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Kreuzfahrtschiffe Schmutzige Pötte auf See

Der Nabu fordert von den Reedereien die Umstellung auf sauberere Kraftstoffe für Kreuzfahrtschiffe.

Kreuzfahrtschiff
Rauch und Ruß - billiger und umweltschädlicher Kraftstoff treibt die meisten Kreuzfahrtschiffe an. Foto: dpa

Es ist ein Boom ohnegleichen. Die Zahl der Menschen in Deutschland, die Meere und Flüsse auf einem Kreuzfahrtschiff bereisen, hat sich seit 1995 fast verneunfacht: von 309 000 auf 2,7 Millionen im vergangenen Jahr. Auch in anderen Ländern verkaufen sich Kreuzfahrten wie geschnitten Brot: Nach Angaben des Europäischen Kreuzfahrtverbands Clia stieg die Zahl der Urlauber auf hoher See zwischen 2014 und 2016 weltweit von 22 auf 24,7 Millionen an. Den Beitrag der Kreuzfahrtindustrie zur europäischen Wirtschaftsleistung beziffert Clia für 2017 mit fast 48 Milliarden Euro. Gegenüber der vorangegangenen Erhebung aus dem Jahr 2015 bedeutet das ein Plus von annähernd 17 Prozent. Kreuzfahrten boomen. Kreuzfahrten sind ein Milliardengeschäft.

Und sie machen Dreck. Denn betrieben werden die schwimmenden Hochseehotels mit dem billigsten und zugleich umweltschädlichsten Kraftstoff überhaupt: mit Schweröl. Dabei handelt es sich um ein Abfallprodukt der Erdölraffinerien, das nur etwa halb so viel kostet wie Diesel, dafür aber ein Vielfaches an Schadstoffen enthält: das Treibhausgas CO2 und giftige Schwermetalle, gesundheitsschädliche Schwefel- und Stickoxide, Feinstaub und Rußpartikel.

Klimawandel, saurer Regen und Korallensterben sind das eine, schwerwiegende gesundheitliche Auswirkungen das andere: Wissenschaftler der Universität Aarhus schätzen, dass in Europa jährlich bis zu 50 000 Menschen durch Gesundheitsbelastungen der Schifffahrt vorzeitig sterben.

Zu einem Umdenken haben diese Befunde bei den großen Kreuzfahrtveranstaltern bisher nur in Einzelfällen geführt. In einer aktuellen Bestandsaufnahme von 77 Kreuzfahrtschiffen auf dem europäischen Markt gelangt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) zu dem Ergebnis, dass nur ein einziges Schiff ohne Schweröl auskommt: Die 2018 in Dienst gestellte Aida Nova mit Platz für 6600 Passagiere pflügt angetrieben vom Flüssiggas LNG durch die Wellen und gilt derzeit als umweltfreundlichstes Kreuzfahrtschiff der Welt. Auf Rang zwei landet die Europa 2 von Hapag-Lloyd. Das für 500 Gäste ausgelegte Schiff fährt zwar wie alle übrigen mit Schweröl, verfügt aber immerhin über einen Stickoxid-Katalysator und bezieht während der Hafenliegezeiten Landstrom – anstelle selbsterzeugter Energie aus Dieselgeneratoren. Es fehlt aber ein Rußpartikelfilter.

Über einen solchen verfügen die Aida-Schiffe Prima und Perla wie auch über Schwefelkatalysatoren, allerdings sind beide Modelle laut Nabu bisher nur zu Testzwecken und nicht dauerhaft im Einsatz. Für die Plätze drei und vier reicht es dennoch. Es folgen fünf Tui-Cruiser der Marke „Mein Schiff“, ein weiterer Hochseekreuzer von Aida (Sol), drei von Hapag-Lloyd (Bremen, Hanseatic, Europa) sowie die Le Champlain und Le Laperouse des französischen Anbieters Ponant, die allesamt zumindest rudimentäre Umweltanforderungen erfüllen. Die übrigen 62 Schiffe, darunter auch die der großen Anbieter MSC Cruises, Celebrity Cruises und Royal Caribbean, sind wahre Dreckschleudern. Dazu zählen auch sechs der neun „modernsten“, erst 2018 in Dienst gestellten Modelle.

„Es ist ein Skandal, dass im Jahr 2018 immer noch Schiffe auf den Markt kommen, die auf Schweröl als Treibstoff ausgelegt sind und keine wirkungsvolle Abgastechnik einsetzen“, befindet Nabu-Geschäftsführer Leif Miller. Insbesondere in großen Hafenstädten litten die Menschen unter den erheblichen Luftverunreinigungen des Kreuzfahrtenbooms. „Doch die Reeder entziehen sich ihrer Verantwortung“, kritisiert der Naturschützer. Der Umstieg auf das weitaus schadstoffärmere Flüssiggas LNG verringere die gesundheitlichen Belastungen erheblich und müsse daher vorangetrieben werden.

Wie? Der Nabu plädiert dafür, schwimmenden Dreckschleudern ab 2020 die Einfahrt in europäische Häfen schlicht zu untersagen. Bis dahin hätten die Reeder Zeit, auf sauberere Kraftstoffe umzustellen, wirkungsvolle Reinigungsanlagen einzubauen und sich mit Landstrom zu versorgen.

Dabei sei selbst der Vorzeigekraftstoff LNG kein „Heilsbringer für die Schifffahrt“. Denn beim Verbrennen des Flüssiggases werde fast ebenso viel klimaschädliches CO2 frei wie durch Dieselaggregate. Die Branche sei daher aufgerufen, CO2-arme Antriebssysteme zu entwickeln.

Gefordert ist sie in der Tat, da zumindest der Abschied vom Schweröl in greifbare Nähe rückt: Von 2020 an dürfen Schiffe auf hoher See nur noch Treibstoffe mit einem Schwefelgehalt von höchsten 0,5 Prozent verbrennen. Bisher liegt der Grenzwert bei 3,5 Prozent, allein in küstennahen Gewässern wie der Ostsee und Teilen der Nordsee gilt bereits eine Obergrenze von 0,1 Prozent. Für die Schweröl-Kreuzer bedeutet das: Einbau teurer Abgasreinigungsanlagen; oder gleich den Umstieg auf Diesel oder Flüssiggas.

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