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Läden auf dem Land Kein Geschäft mehr weit und breit

In vielen ländlichen Regionen gibt es kaum noch Läden zur Grundversorgung. Bereits heute ist der Zugang zu wohnortnaher Lebensmittelversorgung vielerorts nicht mehr gegeben. Senioren leiden unter diesem Versorgungsengpass besonders stark.

Symbolfoto: Wirtschaft - Konkurse
Wer in einem Dorf lebt, muss immer häufiger lange Wege in Kauf nehmen – nicht nur zum nächsten Möbelhaus, sondern auch zum Supermarkt oder Bäcker. Foto: dpa

Erst gehen die jungen Einwohner fort in die Stadt, wo es Arbeit gibt und Unterhaltung. Dann schließen Kitas und Schulen, weil der Nachwuchs ausbleibt. Bald lohnt auch für die Sparkasse der Filialbetrieb nicht mehr, dann macht das Postamt dicht. Den Briefmarkenverkauf übernimmt einstweilen der Schreibwarenhändler. Bis auch der sein Geschäft aufgibt, so wie die kleine Drogerie, der Lebensmittelladen um die Ecke und der Bäcker. Übrig bleiben die älteren Bürger, abgeschnitten von der Welt oder jedenfalls von dem, was Raumordnungsplaner als „wohnortnahe Grundversorgung“ bezeichnen.

Die Kombination aus Landflucht und Bevölkerungsalterung führt in manchen Regionen der Republik bereits heute zu gravierenden Versorgungsproblemen. Besonders in kleinen Gemeinden mit weniger als 1500 Einwohnern fehlt es an fußläufig erreichbaren Lebensmittelgeschäften. Zugleich steigt dort der Anteil hochbetagter Menschen, die auf nahe Einkaufsmöglichkeiten angewiesen sind, überdurchschnittlich stark an. Das zeigt eine Studie der Raumentwicklungsinitiative „Nahversorgt“.

Wenn die Politik nicht gegensteuere, werde der Trend zur „demografischen Verstädterung“ in den kommenden 15 Jahren an Tempo gewinnen, heißt es in der Untersuchung, die von der Bundestagsfraktion der Grünen in Auftrag gegeben wurde und der Frankfurter Rundschau vorliegt.

Demnach schließen rein statistisch gesehen jeden Tag 1,5 Lebensmittelgeschäfte mit Verkaufsflächen von weniger als 400 Quadratmetern, wie sie für kleine Gemeinden typisch sind. Hinzu kommen je eine Bäckerfiliale und eine Metzgerei, die pro Tag aufgeben. Die Zahl der kleinen Lebensmittelläden ist zwischen 2007 und 2013 um fast 34 Prozent gesunken, von 8900 auf unter 5000, die der Bäcker- und Fleischerfachbetriebe von rund 32 000 auf 27 000.

Was diese Entwicklung für die Menschen bedeutet, zeigt die Studie anhand der vier Landkreise Dithmarschen (Schleswig-Holstein), Donnersberg (Rheinland-Pfalz), Uelzen (Niedersachsen) und Unstrut-Hainich (Thüringen). Gemeinsam ist den Regionen eine stark alternde Bevölkerung. Der Altersdurchschnitt, der in den Gemeinden aktuell zwischen 44 und 46 Jahren liegt, wird bis 2030 auf 50 Jahre steigen, die Zahl der über 80-Jährigen wird sich verdoppeln. Zugleich schrumpft die Bevölkerung in den Landkreisen um fünf bis zehn Prozent, während für das Bundesgebiet „nur“ ein Minus von vier Prozent prognostiziert wird.

Bereits heute ist der Zugang zu wohnortnaher Lebensmittelversorgung in weiten Teilen der vier Landkreise nicht mehr gegeben. Nur noch in 30 von insgesamt 211 Einzelgemeinden mit weniger als 1500 Einwohnern ist ein Lebensmittelgeschäft mit Vollsortiment vorhanden, in 50 weiteren Kleinsiedlungen gibt es eine Teilversorgung durch mobile Verkaufsstellen, Bäckereien oder den Direktvertrieb vom Bauernhof.

131 der Dörfer sind hingegen vollständig vom Einzelhandel abgekoppelt. Den dort lebenden Menschen ist Einkaufen nur noch mit dem Auto möglich. Insbesondere für Hochbetagte ergibt sich daraus ein kaum zu überwindendes Problem. „Ältere Menschen auf dem Land bleiben als Erstes auf der Strecke, weil sie nicht mehr selber einkaufen können. Geht die Entwicklung ungebremst weiter, können wir auch in kleineren Städten bald nicht mehr ohne lange Autofahrten Brot oder Wurst einkaufen“, warnt Markus Tressel, Sprecher für ländliche Räume in der Bundestagsfraktion der Grünen. Es bestehe mithin „dringender Handlungsbedarf, damit frisches Essen nicht zum Luxus wird“.

Doch was tun? Die Studienautoren Malte Obal und Rüdiger Reich verweisen darauf, dass die „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“ ein zentrales Postulat des Raumordnungsgesetzes sei und erklärtes Ziel der Bundesregierung. Seinem Erreichen dienten – neben dem Länderfinanzausgleich und dem Solidaritätszuschlag – unzählige Hilfsprogramme. Auf drei Seiten listet die Studie unterschiedlichste Projekte von Bund und Ländern auf, die dem Themenkomplex Landflucht-Überalterung-Daseinsvorsorge gewidmet sind – nur um schließlich zu dem Fazit zu gelangen, dass nachhaltige Erfolge bisher ausgeblieben seien. Es mache sich unter den Akteuren in Politik und Verwaltung, aber auch in der Bevölkerung und der Wirtschaft „zunehmend Ratlosigkeit“ breit.

Vor diesem Hintergrund sehen die Autoren zwei Möglichkeiten: Entweder die Politik verabschiede sich von dem Versprechen, gleichwertige Lebensverhältnisse für alle anzustreben. Oder aber man steuere entschlossen auf allen Ebenen um: Großmärkte auf der grünen Wiese sollten in ländlichen Räumen nicht mehr genehmigt werden. Nachteile für kleine Läden gegenüber großen Lebensmittelherstellern, etwa bei der Umlagebefreiung für erneuerbare Energien, seien abzubauen. „Es ist höchste Zeit, die Ansiedlung von Läden zur Grundversorgung aktiv zu steuern und sie ins Planungsrecht aufzunehmen“, so der Grüne Tressel.

Dessen ungeachtet halten die Studienautoren das Postulat „jedem Dorf ein Dorfladen“ für betriebswirtschaftlich nicht tragfähig. Vielmehr müsse der Zugang jedes Dorfbewohners zu Gütern des täglichen Bedarfs gesichert werden, etwa durch Lieferdienste, Sammeltaxis, Bürgerbusse oder Verkaufswagen.

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