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Landwirtschaft Landwirte zerstören sich selbst

Umweltexperten schlagen Alarm: Der Agrarsektor zerstört seine eigenen Produktionsgrundlagen. Unter anderem ist die Belastung des Grundwassers mit Nitraten hoch.

Auf einem Feld zwischen Zeilhard und Ober-Ramstadt wird Wintergerste geerntet. Foto: Karl-Heinz Bärtl

Die Gabe der Weissagung wurde für Kassandra zum Fluch. Niemand schenkte ihr Glaube, bis ihre unheilvollen Warnungen schließlich eintraten. Eine ähnliche Erfahrung hat Wolfgang Haber hinter sich. 1985 legte der Landschaftsökologe als Vorsitzender des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU) ein erstes Gutachten zu den gravierenden Auswirkungen der modernen Landwirtschaft auf Artenvielfalt und Ökosysteme, auf die Qualität der Böden und des Grundwassers, auf Belastungen für Lebensmittel, Seen und Flüsse vor. Kernbotschaft: Ohne tiefgreifende Veränderungen zerstöre der Agrarsektor – auch seinen eigenen – Lebensgrundlagen.

Nun, 30 Jahre später, kommen Haber, SRU und Umweltbundesamt (UBA) in einer Studie zu dem Ergebnis, dass die Kassandrarufe von einst weitgehend ungehört verhallt sind. Dem Gutachten zufolge hat es nur in wenigen Punkten, etwa der Pestizidbelastung in Lebensmitteln und Gewässern, messbare Verbesserungen gegeben. In ökologisch zentralen Bereichen wurde die Lage dagegen schlechter.

Artenvielfalt bedroht

„Anlass zum Feiern gibt es nicht, eine Erfolgsbilanz kann man das wirklich nicht nennen“, bedauert UBA-Präsidentin Maria Krautzberger. Die Artenvielfalt geht laut UBA bis heute weiter zurück. Beispiel Feldvögel: Mehr als 40 Prozent der Arten, die 1980 auf Deutschlands Äckern anzutreffen waren, seien verschwunden. Auch die absolute Zahl der Tiere habe sich annähernd halbiert. Ähnliches gilt, so das UBA, für Insekten, Wildkräuter, wirbellose Bodenbewohner und Mikroorganismen.

„Nicht viel besser stehe es um die Belastung des Grundwassers durch Nitrat, betont Alois Heißenhuber, emeritierter Agrarökonom der TU München. Ungeachtet regionaler Fortschritte habe die Gesamtbelastung zugenommen. Insbesondere in Bundesländern mit hohem Nutztierbestand hätten die Nitrateinträge ein nicht mehr tragfähiges Ausmaß erreicht. Denn die Massentierhaltungsbetriebe produzierten nitrathaltige Gülle in Mengen, die die Aufnahmekapazität ortsnaher Anbauflächen bei Weitem übersteigen. Das Material werde betriebsnah in viel zu hohen Mengen ausgebracht und verunreinige das Grundwasser weit über die Grenzwerte hinaus.

Auf der Bremse

„Wir brauchen Vorgaben, die die Betriebe zu einer ökologisch vertretbaren Verwendung des Gülle zwingen und wir brauchen wirksame Kontrollen der Vorschriften“, fordert Heißenhuber.

SRU-Generalsekretär Christian Hey kritisierte: „Deutschland steht immer auf der Bremse, wenn es darum geht, die EU-Agrarpolitik stärker an den Interessen von Umwelt und Verbrauchern auszurichten.“ Noch immer zahle die EU jährlich 50 Milliarden Euro ohne Gegenleistungen in Form nachhaltigen Wirtschaftens an die Landwirte. Mit dem Gießkannenprinzip, nach dem die EU 300 Euro pro Hektar und Jahr an die Betriebe ausschütte, müsse Schluss sein. Hey: „Öffentliche Mittel dürfen nur noch für öffentliche Güter ausgegeben werden, nicht länger als voraussetzungslose Einkommenszuschüsse für die Landwirte.“

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