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Landwirtschaft Der große Fleischhunger

Europa produziert nicht genügend Futtermittel, um den Bedarf zu befriedigen und muss deshalb auf Übersee-Anbau zurückgreifen. Jedoch schadet dies der Umwelt mehr als es der Wirtschaft nutzt.

Der Amazonas Regenwald in Brasilien muss dem Soja-Anbau Platz machen. Foto: dpa

Die europäische Fleischproduktion wird immer abhängiger von in Übersee erzeugten Futtermitteln. Allein in den vergangenen zehn Jahren ist der Anbau heimischer Eiweißpflanzen wie Erbsen und Ackerbohnen um weitere 30 Prozent gesunken, zeigt eine Studie der Grünen im Europäischen Parlament auf. Inzwischen importiert Europa nach Angaben der Studie 80 Prozent der hier zu Lande benötigten Eiweißfuttermittel. Auch der Import von Mais für den Futtertrog wächst.

In Europa werden nur noch drei, in Deutschland gar nur ein Prozent der Ackerfläche mit Erbsen und Bohnen bepflanzt. Die Folge: Um genügend Eiweiß für Hühner-, Schweine- und zunehmend auch Rinderfutter zu bekommen, werden außerhalb Europas auf rund 20 Millionen Hektar Eiweißlieferanten wie Sojabohnen angebaut. Im Vergleich: Die deutsche Ackerfläche beträgt keine zwölf Millionen Hektar. Hatte die EU Anfang der neunziger Jahre noch einen Anteil von mehr als 35 Prozent an der weltweiten Erbsenerzeugung, sank der Anteil inzwischen auf unter 15 Prozent.

Übersee-Soja vernichtet Regenwald

Hinter diesem Trend steckt, kritisiert der Grünen-Europaabgeordnete Martin Häusling, „Landgrabbing mit Messer und Gabel“. Doch die „Fernfütterung“ mit konkurrenzlos billigem Übersee-Soja hat Folgen: In Südamerika vernichtet der Sojaanbau weiterhin Regenwald und Grünland etwa in der argentinischen Pampa, und in Deutschland muss, da die Hülsenfrüchte als Stickstoff sammelnde Pflanzen weitgehend ausfallen, mehr Mineraldünger als eigentlich nötig verstreut werden.

Das hat, weil weniger verschiedene Früchte angebaut werden und die so genannte Fruchtfolge kleiner ausfällt, Folgen für die Artenvielfalt auf dem Acker, aber auch deutliche Konsequenzen für das Klima: Denn ein Ackerbau allein auf Basis von Mineraldünger ist dreimal so klimaschädlich wie eine Landwirtschaft, die in den Wechsel der Früchte auch Stickstoff sammelnde Leguminosen einbaut, bilanziert die Studie. Mineralischer Stickstoff besitzt nämlich wegen seiner äußerst energieaufwändigen Herstellung und der Freisetzung von Lachgas ein besonders hohes Treibhauspotenzial.

Umweltschäden größer als Gewinn

Die Mineraldüngung ist aber auch Quelle der anhaltenden Gewässerverschmutzung und die Hauptquelle für überhöhte Nitratwerte im Grundwasser, wie der deutsche Sachverständigenrat für Umweltfragen kürzlich feststellte. Die Grünen verweisen zudem auf eine Arbeit einer internationalen Gruppe von Experten um den Wissenschaftler Mark A. Sutton vom britischen Centre for Ecology and Hydrology, die die Kosten der durch Stickstoffüberdüngung in Europa angerichteten Umweltschäden auf 20 bis 150 Milliarden Euro schätzte. Den landwirtschaftlichen Mehrwert durch den Stickstoffeinsatz berechnete die Gruppe hingegen mit nur zehn bis 100 Milliarden Euro. Der volkswirtschaftliche Schaden übersteige also den betriebswirtschaftlichen Nutzen, resümiert Häusling. Demgegenüber habe die französische Regierung errechnet, dass eine Rückkehr zur Stickstoffdüngung über Hülsenfrüchte helfe, pro Jahr mehr als 200 000 Tonnen Dünger und bis zu 100 Millionen Euro zu sparen. Nicht nur Häusling verlangt deshalb von der europäischen Agrarpolitik, Landwirten Anreize für die Rückkehr zum Erbsen- und Bohnenanbau zu geben. Auch das Europäische Parlament und einige große deutsche Umweltverbände wollen, dass im Zuge der anstehenden Agrarreform der Anbau von Eiweißpflanzen Voraussetzung wird, um die Flächenprämien der EU zu kassieren. Die Umweltschutzorganisationen Bund Naturschutz (BUND) und die Nabu fordern, dass Ackerbauern ein Viertel der Felder mit Erbsen oder Bohnen einsäen müssen.

Das könnte Folgen haben für die Fleischerzeugung in Europa: „Den letzten Cent bei der Schweinemast auszureizen, wird dann schwieriger“, die Tierhaltung aber möglicherweise weniger intensiv – und tierschonender, hofft Häusling.

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