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Lebensmittelbranche Zucker-Marketing speziell für Kinder

Viel zu viel Zucker steckt noch immer in Lebensmitteln. Die Industrie will damit vor allem Kinder ansprechen. Ein Fall für den Gesetzgeber.

Cakepops
Süße Verführer: selbst gemachte Cake Pops - eine Art Kuchen am Stil. Foto: dpa

Derartige Fragen sind nicht neu, doch es ist immer wieder verblüffend, wie falsch man liegen kann: Wie viel Zucker ist in einem handelsüblichen 250-Gramm-Fruchtjoghurt enthalten? Bei einer aktuellen Umfrage gingen befragte Eltern im Schnitt von vier Zuckerwürfeln aus. Doch unterm Strich lagen damit 92 Prozent der Eltern falsch: Tatsächlich sind elf Würfel in solch einem Joghurtbecher enthalten. Es dürfte auch an dieser Fehleinschätzung liegen, dass die Deutschen viel zu viel Zucker essen, was nicht nur zu Karies führt, sondern auch zu Fettleibigkeit.

Auf dem „1. Deutschen Zuckerreduktionsgipfel“ diskutierten am Mittwoch auf Initiative des AOK-Bundesverbandes Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Industrie die Möglichkeiten, den Zuckerverbrauch deutlich zu senken. 32 Kilogramm Zucker konsumiert ein Mensch in Deutschland im Schnitt jährlich. Dabei empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation für Erwachsene lediglich 18 und für Kinder neun Kilo. Der hohe Konsum schlägt sich im Gesundheitszustand nieder: Fast jeder Fünfte der Elf- bis 17-Jährigen ist übergewichtig oder sogar adipös – also fettleibig.

Welche Rolle dabei die Fehleinschätzung über den Zuckergehalt spielt, zeigt die vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung vorgestellte Studie: Je stärker die Eltern den Zuckergehalt unterschätzen, desto höher ist der Body-Mass-Index (Körpergewicht in Relation zur Größe) der Kinder.

Soziale Medien immer stärker genutzt

Wie die Lebensmittelindustrie speziell die Kinder umgarnt, wies Tobias Effertz von der Universität Hamburg nach. Auf 250 der untersuchten 301 Internetseiten großer Lebensmittelhersteller war Marketing speziell für Kinder zu finden. Effertz konnte auch zeigen, dass die auf Initiative der EU abgegebene Selbstverpflichtung der weltgrößten Lebensmittelhersteller nicht eingehalten wird. Die Unternehmen hatten sich verpflichtet, an Kinder gerichtete Werbung verantwortungsvoll zu gestalten.

Doch nach den Erhebungen des Wissenschaftlers ist bei den Unterzeichnern der Selbstverpflichtung der Umfang des speziellen Kinder-Marketings nicht geringer geworden. Im Gegenteil: Diese Unternehmen richten ihre Werbung sogar häufiger an Kinder. Auch die sozialen Medien werden von Firmen immer stärker genutzt, um die junge Zielgruppe zu erreichen. Zudem wird nach der Zählung von Effertz im Umfeld von Kindersendungen im Fernsehen immer mehr Lebensmittelwerbung gezeigt.

Weitgehend einig sind sich die Wissenschaftler darüber, dass das Potenzial der sogenannten Verhaltensprävention – also Aufklärungskampagnen oder spezieller Schulunterricht – weitgehend ausgereizt ist. Dass zu viel Zucker schädlich ist, weiß heute wohl jeder. Stattdessen wird gefordert, mit gesetzlichen Eingriffen die Hersteller in die Schranken zu weisen. Denn: „Die Industrie verführt uns und macht uns abhängig“, sagte Graham MacGregor, Chef der nationalen Antizuckerkampagne in Großbritannien. Sie war bereits erfolgreich: 2018 wird dort eine Zuckersteuer auf Getränke eingeführt. Enthält ein Softgetränk mehr als acht Gramm Zucker je 100 Milliliter, sind künftig je Liter umgerechnet 27 Cent zusätzlich fällig. Zwischen fünf und acht Gramm müssen 20 Cent bezahlt werden.

Laut MacGregor liegen die meisten verkauften Softdrinks noch über der Grenze von acht Gramm. Einige Hersteller hätten aber bereits angekündigt, den Zuckeranteil unter fünf Gramm zu drücken, um so der Steuer zu entgehen. Bei den meisten Softdrinks werde so eine Senkung des Zuckergehaltes um 50 Prozent erreicht, ist sich MacGregor sicher. Nur Pepsi und Coca-Cola wollten nicht mitziehen und die Steuer in Kauf nehmen.

Für eine Zuckersteuer bei Getränken plädierte auch die Gesundheitswissenschaftlerin Ilona Kickbusch, die in Genf lehrt. Denn deren Zuckergehalt sei besonders hoch. Deshalb sei es sinnvoll, erst einmal bei diesen Produkten mit einer gesetzlichen Regulierung zu beginnen. „Auf freiwilliger Basis passiert fast überhaupt nichts“, so die Expertin.

Die Verbraucherzentralen und die Deutsche Diabetes-Gesellschaft forderten zudem die Einführung eines verständlichen Ampelsystems auf den Lebensmitteln, um den Gehalt von Zucker, Fett und Salz deutlich anzuzeigen. Auch das ist in Großbritannien und einigen anderen Staaten längst Standard.

Scharfe Kritik übte AOK-Chef Martin Litsch am zuständigen Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Der kürzlich von ihm vorgelegte Entwurf für eine nationale Strategie zur Senkung von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten bleibe hinter allen Erwartungen zurück, beklagte Litsch. Die vorgesehene freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie seien eine Farce: „Offenbar ist der Ernährungsminister wieder einmal vor der Lobby der Lebensmittelindustrie eingeknickt.“ Nötig seien verbindliche Reduktionsziele. „Deutschland darf sich nicht weiter von der Industrie an der Nase herumführen lassen“, so Litsch. Was in anderen Ländern gehe, müsse auch hierzulande möglich sein.

MacGregor sprach sich allerdings für behutsame Schritte bei der Zuckerreduzierung aus. Schließlich müsse die vom Zucker abhängig gemachte Bevölkerung langsam entwöhnt werden, ohne dass es dabei zu Entzugserscheinungen kommt.

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