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Kritik von Verdi Wie Amazon-Mitarbeiter schikaniert werden

Jeder Arbeitsschritt ist nachvollziehbar, jede Minute Verzögerung wird registriert. Laut der Gewerkschaft Verdi überwacht Amazon seine Mitarbeiter auf beängstigende Art und Weise.

Verdi kritisiert den Umgang von Amazon mit seinen Mitarbeitern scharf. Foto: REUTERS

Der weltweit größte Online-Händler Amazon hat die Überwachung seiner Belegschaft in den neun deutschen Verteil-Zentren offenbar in bisher unbekannter Weise perfektioniert. Nach Darstellung der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi  ist die Kontrolle durch das Management umfassend. Jeder Arbeitsschritt sei nachvollziehbar, jede Verzögerung werde registriert, jeder Leistungsabfall könne Konsequenzen haben, heißt es in der Berliner Gewerkschaftszentrale. Wer die Vorgaben nicht erfülle, müsse mit dem Verlust des Arbeitsplatzes rechnen.

Möglich ist die nahezu lückenlose Leistungskontrolle der mehr als 10 000 fest angestellten Amazon-Mitarbeiter durch Scanner, die das wichtigste Arbeitsmittel in den Warenlagern sind und wie  Fahrtenschreiber jeden Schritt aufzeichnen können. Verdi-Gewerkschaftssekretär Markus Hoffmann-Achenbach erklärt, wie das geht: Die mit Displays ausgestatteten Geräte informieren die „Picker“ genannten Lagerarbeiter  über abzuholende Waren und deren Standort in den Regalen. Dort angelangt, erfassen die Scanner Strichcodes der Regale und auch der einzelnen Waren, sobald diese in die Transportboxen gelegt wurden. Am Ziel wird die Ankunft der Lieferung nochmals registriert. „Das System weiß immer,  wer was in welcher Zeit transportiert“, sagt Hoffmann-Achenbach, der für das Lager in Brieselang bei Berlin zuständig ist.

Druck mit befristeten Verträgen

Und dieses Wissen bleibt nicht folgenlos. In sogenannten Feedback-Gesprächen werden Beschäftigte laut Hoffmann-Achenbach mit dem Hinweis auf die Leistungen von Kollegen massiv unter Druck gesetzt:  „Als Maßstab werden immer die Besten herangezogen und den anderen als Konkurrenten  präsentiert, die es zu übertreffen gilt.“  Dabei komme es dem Unternehmen zupass, dass viele Mitarbeiter nur befristet angestellt seien. Einerseits würden für überdurchschnittliche Leistungen unbefristete Verträge in Aussicht gestellt. Andererseits drohe man Beschäftigten mit weniger guten Leistungen damit, das befristete Arbeitsverhältnis nicht zu verlängern. Im Ergebnis handele es sich bei Amazon um bisher unbekannte Form der Akkordarbeit im Dienstleistungsbereich.

„Es herrscht ein enormer Druck“, bestätigt Thomas Schneider, Verdi-Gewerkschafter am Standort Leipzig. Erst vor kurzem sei der „Fast Start“, der schnelle Start in den Arbeitstag eingeführt worden: „Die Belegschaft ist gehalten, sämtliche Arbeitsmittel bereits vor Beginn der Schicht bereit zu halten, um nach der Morgenbesprechung sofort los legen zu können. Da zählt jede Minute.“  Und zwar für das Betriebsergebnis, und nicht für den Kunden, der laut Management im Mittelpunkt stehe, argwöhnt Schneider.

Eine einminütige Unterhaltung? Regelverstoß!

Wie sehr sich Amazon dem Big Brother George Orwells angenähert hat und dabei auch auf menschliche Spitzeldienste nicht verzichtet, belegen sogenannte  Inaktivitätsprotokolle. In einem internen Schriftstück, das dieser Zeitung vorliegt, ist von einem Mitarbeiter die Rede, der „in der Zeit von 7:27 bis 7:36 inaktiv“ gewesen sei. Zwei „Area Manager“ hätten beobachtet, wie der Angestellte mit einem Kollegen „zwischen den Receive Plätzen 05-06 und 05-07 am 3Level Conveyor in Halle 2“ unterhalten habe. Vermerkt wird im Folgenden, besagter Mitarbeiter sei bereits zuvor zweimal durch jeweils ein- und zweiminütige Unterhaltungen aktenkundig geworden.  Man habe ihn daher „im Gespräch belehrt“, dass damit die „arbeitsvertragliche Pflicht zur Erbringung der Arbeitsleistung verletzt“ worden sei.

„Amazon hat ein System totaler Kontrolle, Gängelung und Maßregelung geschaffen“, sagt Schneider. Laut Management stehe zwar der Kunde im Mittelpunkt, in Wahrheit aber gehe es nur um das Betriebsergebnis. Darunter litten auch Führungskräfte, wie Schneider in inoffiziellen Gesprächen  aus erster Hand erfahren haben will. Laut Verdi-Zentrale ist der Krankenstand der Belegschaft entsprechend hoch und liege an einzelnen Standorten bei 15 bis 20 Prozent. So schlimm wie in der Amazon-Zentrale in Seattle an der amerikanischen Westküste gehe es in Deutschland aber nicht zu, glaubt Gewerkschafter Schneider.

Die New York Times hatte in einer Aufsehen erregenden Reportage Anfang der Woche von Managern berichtet, die infolge des ungeheuren Leistungsdrucks seelisch zusammen brächen, aus Furcht vor Konsequenzen Dienstreisen selbst bezahlten und E-Mails auch nach Mitternacht beantworteten. Amazon-Chef Jeff Bezos hatte den Bericht mit den Worten zurück gewiesen,  er würde ein Unternehmen, wie es die  Times beschrieben habe,  sofort verlassen. Dies sei nicht das Amazon, das er kenne.

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