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Landwirtschaft Soja-Boom in Argentinien

Mit neun Tagen Arbeit im Halbjahr lässt sich in Argentinien ein Vermögen verdienen - vorausgesetzt, man ist Landbesitzer. Denn in dem lateinamerikanischen Staat boomt großflächiger Soja-Anbau - und treibt Kleinbauern in den Ruin.

Der Soja-Anbau in Argentinien boomt. Großer Arbeitsaufwand entstehe dabei nicht, sagt ein Bauer: "drei Tage für die Aussaat, sechs Monate später drei Tage für die Ernte, und dazwischen dreimal Sprühen". Foto: rtr

Bauern, die früher kaum über die Runden kamen, verpachten heute ihr Land und gehen Golf spielen – Argentiniens Soja-Boom macht’s möglich. Das Leben auf dem Land verändert sich radikal, dem Wandel fallen Gehöfte und Dörfer, Viehherden und Wälder zum Opfer, und natürlich auch Jobs.

"Den Hof erhalte ich aus Liebhaberei", sagt Juan Carlos Martino, während er seinen dicken Geländewagen neben der Scheune abstellt. "Und die paar Tiere habe ich bloß, damit ich hier noch etwas Lebendiges sehe".

Es ist ein schlichtes Gehöft: Zwei dürftige Häuser, fast leere Zimmer, in der Küche ein Kalender von 2007 mit einer nackten Frau drauf. Draußen picken ein paar Hühner herum, der Hund umtänzelt erfreut den Herren. Martino schließt die Schuppen auf: In einem steht ein alter Traktor, im anderen sind zwölf Tonnen Saatgut und jede Menge Unkrautvertilger gestapelt.

Martinos Urgroßvater hat den Hof gegründet, sein Großvater hat ihn geerbt, sein Vater hat hier noch Milchvieh gehalten. Aber das ist schon 45 Jahre her. Nur ein Hausmeister wohnt jetzt noch in dieser Einsamkeit, in der schon Vogelgezwitscher aufhorchen lässt.

Felder, Felder, Felder – in welche Himmelsrichtung man schaut, der Blick geht immer in die Weiten der Pampa-Ebene. "Von hier an", sagt Martino und weist die ungeteerte Straße entlang, die am Horizont verschwindet, "wohnt sieben oder acht Kilometer niemand mehr. Da stehen nur noch leere Häuser".

Zugenagelte Fenster, verfallene Scheunen, stillstehende Windräder – eine Atmosphäre des Verfalls? Im Gegenteil. Die fruchtbare Pampa ist der Schauplatz eines spektakulären Wirtschaftswunders. Fast 23 Milliarden Dollar hat Argentinien 2010 durch Getreide-Export eingenommen, und das meiste davon geht auf die botanische Unscheinbarkeit zurück, die rings um Martinos Hof von der einen Seite des Horizonts bis zur anderen auf dem Feld wächst und die Region prägt: Soja.

Gerade mal kniehoch stehen die dürren Hälmchen auf den endlosen Feldern, auf denen sich die riesigen, mit modernster Elektronik vollgestopften Erntemaschinen wie Pünktchen in der Ferne verlieren. An jedem Halm hängen Dutzende von Schoten, die jeweils zwei oder drei Bohnen umschließen – und von denen hat Argentinien letztes Jahr 54 Millionen Tonnen geerntet.

Exportiert wurde für 16,5 Milliarden Dollar, und die gute Nachricht für 2011 lautet: Die Ernte wird zwar leicht schrumpfen, aber dafür lag Mitte April der Preis pro Tonne bei 517 Dollar – 163 Dollar höher als genau ein Jahr vorher.

Martino hat Veterinärmedizin studiert. In den Neunzigern, als der Wert des Peso auf Dollar-Parität gehalten wurde, lag der ländliche Raum danieder, die Produktion lohnte sich nicht: "Jedes Medikament, das ich hätte verschreiben können, wäre teurer gewesen als das Tier, das es kurieren sollte". Nach dem Crash 2001 und der Abwertung prosperierte die Landwirtschaft sofort wieder, Martino reiste als Vertreter für Tierarznei durch ganz Argentinien. "Aber als der Soja-Preis stieg, habe ich die Lust daran verloren", sagt er. Die 150 Hektar, die er geerbt hat, erlauben ihm ein ruhiges, sorgenfreies Leben.

"Drei Tage für die Aussaat, sechs Monate später drei Tage für die Ernte, und dazwischen dreimal Sprühen" – das ist der Aufwand für 150 Hektar. Die neun Tage Arbeit pro Halbjahr auf seinem wertvollen Land – und selbst dafür engagiert er eine Fremdfirma – machen ihn wohlhabend. "Das Rentabelste und Ruhigste wäre Verpachten", sagt er, holt einen Taschenrechner hervor und errechnet 4000 Euro im Monat, und zwar – denn die Pacht wird in Soja gerechnet – zum Preis von 2010. "Das ist viel Geld fürs Nichtstun", sagt er als wär ihm das Ganze selber unheimlich.

