Lade Inhalte...

Krankenhäuser „Wer Kliniken schließt, erlebt einen Shitstorm“

Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, spricht im Interview über Gesundheitszentren in der Fläche, die hohe Zahl von Operationen und den Mangel an Pflegekräften.

Krankenpflege
„Das Personal reicht derzeit aus, um die notwendige Pflege zu gewährleisten“, sagt Gerald Gaß. Foto: imago

Der Terminplan von Gerald Gaß für seine Aufenthalte in Berlin ist stets eng gepackt. Wie alle wichtigen Verbände des Gesundheitswesens hat auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft, deren Präsident Gaß seit Anfang des Jahres ist, ihren Sitz in Berlin. Gaß arbeitet aber weiter in mehreren Jobs in Rheinland-Pfalz. Um Zeit zu sparen, wählen wir als Treffpunkt die Zentrale des Deutschen Städtetags, wo Gaß an einer Konferenz teilgenommen hat. Ein Gespräch über Klinikbetten, Hüft-OPs und Zuwendung. 

Herr Gaß, können Sie sich vorstellen, von wem dieses Zitat stammt: „Nötig ist eine Bereinigung der Krankenhauslandschaft. Wenn eine Abteilung schlecht arbeitet, muss sie auch mal geschlossen werden“?
Das könnte ein Vertreter der Krankenkassen gewesen sein. Denen geht es immer ums Sparen – unter dem Deckmantel der Qualitätssicherung. 

Tatsächlich klingt das wie eine Argumentation der Kassen. Aber nein, das Zitat ist vier Jahre alt und stammt vom CDU-Politiker Jens Spahn, der gerade Gesundheitsminister geworden ist. Da kommt also Unangenehmes auf Sie zu, oder? 
Ich gehe davon aus, dass Herr Spahn sich alle Seiten anhören und mit uns als Krankenhausgesellschaft genauso konstruktiv zusammenarbeiten wird wie mit den Kassen und anderen Akteuren im Gesundheitswesen. Es geht immerhin um eine zukunftsfähige Krankenhauslandschaft.

Dann lassen Sie uns die Probleme einmal eingrenzen: Kassen und viele Experten sagen, es existierten in Deutschland zu viele Kliniken mit zu vielen Betten. Tatsächlich steht im Schnitt jedes vierte Bett leer. Es stimmt also, dass es Überkapazitäten gibt?
Über die gesamte Bundesrepublik betrachtet: nein. Punktuell aber schon. Auch hier müssen wir jedoch vorsichtig sein. Die Grippewelle hat dazu geführt, dass es in einigen Regionen von Nordrhein-Westfalen derzeit kein einziges freies Intensivbett mehr gibt. Betroffen sind vor allem Gebiete, in denen es tatsächlich viele Kliniken gibt. Unsere Kapazitäten müssen also so ausgelegt sein, dass wir auch Spitzen abfangen können. 

Aber es muss ja möglich sein, in derartigen Situationen Patienten auch einmal etwas weiter entfernt von zu Hause zu versorgen. Der bisherige Gesundheitsminister Hermann Gröhe hatte ein Bonmot parat: Im Ruhrgebiet könne man als Patient noch auf eigenen Füßen die Klinik wechseln, bevor eine Narkose wirke. 
Wir sind längst in der Situation, dass Patienten in entfernteren Kliniken untergebracht werden müssen. Ich bleibe dabei: Mal eben locker zu sagen, wir bauen die Kapazitäten um zehn oder 20 Prozent ab und haben dann immer noch genug, ist unverantwortlich. Das gilt auch deshalb, weil durch den demografischen Wandel der Versorgungsbedarf steigt. Ältere Menschen benötigen zum Beispiel nach einer Operation eine intensivere Betreuung als Jüngere.

Unabhängig von der reinen Bettenzahl: Haben wir in Deutschland die richtige Zahl von Kliniken und sind die Standorte geeignet? Die Kassen bringen immer folgendes Beispiel: In Niedersachsen gibt es 170 Kliniken, in Dänemark mit ähnlicher Größe und Bevölkerungszahl sind es nur 40! Haben wir in Deutschland eine optimale Krankenhauslandschaft?
Es gibt nicht die optimale Struktur. Wir brauchen vielmehr eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, welches Maß an Versorgung die Bevölkerung für notwendig erachtet und wie viel sie dafür bereit ist zu zahlen. Es muss zum Beispiel diskutiert werden, welchen Zugang die Bevölkerung im ländlichen Raum zu Gesundheitseinrichtungen haben soll. Grundsätzlich ist die Krankenhausplanung Ländersache. Die Politik muss auf Basis eines gesellschaftlichen Konsenses entscheiden, ob sie Standorte schließen, zusammenlegen oder verstärken will. 
 
Das funktioniert erkennbar gar nicht. Kommunalpolitiker verteidigen jede Klinik, weil sie einen Konflikt mit den Wählern scheuen. Wie kommt man aus diesem Dilemma heraus?
Wer die Verantwortung hat, muss sie auch wahrnehmen. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum