werden oder durch den Verlust an Tier- und Pflanzenarten, kommen oben drauf. Außerdem erleidet der Tourismus Einbußen durch die Algenplage, es gibt gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Pestizide in der Luft und in der Nahrung. Und die Landwirtschaft ist zu 30 Prozent Verursacher von Treibhausgasen und damit des Klimawandels. Würden all diese externen Kosten auf die Supermarktpreise umgelegt, könnten sich nur noch sehr reiche Menschen konventionelle Lebensmittel leisten. In Wirklichkeit ist es aber gerade andersherum: Konventionelle Lebensmittel sind billiger als Bio-Produkte, obwohl diese viel geringere externe Kosten verursachen.

Die Bio-Nachfrage wächst seit Jahren schneller als die ökologisch bewirtschaftete Fläche in Deutschland. Warum stellen nicht mehr Landwirte ihre Erzeugung um?
Die Gründe sind vielschichtig. Erst einmal gibt es handfest ökonomische. In den letzten Jahren hatten konventionelle Bauern ein höheres Einkommen. Und vielerorts sind die Pachtpreise ins Astronomische gestiegen – die kann sich dann nur leisten, wer industrielle Tierhaltung in großem Maßstab oder eine Biogasanlage betreibt. Biobauern können meist nicht mithalten und verlieren ihre Pachtflächen.

Aber die Gewinne in der ökologischen Landwirtschaft liegen doch höher als in der konventionellen.
Das war einmal. Seit 2010 ist es umgekehrt. Die Gewinne der Bio-Höfe liegen im Schnitt heute um fünf bis zehn Prozent unter denen der konventionellen. Das Problem mit den hohen Pachtpreisen haben aber auch konventionelle Kollegen – wenn sie nicht zu den hoch subventionierten Biogasproduzenten oder zu den industriellen Tierhaltern gehören.

Es geht also nur ums Geld.
Nicht nur – man muss auch hinter dem stehen, was man tut. Aber jeder Bauer muss seine Familie ernähren und seinen Hof erhalten. Darüber hinaus gibt es aber weitere Hemmnisse für den Umstieg von Konventionell auf Bio.

Zum Beispiel?
Tag für Tag wächst die Zahl der Bauern, die faktisch nicht mehr in der Lage sind, auf Bio umzustellen. Sie haben hunderttausende oder sogar Millionen Euro in Ställe oder Biogasanlagen investiert, so dass sie auf Jahrzehnte hin festgelegt sind. Ich saß neulich auf einem Podium neben einem jungen Kollegen, der hat 45 Hektar Land und Anlagen für 420 000 Masthähnchen gebaut. Der kann nicht umstellen, ohne seine gesamten Investitionen in den Wind zu schreiben. Der ist vollkommen abhängig von dem System, in dem er steckt.

Was meinen Sie mit System?
Er bekommt die Junghühner von derselben Firma, die ihm auch das Futter liefert. Diese Firma stellt zugleich die Fänger, die ihm den Stall leer räumen, sie übernimmt den Transport der Tiere zur Schlachtung, sie entsendet die Putzkolonne in den Stall und dann liefert sie wieder neue Junghühner. Der Bauer ist im Grunde genommen nur noch ein Lohnarbeiter dieser Firma, mit dem einzigen Unterschied, dass er das unternehmerische Risiko trägt. Das ist sicher ein extremer Fall. Aber wer in so etwas steckt, muss erst einmal seiner Bank über 20 Jahre Schuldendienst leisten, ehe er über irgendeine Änderung nachdenken kann. Die einzige Änderung, die dann noch funktioniert ist: mehr vom selben.

Auch das ist aber, mit Verlaub, ein finanzielles Hemmnis.
Ich glaube, es gibt auch starke psychologische Barrieren. Wenn jemand auf Bio umstellt, lässt er immer einen Teil seines sozialen Umfeldes hinter sich. Da schwingt die Botschaft mit: „Ich kehre euch den Rücken“, auch wenn das gar nicht so gemeint ist. Die Kollegen empfinden den Umstieg als unausgesprochenen Vorwurf und zugleich als eine Art Verrat. Davor schrecken viele Landwirte zurück. Das kann man im Gespräch mit Kollegen spüren – leider gibt aber keine wissenschaftliche Untersuchung solcher Zusammenhänge. Eine Rolle spielt auch die oft ungelöste Nachfolgefrage und die Alterung der Gesellschaft. Das Durchschnittsalter der aktiven Landwirte in Deutschland liegt bei 53 Jahren. Zugleich ist bei sechs von zehn Betrieben die Nachfolge nicht gesichert. Ein Bauer, der Jahrzehnte konventionell gewirtschaftet hat, fängt nicht mit Mitte 50 etwas völlig Neues an. Schon gar nicht, wenn kein Nachfolger in Sicht ist.

Klingt ja ziemlich deprimierend.
So ist es nicht gemeint. Es gibt keinen Grund zum Wehklagen. Schließlich gibt es immer noch viele Betriebe, die sich für eine Umstellung eignen. Zuletzt hat es auch wieder einen nennenswerten Zuwachs an Biohöfen gegeben. Allein in Bayern sind im laufenden Jahr unter dem Strich 600 Betriebe dazugekommen, die umstellen werden.

