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Kreislaufwirtschaft Was von der Jeans übrig bleibt

Ein afrikanischer Einfuhrstopp für Altkleider treibt Innovationen in der Textilverwertung voran.

Kenia
Altkleiderhändler auf dem Gikomba-Markt in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Foto: afp

Vom Ruß geschwärzte Wellblechhütten, verkohlte Händlerstände, verbrannte Textilien. Das ist alles, was von vielen Ständen auf dem Gikomba-Markt in Nairobi übrig blieb. Ein Feuer zerstörte im vergangenen September Teile des größten Marktes für Secondhand-Kleidung in Ostafrika. Viele Menschen sind in Nairobi von dem Handel mit Secondhand-Ware abhängig und verloren zumindest vorübergehend durch die Flammen ihre Lebensgrundlage. 

Der Markt in der kenianischen Hauptstadt ist ein Zentrum für den afrikanischen Kleiderhandel. In rund 45 Kilogramm schweren Ballen - sogenannten Mitumbas - werden abgetragene Jeans, Blusen, T-Shirts oder Anzüge nach Afrika verschifft. Textilien, die in Deutschland und anderen europäischen Staaten in Altkleidercontainern gelandet sind und auf dem Nachbarkontinent weiterverkauft werden.

Doch durch ein Einfuhrverbot für Altkleidung und -schuhe, das in sechs ostafrikanischen Staaten ab 2019 in Kraft treten soll, steht dieses für beide Seiten lohnende Geschäft vor dem Aus. Mit dem Ziel, eine eigene Bekleidungsindustrie aufzubauen, wollen Ruanda, Kenia, Burundi, Tansania und Uganda Mitumbas verbannen. Einzelne Staaten haben im Vorfeld des Importstopps bereits die Einfuhrzölle für die Altkleider-Ballen drastisch erhöht.

Billigkleidung überflutet den Markt

Auch deshalb steht die Altkleider- und Textilverwertungsbranche vor neuen Herausforderungen. Denn immer kürzere Modezyklen lassen die Alttextilmengen rasant steigen. Modehäuser wie Primark überfluten den Markt mit Billigkleidung. Bereits heute verbrauchen die Deutschen laut einer Studie des Bundesverbands Sekundärrohstoffe und Entsorgung (Bvse) 1,35 Millionen Tonnen Textilien pro Jahr, von denen etwa eine Million Tonnen in Textilsammlungen abgegeben werden. Die Altkleider landen der Bvse-Studie zufolge zu 75 Prozent in der Wiederverwertung, der Rest wird in Mülltonnen entsorgt.

Was Spender in die Altkleider-Container    von karitativen Organisationen oder kommerziellen Sammlern werfen, kaufen Recyclingunternehmen auf. Im Anschluss sortieren die gewerblichen Verwerter die Ware von Hand nach Qualität und Kategorien. Laut Nicole Kösegi von der Boer Group, einem Textilverwerter, bleibt die Wiederverwendung immer das erste Ziel. Weiterhin tragbare Secondhand-Ware wird bislang hauptsächlich nach Afrika exportiert.

Das bevorstehende ostafrikanische Importverbot treibt nun auch die Textilverwerter an, neue Recyclingverfahren zu entwickeln. Unternehmen entdecken entsorgte Textilien zunehmend als möglichen Rohstoff von morgen und setzen sie als Rohmaterial für neue Produkte ein.

Im zur Zeit gängigen maschinellen Recyclingverfahren werden Textilien entweder als Putzlappen weiter verwendet oder von einem Reißwolf zerkleinert. Aus den Fasern entstehen anschließend etwa Malerdecken oder Dämmmaterial für Autos. Die zerstückelten Fasern können aber laut Kösegi nur mit geringerer Qualität wiederverwendet werden. Was von einer Jeans übrig bleibt, kann beispielsweise nicht wieder zu einer neuen Jeans verarbeitet werden, sondern nur zu einem minderwertigeren Produkt. 

Der Trend zu Billigklamotten lässt dabei die Textilqualität immer weiter sinken und erschwert damit laut Kösegi die Wiederverwendung der Fasern. Doch die Unternehmen könnten die Wiederverwertung optimieren, indem sie Textilien in ihre einzelnen Bestandteile trennen. 


Pailak Mzikian von der Firma Soex aus Ahrensburg bei Hamburg, das nach eigenen Angaben weltweit führende Alttextilunternehmen, setzt große Hoffnungen auf chemische Trennverfahren. Dabei werden Textilien in ihre Bestandteile aufgespalten und können somit effizienter wiederverwertet werden. Durch die chemische Aufspaltung von Textilfasern entstehen Grundstoffe wie Zellulose, Polyester und tierische Fasern. Laut Mzikian können diese Stoffe zu Bio-Treibstoff, neuen Textilien oder Klebstoffen verarbeitet werden. Abgetragene Shirts oder kaputte Jeans finden auf diese Weise vielseitig neue Verwendung. Bis diese Technologie aber gewinnbringend einsetzbar sei, werde noch einige Zeit vergehen, sagt Mzikian.

Auch auf europäischer Ebene laufen bereits erste Projekte zur Erforschung innovativer Technologien. Die EU fördert das Projekt Resyntex mit neun Millionen Euro. Resyntex verbindet 20 europäische Partner aus der gesamten Kette der Textilverwertung. Durch Forschung und Unterstützung innovativer Ideen sollen hiervon Impulse für den Textilkreislauf ausgehen. 

Neben technischen Problemen sind es aber vor allem strukturelle Schwierigkeiten, die der Branche zu schaffen machen. Illegale Sammlungen erschweren das Geschäft von karitativen Organisationen und angemeldeten Unternehmen. Unrechtmäßig aufgestellte Container und nicht genehmigte Sammlungen verhindern eine größere Transparenz im Textilkreislauf. 

Außerdem fehlt es hierzulande noch an branchenweit verbindlichen Standards und Regelungen für eine materialschonende Erfassung und Verarbeitung von Alttextilien, wie die Gemeinschaft für textile Zukunft (Gftz), ein Zusammenschluss von Textilverwertern, sie propagiert. 

Der nachhaltigste Umgang mit Ressourcen zur Herstellung von Textilien besteht allerdings darin, möglichst langlebige Kleidung zu kaufen, betont Andreas Voget, Geschäftsführer des Dachverbands Fairwertung e.V. Das spart eine Menge Wasser, Energie und reduziert den Einsatz von Pestiziden bei der Baumwollerzeugung für neue Textilien.

Dennoch aussortierte und gut erhaltene Kleidung können Konsumenten auch direkt in Secondhand-Läden bringen - und erhalten dafür auch noch ein paar Euro. Wer dabei nicht nur der Umwelt etwas Gutes tun möchte, kann die im heimischen Schrank aussortierten Stücke zum Beispiel auch Oxfam überlassen. Die Organisation finanziert mit dem Erlös aus dem Verkauf ihre Arbeit in Entwicklungsländern. 

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