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Konjunktur „Es ist eine Art neues Wirtschaftswunder“

Deutschland steht vor dem längsten Aufschwung seit über 50 Jahren und ein Ende ist nicht in Sicht. Auch im gesamten Euro-Raum boomt die Wirtschaft. Woran liegt das?

Salzgitter AG
In der deutschen Wirtschaft läuft’s rund, so wie beim Stahlhersteller Salzgitter. Foto: dpa

Das Wachstum der Wirtschaft übertrifft alle ohnehin schon optimistischen Erwartungen. Deutschland steht vor dem längsten Aufschwung seit über 50 Jahren. „Es ist eine Art neues Wirtschaftswunder“, sagte der Ökonom Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat. Und Deutschland ist keine Ausnahme mehr – mit dem gesamten Euro-Raum geht es inzwischen kräftig bergauf, an den Finanzmärkten ist von „Europhorie“ die Rede. Ein Ende des Aufschwungs ist vorerst nicht abzusehen. Denn die Unternehmen beginnen endlich wieder mehr zu investieren. „Die nächste Stufe der Wachstumsrakete zündet“, meldet die Allianz.

Im dritten Quartal 2017 wuchs das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem Vorquartal um 0,8 Prozent, meldete am Dienstag das Statistische Bundesamt. Ökonomen hatten im Durchschnitt nur mit 0,6 Prozent gerechnet. Zudem revidierten die Statistiker das Wachstum für das erste Quartal von 0,7 auf 0,9 Prozent nach oben. Schon jetzt ist klar, dass für das Gesamtjahr ein Wert von deutlich über zwei Prozent ansteht. Damit hatte zu Jahresbeginn niemand gerechnet.

Wirtschaftswachstum dank Exporten

Angetrieben wurde das Wachstum zuletzt von den Exporten. Die deutsche Wirtschaft profitiert von dem stetig zunehmenden Welthandel. Denn die Welt erlebt ihren ersten synchronen Aufschwung seit der vergangenen Krise.

Auch in der Euro-Zone hält der Auftrieb an. Hier wuchs die Wirtschaftsleistung zwischen Juli und September um 0,6 Prozent. „Der nächste Wachstumskracher im Euro-Raum“, begeisterte sich Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe. Frankreichs Wirtschaft schließt langsam zur deutschen auf, selbst Problemkandidat Italien wird vom Sog erfasst – beide verzeichneten im dritten Quartal ein BIP-Plus von 0,5 Prozent. Analysten sagen den Unternehmen der Währungsunion kräftig steigende Gewinne voraus. Die gute Konjunktur wird ebenfalls dafür sorgen, dass die Schulden der Euro-Staaten mittelfristig deutlich sinken werden.

Die Arbeitslosigkeit im Euro-Raum ist in den vergangenen zwei Jahren von knapp zwölf auf nun unter neun Prozent gefallen. Damit liegt sie noch immer recht hoch, was auf das Wachstum der Löhne deutlich drückt. Die EU-Kommission mahnt, die Mitgliedstaaten müssten „entschlossen handeln, um dafür zu sorgen, dass die Früchte des Aufschwungs gerecht verteilt werden“.

Investitionen der Unternehmen treiben Konjunktur an

Neben den Exporten waren es zuletzt die Investitionen der Unternehmen, die die deutsche Konjunktur antrieben. Die Firmen geben mehr für Anlagen und Maschinerie aus, um ihre Produktion zu erweitern. Das ist kein Wunder: Die Kapazitäten der Industrie sind derzeit zu 87 Prozent ausgelastet und damit so stark wie vor der Krise 2008. Bei den Investitionen „zeichnet sich ein zweiter Frühling ab“, schwärmt die Commerzbank. Dies sei bemerkenswert, da die Gewinnspannen der Unternehmen fielen, die Lohnstückkosten stiegen und Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt habe.

Die EU-Kommission prognostiziert der Euro-Zone für das laufende Jahr mit 2,2 Prozent das stärkste Wachstum seit zehn Jahren. Im Januar lagen die Prognosen noch bei 1,4 Prozent. Für Deutschland haben die Volkswirte ihre Vorhersage nun auf 2,2 bis 2,5 Prozent für dieses Jahr angehoben, für 2018 wird ein ähnlicher Wert erwartet. Dem Aufschwung geht so bald nicht die Puste aus. Denn er ist breit angelegt, die niedrigen Zinsen treiben Investitionen und Bautätigkeit an, die Beschäftigung steigt und damit Einkommen. Die Stimmung bei den Unternehmen erlebt „einen Höhenrausch“, so Ökonom Krüger. Der Ifo-Geschäftsklimaindex hatte im Oktober ein neues Rekordhoch erreicht. Zweifel am Bestand der Währungsunion sind verstummt.

Angesichts der guten Lage sieht der Wirtschaftsweise Bofinger keine Notwendigkeit für eine Neujustierung der Politik in Deutschland. In den vergangenen Monaten hatten Ökonomen vielfach vor Reformmüdigkeit und schlechterer Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gewarnt, kritisiert wurden Maßnahmen wie die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns und die Aufstockung von Sozialleistungen. „Für derartige Klagen läuft es einfach zu gut“, sagte Bofinger. „Es zeigt sich, dass ein gut ausgebautes Sozialsystem mit einer dynamischen Wirtschaft problemlos vereinbar ist.“

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