Trotzdem steigen die Bio-Importe weiter. Können Verbraucher denn darauf vertrauen, dass diese Lebensmittel tatsächlich ökologisch erzeugt werden, auch wenn sie aus fernen Ländern stammen?
Grundsätzlich ist das europäische Bio-Siegel an umfangreiche und sehr detaillierte Auflagen geknüpft, die auch für Importe aus Drittländern gelten. Die baden-württembergische Lebensmittelüberwachung vergleicht jedes Jahr Bio-Produkte und herkömmlich erzeugte Lebensmittel. Dabei zeigt sich regelmäßig, dass die Pestizid-Belastung von Bioprodukten um ein Vielfaches geringer ist. Betrügereien würden da sofort auffallen. Allerdings gilt: Je entfernter das Erzeugerland, je verschiedener Produktionsbedingungen und Rechtsgrundlagen, desto größer ist die Unsicherheit.

Bei Bio aus China zum Beispiel?
Ich würde jedem Importeur raten, sich vor Ort die Erzeugung genau anzusehen. Grundsätzlich haben die Importe aus China aber einen guten Effekt, weil unsere Nachfrage nach Bio hilft, die dortige Landwirtschaft umzustellen.

Ist das nicht ein bisschen arg optimistisch?
Nicht unbedingt. Der Naturland-Verband, dem auch unser Betrieb angehört, hat vor 30 Jahren den ersten Vertrag mit einer indischen Plantage für biologischen Darjeeling-Tee abgeschlossen. Das war damals ein sehr exotisches Projekt. Heute liegt der Bio-Anteil im Darjeeling-Anbau bei 60 Prozent. Unterdessen ist in Indien selbst ein starker Bio-Markt gewachsen, vor allem in der Mittelschicht.

Und die Oberschicht?
Die nicht. Der indische Landwirtschaftsminister hat mit bei einem Besuch den Grund erklärt: die Mittelschichtangehörigen kaufen selbst ein, während die Oberschicht von Dienstboten einkaufen lässt. Indien ist jedenfalls ein gutes Beispiel dafür, wie eine ausländische Nachfrage nach Bio auch im Land selbst Veränderungen hervorrufen kann. In Italien war das übrigens ganz ähnlich.

Wird das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA die hiesigen Bio-Standards berühren?
Das ist nach den bisher zugänglichen Informationen nicht ganz klar. Angeblich sollen ja europäische Standards durch das TTIP nicht beeinträchtigt werden. Wenn man weiß, wie wichtig den Amerikanern der Agrarexport ist, bin ich da bereits misstrauisch. Aber selbst wenn es stimmt: entscheidend ist, was das TTIP mit künftiger Standardentwicklung macht.

Wieso?
Angesichts der erwähnten externen Kosten in der Landwirtschaft, müssen dringend höhere Standards eingeführt werden – zum Beispiel im Tierschutz. Die machen aber die Produktion teurer. Wenn man sich auf beiden Seiten des Atlantiks auf dieselben neuen Standards einigt, ist alles gut. Wenn aber nicht, dann müsste das TTIP einen Schutz vor unfairem Wettbewerb für denjenigen geben, der höhere Anforderungen erfüllt und damit teurere Produkte herstellt. Einen solchen Mechanismus sieht das Abkommen aber nicht vor. Die Folge ist dann: Stillstand auf dem Status quo!

Wird die ökologische Landwirtschaft in Europa weiter Marktanteile gewinnen?
Sie muss, wenn wir die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten wollen. Dabei reicht es nicht, den Bio-Anteil an der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland von acht auf zwölf Prozent zu steigern. Es geht um den Umbau der gesamten Landwirtschaft. Wir brauchen 100 Prozent Bio.

Wie soll denn das gehen?
Wir müssen die externen Kosten, die die konventionelle Landwirtschaft verursacht, einbeziehen und so zu realistischen Preisen kommen. Dann werden Bio-Produkte weniger kosten als konventionelle. Klar ist aber auch, dass Fleisch spürbar teurer wird, wenn die es die Tierfabriken nicht mehr gibt.

Das wird vielen nicht schmecken und trifft besonders einkommensschwache Haushalte.
Nein. Halb so viel Fleisch zum doppelten Preis kostet nicht mehr. Ist aber ein Gewinn, wenn die Qualität höher ist. Und ist auch besser für die Gesundheit, weil wir deutlich zu viel davon essen. So wie für unsere Großeltern der Sonntagsbraten einen Höhepunkt der Woche markiert hat, kann es für uns auch sein: Fleisch nicht als Allerweltsessen, sondern als kulinarischer Lichtblick! Wenn der Pro-Kopf-Verzehr von 80 auf 40 Kilo pro Jahr sinkt, geht davon die Welt nicht unter. Im Gegenteil: Sie bleibt uns länger erhalten.

Interview: Stefan Sauer

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier TTIP und Ceta

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum