Lade Inhalte...

Kündigungen Stresstest bei Siemens

Seit 2010 gilt ein Verbot betriebsbedingter Kündigungen - damit könnte nun Schluss sein.

Siemens-Generatorenwerk Erfurt
Es läuft nicht rund in der Kraftwerkssparte von Siemens. Foto: dpa

Es beißt sich. Wenn Siemens-Chef Joe Kaeser in drei Wochen die Bilanz des Anfang Oktober beendeten Geschäftsjahres 2016/17 und mutmaßlich satte Milliardengewinne vorlegt, könnte zeitgleich der größte Kahlschlag seiner Ägide verkündet werden. Noch werden die Details hinter den Kulissen verhandelt, aber es geht um gleich zwei Divisionen, darunter mit dem Kraftwerksgeschäft eine der tragenden Säulen des Unternehmens. Es geht um ganze Standorte auch in Deutschland. Tausende Jobs sind gefährdet. In Belegschaft und IG Metall trifft das auf gereizte Grundstimmung – und nun droht eine echte Zerreißprobe. 

Seit 2010 gilt beim Vorzeigekonzern ein unbefristeter Beschäftigungspakt mit Garantien für deutsche Standorte und einem Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen. Dem Vernehmen nach steht aber nun mindestens die Zukunft der ostdeutschen Werke Erfurt und Görlitz auf dem Spiel als zwei von deutschlandweit sieben Standorten in der Großkrisensparte Kraftwerksbau. 

Aber auch die großen Fabriken in Mühlheim und Berlin sowie die Standorte Erlangen, Offenbach und Duisburg zittern. Insgesamt arbeiten im Kraftwerksbau hierzulande 12.000 Beschäftigte. Weltweit sind es 30.000 Leute. Inklusive Service, der bei allen Abbauüberlegungen außen vor sein dürfte, sind es global 47.000 und in Deutschland gut 16.000 Beschäftigte. 

Ein Blutbad und das Aus für ganze Fabriken droht, weil konventionelle Kraftwerkstechnik vor allem in Europa nicht mehr gefragt ist. Wurden vor drei Jahren noch gut 200 große Kraftwerksturbinen bestellt, erwartet die Branche 2017 global noch 130 Bestellungen. Die Energiewende, die immer mehr Staaten ergreift, verschiebt die Nachfrage hin zu Solar- und Windfarmen sowie dezentralen Kleinkraftwerken. Letzteres ist ein Trend, den Siemens spät erkannt hat, was zur Verantwortung des Managements führt. 

Offen einräumen muss Siemens auch, dass Erzrivale General Electric (GE) derzeit die besseren und effizienteren Turbinen baut. Das schlägt in Zeiten einbrechender Nachfrage, branchenweiter Überkapazitäten und Preisverfall besonders zu Buche. 

Marktentwicklungen richtig einzuschätzen ist aber eine zentrale Managementaufgabe. In der Kraftwerkssparte haben Kaeser & Co. falsch gelegen. Erst 2014 wurde hier ein Abbauprogramm angekündigt für 4500 Stellen weltweit, davon knapp die Hälfte in Deutschland. Gestrichen sind bislang gut 1000 heimische Arbeitsplätze. Nun dürfte es dicker kommen. Und auch im Geschäft mit Prozessautomatisierung und Antrieben, wo jüngst schon eine vierstellige Stellenzahl abgebaut wurde, droht weiterer Kahlschlag. 

IG Metall kündigt Widerstand an

Die IG Metall kündigt bereits Widerstand an. Die heimische Belegschaft ist zunehmend verunsichert. Es ist nicht nur eine nicht endende Reihe von Streichkonzerten. Kaeser baut Siemens parallel zunehmend zu einer Finanzholding um. Jüngste Beispiele sind das Geschäft mit Eisenbahntechnik, das mit der französischen Alstom fusioniert wird, und das mit Windkraftwerken, das unter dem Namen Siemens-Gamesa firmiert. In beiden Fällen liegen die Zentralen nicht in Deutschland, wobei Siemens-Gamesa gerade zweimal in Folge seine Jahresprognosen abschwächen musste. 2018 bringt Siemens seine Medizintechnik an die Börse, wobei die IG Metall zu verhindern versucht, dass das in den USA geschieht. Die Gewerkschaft fürchtet um ihren Einfluss. Schwindet der, dürften das auch Beschäftigte in Deutschland spüren, speziell wenn größere Grausamkeiten drohen. 

So wie jetzt. Am 9. November präsentiert Kaeser die Siemens-Bilanz. Tags davor tagen Aufsichtsrat und Wirtschaftsausschuss. Dort will das Management Betriebsräten und der IG Metall sagen, wo und wie Kosten gesenkt, Stellen gestrichen oder Standorte geschlossen werden. Der Beschäftigungspakt von 2010 habe eine Hintertür, heißt es im Konzern schon einmal vorbereitend hinter vorgehaltener Hand. Er gelte nicht bei strukturellen Marktverschiebungen, wie sie im Kraftwerksbau fraglos vorlägen. Siemens steuert auf einen heißen Herbst zu. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Siemens - der Konzernumbau

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen