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Küken Vier Cent für ein Leben

48 Millionen männliche Küken werden jedes Jahr getötet. Das müsste nicht sein: Die Bruderhahn-Initiative weist einen Ausweg.

Schlank: der Bruderhahn. Foto: tma

Peter Schubert spricht mit hörbarem Stolz in der Stimme. „Der ist sportlich unterwegs, sitzt nicht nur rum wie ein Masthahn und ist weit weniger anfällig für Krankheiten“, sagt der Geflügelzüchter aus dem fränkischen Unterrüsselbach über seine munteren Gockel. Auch als Laie erkennt man eine drahtige Aggressivität. Schuberts Gockel sind nicht fett. Eigentlich dürfte es sie gar nicht geben, weil sie unwirtschaftlich sind. Anderswo werden männliche Küken gnadenlos aussortiert und gleich nach dem Schlüpfen vergast oder geschreddert. 48 Millionen Eintagsküken, wie sie im Jargon industrieller Landwirtschaft heißen, verlieren so hierzulande jährlich ihr Leben. Beim Verbraucher sorgt dies für einen kurzen Aufschrei. Danach wird oft weiterkonsumiert wie gehabt. Schubert und seinesgleichen bieten eine Alternative.

„Die Schwester sponsert die Aufzucht des Bruders“, erklärt der Bio-Züchter das Prinzip. Die Schwester ist in diesem Fall eine auf Fruchtbarkeit gezüchtete Henne. Fruchtbar ist eine Henne, wenn sie viele Eier legt. Dazu muss sie schlank sein. Das sind auch ihre männlichen Geschwister, was in der industriellen Tierhaltung dem Todesurteil gleichkommt. Denn die kennt nur zwei Sorten von Geflügel: solches, das viele Eier legt und solches, das schnell dick wird und sich billig mästen lässt. Ersteres wird zur Legehenne, Letzteres nach 35 Tagen Hochleistungsmast gewinnbringend geschlachtet.

Was übrig bleibt, sind die Brüder der Legehennen, die Bio-Züchter wie Schubert großziehen. „Das dauert 18 bis 20 Wochen und für ein Kilo Schlachtfleisch brauche ich vier Kilo Futter“, erklärt er. Bei Masthennen reichen dagegen 1,8 Kilo Futter. So gesehen sind Legehennen-Brüder völlig unwirtschaftlich. Diese Berechnung bricht die vom Bio-Geflügelspezialisten Carsten Bauck sowie den Bio-Verbänden Bioland und Demeter gegründete Bruderhahn-Initiative Deutschland (BID) auf. Über einen Aufschlag von vier Cent je Ei finanzieren Legehennen hier die Aufzucht ihrer geflügelten Brüder mit. Schubert ist einer der beiden Demeter Bio-Züchter in diesem Bereich und BID-Mitglied. Wer als Verbraucher Bruderhahn-Eier isst, kann also durch sein Kaufverhalten darauf Einfluss nehmen, ob männliche Küken unmittelbar nach ihrem Schlüpfen sterben oder nicht.

"Hochleistungsgeflügel" wird leichter krank

Schubert kann sich noch gut an die Hühnerzucht seines Großvaters erinnern. Alte Hühnerrassen sind damals dort herumgeflattert. Auf jährlich 200 bis 240 Eier haben sie es gebracht. Dann kamen in den 60er und 70er Jahren große Zuchtkonzerne mit Spezialzüchtungen, die heute die Ställe dominieren und es auf 320 Eier jährlich bringen. Ihr zweites Zuchtziel galt schnellwachsenden Masthühnern mit viel Körpermasse. Eier oder Fleisch lautete die Devise. Opa Schuberts Huhn, das beides lieferte, wurde ausgemustert.

Das hat allerdings seinen Preis, auch wenn Eier und Fleisch immer billiger wurden. Zum einen ist die damit einhergehende Massentierhaltung nicht jedermanns Sache. Zum anderen braucht industrielles Hochleistungsgeflügel auch spezielles Hochleistungsfutter und es wird leichter krank als ihre Vorfahren. Dazu kommt der Geschmack moderner Masthühner. „Ein Masthuhn schmeckt nach dem, was man als Gewürz drauf streut, ein Bruderhahn schmeckt nach Geflügel“, findet Schubert. Viele würden echten Geflügelgeschmack gar nicht mehr kennen. Das Fleisch sei dunkler, fester und man müsse es langsam garen.

Ausprobieren können das aber nur Verbraucher, die in der Nähe von Bio-Züchtern wie Schubert leben. Denn selbst in Bio-Läden wird Bruderhahn-Fleisch bislang kaum vermarktet. Bei Bruderhahn-Eiern ist das anders. Die findet man im Handel schon häufiger in Bio-Läden. Kleine Züchter wie Schubert können sich die Logistik zur Fleischvermarktung im größeren Stil nicht leisten. Deshalb ist er auf die Idee gekommen, Bruderhahn-Fleisch zu Wurst, Frikassee oder Geschnetzeltem zu verarbeiten und in Gläser abzufüllen. Das erfordert keine Kühlung und macht den Handel damit einfacher.

Sterben müssen Bruderhähne auch – aber nicht schon als Küken. 18.000 dieser kleinen Flauschkugeln hat der Bio-Züchter voriges Jahr das Leben per Aufzucht verlängert. 25.000 Küken sollen es dieses Jahr werden. Schuberts Ziel ist es, einmal gar keine seiner jährlich 60.000 männlichen Küken mehr aussortieren zu müssen. Noch besser wäre es, wieder das sowohl zum Eier legen als auch zum Schlachten taugende Federvieh seines Großvaters zu haben, findet der Franke.

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