Die Getreidebörse von Rosario wurde 1884 gegründet, ihr pompöser Sitz kündet vom alten Reichtum Argentiniens. Rogelio Pontón, einer ihrer Volkswirte, beschreibt die Grundlagen des neuen Reichtums: Auf fast zwei Dritteln der 32 Millionen Hektar Anbaufläche wächst heute Soja – "fast nur genveränderte Sorten und fast nur für den Export", wobei Biodiesel aus Soja das Business der Zukunft und Deutschland der größte Kunde ist.

Der Río Paraná ist der Zugang zum Weltmarkt. In den neoliberalen Neunzigern hat die Regierung alles privatisiert, was nicht niet- und nagelfest war, sogar den Fluss: Nördlich von Rosario haben die Getreide-Multis ihre privaten Häfen, die Fahrtrinne verwaltet nicht der Staat, sondern eine Vertragsfirma. Das, sagt Pontón, klappt prima – wenn nur die verstopften Straßen nicht wären: Durchschnittlich 6279 Lastwagen steuerten Anfang April täglich die Hafenzone an.

In der Gemeinde Sastre, wo Martino wohnt, kostet der Hektar 17 000 Dollar, fast sechsmal so viel wie vor zehn Jahren. Auch Pontón räumt ein, dass der Boom den Bodenpreis absurd getrieben und die Konzentration des Landbesitzes gefördert habe: "Es gibt an die 80000 Soja-Farmer in Argentinien, aber 2000 große Produzenten bringen 50 Prozent der Ernte ein".

Große Finanzkonglomerate, die Land von kleinen und mittleren Besitzern pachten und Soja pflanzen, werden immer wichtiger; einer der größten Soja-Pools umfasst eine Viertelmillion Hektar. Und dank dieses neuen Modells gehen immer mehr kleinere und mittlere Besitzer zum Golfspielen und zu anderen Formen des Müßiggangs über.

Die Begehrlichkeit des Staates, beim Boom mitzukassieren, hat die Sojagebiete 2008 an den Rand der Revolte getrieben. Die Regierung sagt, sie verteile um – sie habe Armut, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit nur drosseln können, weil sie die umstrittenen "retenciones" kassiere, also Steuern von 35 Prozent auf Soja-Exporte. Die großen Produzenten zetern bis heute dagegen, aber viele der Kleinbauern sehen das ganz anders. Adrián Venegas zum Beispiel. "Wenn die Retenciones wegfielen, würde hier alles zusammenbrechen", sagt er, "dann würde uns die Soja einfach auffressen".

Adrián hat 120 Milchkühe. Die meisten hat er vor gut zwei Jahren gekauft, "als hier alle auf Soja umgestellt haben"; heute sind sie fünfmal mehr wert als damals. Der ehemalige Bankkaufmann mag die Tiere und die Arbeit, er kommt gut über die Runden, weil der Milchpreis hoch ist. Aber die 210 Hektar, die er für die Weide und den Anbau der Futter-Soja braucht, muss er pachten. Die Pacht richtet sich nach dem Soja-Preis, und der läge, würde der Staat nicht abkassieren, so hoch, dass Adriáns Rechnung nicht mehr aufginge.

Ob Soja das Vieh verdrängt, wie die Kritiker sagen, oder der Staat die Viehwirtschaft gängelt, wie Pontón klagt – jedenfalls ist in Argentinien, der Heimat des 750-Gramm-Steaks, seit 2005 die Zahl der Rindviecher von 60 auf 50 Millionen gesunken.

Wegen der hohen Bodenpreise wird immer mehr Vieh im Stall gemästet, was Argentiniens verwöhnte Konsumenten zu der Klage verleitet, Rind schmecke neuerdings wie Schweinefleisch. Und die Ökologen klagen, dass der Boom am Rand des klassischen Getreide-Region die Wälder zerstöre, weil immer mehr Soja-Land unter den Pflug genommen wird.

Soja sei "Landwirtschaft ohne Landwirte", sagt der Agrarökonom Charles Benbrook von der Universität Harvard. Soja sei kein Job-Killer, sondern schaffe in den Fabriken und beim Transport sogar neue Arbeit, hält Pontón dagegen.

Martino hat seine eigenen Erfahrungen gemacht. Als er früher organische Soja anbaute, habe er 40 Leute gebraucht, und zwar dauerhaft, erzählt er. Dass sie wenig Arbeit mache, sei ja gerade der Vorteil der genveränderten Sorten. Deshalb liege es doch auf der Hand, dass sich der ländliche Raum entvölkert.

Und dabei werden die, die Land besitzen, immer reicher. In den Kleinstädten der Soja-Region gibt es nicht nur die üblichen Verkaufspaläste für bunte Landmaschinen, sondern Sportflieger-Clubs, Golfplätze, teure Restaurants, Stundenhotels, Psychiatrie-Praxen und Villenviertel. In einer dieser Pampa-Nester ragt ein achtstöckiges Gebäude mit Luxusapartment in den Himmel. "Ich kenne den Besitzer", sagte Martino, "der fährt Ferrari, der weiß nicht wohin mit dem Geld".

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