Lade Inhalte...

Landwirtschaft Glyphosat verbieten - aber nicht sofort

Glyphosat sollte verboten werden, aber nicht sofort. Denn sonst weichen Bauern auf noch schädlichere Gifte aus. Unsere Analyse.

Glyphosat
Das umstrittene Pflanzenschutzmittel Glyphosat steht im Verdacht, Krebs zu erregen. Die Frage, ob das Pestizid über den 15. Dezember hinaus in der EU zugelassen bleiben soll, ist immer noch nicht geklärt. Foto: dpa

Die Frage, ob das Pestizid Glyphosat in der EU zugelassen bleiben soll, ist am Donnerstag zum wiederholten Male unbeantwortet geblieben. Im zuständigen EU-Ausschuss erhielt der Vorschlag der EU-Kommission, die Zulassung um fünf Jahre zu verlängern, am Donnerstag nicht die notwendige Zustimmung. 16 Mitgliedsstaaten, die mindestens 65 Prozent der EU-Gesamtbevölkerung repräsentieren, hätten der Kommissionsvorlage ihren Segen geben müssen.

Tatsächlich stimmten nur 14 dafür, neun, darunter Frankreich dagegen. Deutschland und vier weitere Länder enthielten sich. Nun soll ein Berufungsausschuss einen letzten Versuch unternehmen, eine Einigung zu erzielen. Andernfalls könnte die EU-Kommission im Alleingang entscheiden. Viel Zeit bleibt dafür nicht mehr: Ohne einen formellen Beschluss läuft die Zulassung für das weltweit meistangewandte Pflanzengift am 15. Dezember aus. Im neuen Jahr dürfte Glyphosat dann in der EU nicht mehr verkauft werden.

Das Abstimmungsverhalten der noch amtierenden Bundesregierung reflektiert die grundlegenden Differenzen in der Bewertung des Mittels, von dem in Deutschland jährlich rund 5000 Tonnen auf Feldern und Äckern, aber auch in Parks und Privatgärten ausgebracht werden. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hält das Mittel für gesundheitlich unbedenklich und plädiert für eine Anschluss-Zulassung, Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) stellte sich gegen die vorgeschlagene Verlängerung. Heraus kam besagte Enthaltung.

Ein Verbot ist angebracht, aber nicht von heute auf morgen

Umstritten ist das Pestizid aus mehreren Gründen. Zum einen hatte die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation im Frühjahr 2015 Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend eingestuft und dies mit vielen wissenschaftlichen Befunden untermauert. Weitere Studien legen nahe, dass Glyphosat negative Effekte auf Erbgut und Zellteilung haben kann sowie die Funktion und Bildung von Sexualhormonen beeinträchtigt.

Demgegenüber war die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA zu dem Urteil gelangt, von Glyphosat gingen bei sachgemäßer Anwendung keine Gesundheitsgefahren aus. Allerdings enthält die EFSA-Stellungnahme ganze Passagen, die wortgleich in einer Untersuchung des Glyphosat-Marktführers Monsanto („Roundup“) zu lesen sind.

Neben möglichen Gesundheitsrisiken steht Glyphosat wegen seiner fatalen Wirkung auf die Artenvielfalt in der Kritik. Das Mittel tötet alle Grünpflanzen ab und wird daher vor der Aussaat und nach der Ernte ausgebracht, nicht während der Wachstumsphase der Feldfrüchte. Im Ergebnis werden solche landwirtschaftliche Flächen zu biologischen Wüsten. Mit Wildblumen und Feldkräutern verschwinden Insekten, Vögel, Säuger und Reptilien, in großem Umfang: Laut dem Julius-Kühn-Institut wird Glyphosat auf 40 Prozent der deutschen Ackerflächen ausgebracht.

Ein Verbot wäre vor diesem Hintergrund fraglos angebracht, aber nicht von heute auf morgen. Die konventionelle Landwirtschaft ist auf wirksame Herbizide angewiesen und würde gegebenenfalls auf Gifte zurückgreifen, die noch schädlicher sind als Glyphosat. Eine Übergangszeit ist notwendig. Die EU-Kommission sollte daher der Entscheidung des EU-Parlaments folgen: Die Zulassung läuft unwiderruflich 2022 aus.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen