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Landgrabbing Landraub in den ärmsten Ländern Afrikas

Ausgerechnet sieben der ärmsten afrikanischen Staaten sind am stärksten vom Ausverkauf ihres Landes betroffen. Das dokumentiert der Bericht Land Matrix, den fünf renommierte Institute vorgelegt haben.

Mutter mit Kind im Sudan: Nicht einmal ein Prozent der Erträge werden auf den lokalen Märkten verkauft. Foto: AFP

Die Datenbank erfasst erstmals systematisch mehr als 1200 Landtransaktionen ab einer Größe von 200 Hektar. Laut der Matrix, an deren Erstellung neben der International Land Coalition (ILC) unter anderem auch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und das German Institute for Global and Area Studies (Giga) aus Hamburg beteiligt waren, haben sich seit dem Jahr 2000 internationale Investoren mindestens 83 Millionen Hektar angeeignet.

Die Dunkelziffer dürfte allerdings weitaus höher liegen. Denn die Land Matrix führt im Gegensatz zu anderen Erhebungen nur streng verifizierte Landübernahmen auf, benennt die Investoren, ihre Herkunftsländer und beschreibt die Nutzung der aufgekauften oder gepachteten Flächen sowie die Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung.

Ernte-Export trotz Hungerproblemen

Die Entwicklungsorganisation Oxfam hingegen geht zum Beispiel davon aus, dass von 2001 bis September 2011 weltweit 227 Millionen Hektar von ausländischen Investoren gekauft oder gepachtet wurden.

Besonders viele Deals dokumentiert das Forschungsprojekt Land Matrix für Äthiopien, Sudan, Mosambik, Tansania, Madagaskar, Sambia und die Demokratische Republik Kongo. „Genau das sind Länder mit ernsten Hungerproblemen“, kommentiert Frank Braßel von Oxfam Deutschland die Ergebnisse der Erhebung.

„Viele der Landübernahmen betreffen Flächen, auf denen Nahrungsmittel für die örtliche Bevölkerung angebaut wurden.“ Die Erträge der Flächen, so Braßel, „werden nicht einmal zu einem Prozent auf den lokalen Märkten verkauft.“ Überwiegend seien die Ernten für den Export bestimmt.

Nach den Recherchen der Land Matrix zielen Landübernahmen oft auf Flächen, die bereits von Kleinbauern beackert werden. „Ihre traditionellen Rechte werden oftmals missachtet“, sagt Antti Seelaff, Berater für Bodenpolitik und Landmanagement bei der GIZ. Als Landnutzer würden die lokalen Farmer in die Investitionsmodelle meist nicht eingebunden.

Und Leistungen der internationalen Investoren wie der Transfer von Know-how, die Schaffung von Jobs oder Infrastruktur würden in den Verträgen meist nicht festgeschrieben und seien damit auch nicht durchsetzbar. „Es ist kaum ein Projekt bekannt, bei dem Hoffnungen und Erwartungen der lokalen Bevölkerung erfüllt wurden“, sagt Seelaff.

Seite 2: Landgrabbing kommt in Europa an

Oxfam und andere Entwicklungsorganisationen sprechen deshalb auch von Landgrabbing (Landraub). In Afrika sind mittlerweile fast fünf Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche in den Händen fremder Konzerne oder ausländischer Staatsfonds. Die meisten Aufkäufer kommen aus China, Saudi-Arabien, Indien, Europa und den USA, die auf den Flächen entweder Nahrungsmittel für die eigene Bevölkerung anbauen oder Pflanzen für Agrotreibstoffe kultivieren.

Problematisch ist oft auch die Bewässerung der bis zu 50.000 Hektar großen Riesenplantagen. Der Wasserverbrauch der betroffenen afrikanischen Staaten ist laut Land Matrix extrem gestiegen. „Land und Wasser aber sind zentral für die Ernährung der Menschen“, sagt Oxfam-Experte Braßel. „Es ist unfair, die Bedürfnisse reicher und aufstrebender Staaten und internationaler Unternehmen auf dem Rücken der in Armut lebenden Menschen auszutragen.“

Während die Land Matrix ihre Aufmerksamkeit vor allem auf Afrika, Asien und Lateinamerika richtet, blüht der Handel mit fruchtbarem Land auch in der näheren europäischen Nachbarschaft. Auch Osteuropa ist Ziel riesiger Agrarinvestitionen. Darauf machte jüngst bereits eine Studie aufmerksam, die der Fachjournalist Stephan Börnecke und die Agrarwissenschaftlerin Andrea Beste für den EU-Abgeordneten der Grünen Martin Häusling erstellten.

„Landgrabbing ist längst in Europa angekommen“, stellen die beiden Autoren in ihrer Dokumentation „Die Ernte der Heuschrecken“ fest und nennen Rumänien, Russland, die Ukraine und Kasachstan als Zielländer von börsennotierten Gesellschaften und Fonds.

Freiwillige Leitlinien gefordert

Im Hintergrund, so Börnecke und Beste, stehe die Annahme der UN-Ernährungsorganisation FAO, dass diese osteuropäischen Staaten neben Argentinien die einzigen sind, die ein „signifikantes unerschlossenes Land-Potenzial haben“, um einen maßgeblichen Anteil am künftigen globalen Nahrungsmittelbedarf zu decken.

Große Hoffnungen setzen Entwicklungsorganisationen auf freiwillige Leitlinien zur Landnutzung, auf die sich Regierungen und zivilgesellschaftliche Organisationen jüngst nach einem einjährigen Beratungsprozess innerhalb der Welternährungsorganisation (FAO) einigten. In einer Sondersitzung des Welternährungsausschusses am 18. Mai sollen rund 191 Mitgliedstaaten der FAO die Leitlinien formell verabschieden.

Das Dokument betont zwar die Bedeutung von Investitionen für die Entwicklung armer Staaten, definiert dafür aber Bedingungen. So sollen Deals nicht unter Ausschluss der Betroffenen zwischen lokalen Clanchefs oder Behörden und Investoren abgewickelt werden. Die Leitlinien fordern Öffentlichkeit, Transparenz und die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards.

Mehr noch: Die Bevölkerung soll Nutzen aus der Investition ziehen können – beispielsweise in Form von Jobs. Vor allem aber dürfen die Projekte nicht die Ernährungssicherung beeinträchtigen.

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